Interview : „Unsere politische Elite ist korrupt“

Der ukrainische Alltag ist voller Fallstricke, sagt Andrej Kurkow. Hier erklärt er, warum seine Landsleute dringend eine Demokratie-Droge brauchen

Interview: Jens Mühling Esther Kogelboom
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Andrej KurkowFoto: Roger Eberhard

Herr Kurkow, wir haben ein bisschen Angst, dass wir jetzt mit Ihnen Wodka trinken müssen.

Nein, nein. Sie haben wohl noch nicht von dem Kulturwechsel gehört, der in Kiew stattgefunden hat? Man trinkt neuerdings sehr viel mehr Bier als Wodka. Das ukrainische Wasser ist so wunderbar weich, es eignet sich ausgesprochen gut zum Bierbrauen.

Was bedeutet diese einschneidende Veränderung für die ukrainische Seele?

Zunächst einmal kann man daran ablesen, dass wir es mit einer neuen Generation zu tun haben: Die Ukraine ist ja ein sehr junges Land. 30 Prozent der Gesamtbevölkerung sind nach 1985 geboren. Daher wimmelt es nur so von Studenten. Wenn die jungen Leute also lieber Bier trinken als Wodka, bedeutet das, dass sie mehr von der Welt um sich herum wahrnehmen. Man kann zum Beispiel nicht gleichzeitig Zeitung lesen und Wodka trinken, das ist unmöglich. Aber mit einem Bier neben sich geht das. Eine gute Entwicklung.

Wir haben gehört, Ihre Frau habe sich gegen die wilden Partys bei Ihnen zu Hause gewehrt.

Ach, das ist schon lange her. Damals haben wir regelmäßig private Ausstellungen veranstaltet und hatten bei den Vernissagen gut und gerne 50 Künstler in der Wohnung, für die wir gekocht und den Wodka bereitgestellt haben. Dann kamen die Kinder, unsere Jüngste kommt jetzt in die Schule, und nun haben wir weniger Vernissagen und mehr Kindersorgen, ganz normal.

Sie haben sechs Kinderbücher geschrieben, die es leider nur auf Russisch gibt.

Gerade erscheint das Siebte. Es heißt „Warum niemand das Igelchen streichelt“. Der Protagonist, ein Igel, ist schwer depressiv, weil er täglich sieht, wie die Menschen Katzen, Hunde und Pferde streicheln. Dann freundet er sich mit einem Mäuschen an, das ihm erklärt, dass die Leute nun mal keine Wildtiere streicheln – und ein Igel ist eben ein wildes Tier.

Der Igel glaubt das?

Ja!

Tiere spielen auch in Ihren Büchern für Erwachsene eine ganz besondere Rolle, allen voran der melancholische Pinguin Mischa aus „Picknick auf dem Eis“ und „Pinguine frieren nicht“. Warum schreiben Sie so gerne über traurige Tiere?

Ein bisschen Drama muss sein! Ich habe schon immer gerne über traurige Tiere geschrieben. Als kleiner Junge hatte ich drei Hamster, die in einer Glasflasche für eingeweckte Tomaten lebten. Manchmal habe ich sie frei gelassen, damit sie herumlaufen konnten. Den ersten hat mein Vater mit der Tür eingeklemmt. Der zweite wurde von einer Katze vertilgt. Der dritte fiel vom Balkon, aus dem fünften Stock.

Wie haben Sie das verarbeitet?

Mit meinem ersten Gedicht. Ich schrieb es allerdings bereits, als der letzte Hamster noch am Leben war. Es ging also um die Einsamkeit des Hamsters, der zwei Freunde verloren hat.

Sie können es bestimmt nicht mehr auswendig.

„Es waren einmal drei Freunde

Drei lustige kleine Hamster

Sie lebten glücklich und hatten sich lieb

Und spielten immerzu miteinander

Doch für alle drei Freunde

Kam die Zeit, sich zu trennen

Der erste spielte in der Tür

Und in der Tür kam er auch um

Der zweite saß auf der Straße

Als eine listige Katze kam

Ihn verschlang, und das war’s mit ihm

Nur der Dritte ist noch am Leben

Trinkt Milch aus dem Schälchen

Isst Körner, kaut Möhrchen

Doch sehnt er sich nach einem Freund

Einem lieben Freund

Ohne Freunde kann man nicht leben.“

Wie traurig!

Mein zweites Gedicht handelte dann nicht mehr von Hamstern, sondern von Lenin.

War Ihr Lenin auch einsam?

Ich glaube schon . Ich habe mir bereits seit langem vorgenommen, bei meinen Eltern in den alten Sachen zu stöbern. Auch meine alten Tagebücher müssten noch existieren. Meine Mutter hat immer mit Rotstift ihre Kommentare an den Rand geschrieben, zum Beispiel: „Es ist eine Schande für einen sowjetischen Menschen, so etwas zu schreiben.“

Ihr Vater war Testpilot beim Militär. Hatten Sie als Junge Lust, ihm nachzueifern?

Nie, in diesen Flugzeugen war es mir viel zu laut. Zuerst wollte ich Archäologe werden, dann Botaniker. Ich habe Kakteen gesammelt – bis ich an die 1400 Stück besaß.

Wie bitte? 1400 Kakteen?

Ich dachte, niemand mag sie, so wie das Igelchen in dem Kinderbuch, und da bekam ich Mitleid. Es gibt so viele unterschiedliche Sorten: seltene wie die lebendigen Steine, zu deren Gattung Lithops, Pleiospilos und Frithia gehören, künstliche wie die blauen japanischen. Ich machte Experimente mit Kakteen und versuchte, neue Sorten zu entwickeln, indem ich ihnen Teile abschnitt und auf andere Exemplare verpflanzte.

Wo haben Sie die vielen Kakteen aufbewahrt? In Ihrem Zimmer?

Sie standen in der ganzen Wohnung. Auf jedem Fensterbrett und auf Regalbrettern, die wir vor den Fenstern angebracht hatten, und im Wintergarten. Das hatte natürlich zur Folge, dass es in unserer kleinen Wohnung recht dunkel war. Das Gute war, dass ich damals mein Gedächtnis trainiert habe: Ich wusste die lateinischen Namen aller Kakteen. Manche fallen mir heute noch ein, wenn ich in den Botanischen Garten gehe.

Wie kam es, dass Sie mit dem Sammeln nicht aufhören konnten? Wie erklären Sie sich diese Leidenschaft?

Nun, ich war schon von Kindesbeinen an der maximalistische Typ. Ich hatte das gleiche Problem später mit Schallplatten. Zuerst sammelte ich altes Vinyl, dann Grammophone. Ich habe auch eine Sammlung von altem Besteck: Messer, Gabeln, Löffel, Würfelzuckerzangen in allen Variationen. Ich liebe einfach alte Sachen. Ein wenig enttäuscht bin ich jetzt, dass meine Kinder gar nichts sammeln wollen.

Herr Kurkow, sind Sie eigentlich ein ukrainischer Schriftsteller? Schließlich schreiben Sie auf Russisch.

Natürlich bin ich ein ukrainischer Schriftsteller. Die Ukraine, über die ich schreibe, ist nunmal kein monoethnisches Land. Offiziell gibt es 14 Millionen Ukrainer, die Russisch sprechen und schreiben, inoffiziell sind es noch viel mehr. Selbst unser Präsident Juschtschenko spricht nur schlecht Ukrainisch – und holt sich trotzdem als Bildungsminister einen Mann, der durchsetzen will, dass an Universitäten und Schulen nur noch Ukrainisch gesprochen wird. So eine Dummheit!

Wenn man mit jungen Ukrainern redet, gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Energie der Orangenen Revolution verpufft ist.

Diese Generation ist zynisch geworden, ja. Die Leute haben verstanden, dass die sogenannten demokratischen Führer sie in Wirklichkeit nur für ihre eigenen Interessen benutzen. Und die nächste Chance der Ukraine, eine wahrhaftige Politik zu machen, wird erst in 15, 20 Jahren kommen.

Wenn man Ihre Bücher liest, wirkt es, als gäbe es für einen Ukrainer immer zwei Möglichkeiten: entweder ein rechtschaffener Bürger zu sein, ohne es besonders weit zu bringen, oder als Kleinkrimineller über Schleichwege rasch zu Wohlstand zu kommen.

Das ist in der Realität ganz ähnlich. Die Ursache ist, dass die Leute natürlich sehen: Unsere politische Elite ist korrupt. Warum sollten sie also nicht auch selbst das Recht haben, es auf illegalem Wege zu versuchen?

Können Sie uns ein Beispiel nennen für ein klassisches Kavaliersdelikt?

Na, den Arzt bestechen. Man sagt, dass 90 Prozent des Einkommens der Ärzte aus Schwarzgeld bestehen. Oder wenn man ins Gericht muss, das sagen jedenfalls meine Freunde, dann gibt es da Listen, welches Urteil was kostet.

Also wundert es Sie nicht, dass so viele Menschen zynisch geworden sind?

Nein. Warten Sie, mir fällt noch ein Beispiel ein. Meine Frau und ich haben ein Haus im Landkreis Schytomyr. Jeder der 550 Landkreise ist sozusagen eine eigene kleine Ukraine und bekommt alle zwei Jahre einen neuen Verwaltungschef. Unser Verwaltungschef ist schon vor längerer Zeit in den Knast gewandert, weil er Ländereien doppelt verkauft hat – ohne die Leute zu informieren, an die er es verpachtet hatte. Er wurde festgenommen, als ihm ein Koffer mit 800 000 Griwna, das sind 65 000 Euro, in bar übergeben wurde. Seitdem haben wir keinen Verwaltungschef mehr.

Wer Ihren Roman „Ein Freund des Verblichenen“ liest, könnte fast auf die Idee kommen, dass Sie sich in diesen Milieus verdächtig gut auskennen.

Das Buch ist 1994 und 1995 entstanden. Alles, was in „Ein Freund des Verblichenen“ passiert …

… ein frisch verlassener Mann setzt einen Killer auf sich selber an, verliebt sich neu und muss dann vor seinem Auftragsmörder fliehen  …

… wäre damals möglich gewesen. Viele Menschen haben überlegt: Soll ich meine Moral ein paar Jahre vergessen, bis sich die gesellschaftliche Lage wieder eingependelt hat – und dann wieder ins ehrliche Lager wechseln?

Haben Sie Ihre Moral über Bord geworfen?

Ich erinnere mich nicht mehr.

Sie können sich lateinische Namen von 1400 Kakteen merken! 

Ich habe Dokumente gefälscht. Ich erfand einen Verlag, um in einer Druckerei meine Bücher drucken zu lassen. Dann habe ich mir Geld geborgt, um Werbeflächen auf Bussen zu mieten: „Andrej Kurkow – der Bestseller des Jahres 1994“. Das war im Jahr 1993.

Sie haben einmal gesagt, die Ukrainer würden am Zoo-Syndrom leiden. Sie säßen im Käfig und warteten auf die tägliche Fütterung.

Bei den älteren Leuten ist das immer noch so, die Jungen sind anders.

Aber viele Ihrer jüngeren Figuren haben keine Kontrolle über ihr Leben. Sie werden permanent in Dinge hineingezogen und kommen aus eigener Kraft nicht mehr heraus.

Meine These ist: In postsowjetischen Verhältnissen war das Leben oft dynamischer und aktiver als die Menschen selbst.

Sehen Sie auch irgendwo Grund zur Hoffnung? 

Ja. Ich war gerade in den Karpaten in Urlaub und habe sehr viele Leute getroffen, die kleine Kurorte aufbauen, mit Skigebieten und Hotels. Man spürt, dass die Leute in dieser Region ihr Land trotz vieler Probleme entwickeln. Als ich zum 18. Jahrestag der Unabhängigkeit dem ukrainischen Fernsehen ein Interview gab und man mich fragte, was wir denn erreicht hätten, fiel mir ein Gespräch mit einem amerikanischen Historiker ein. Der sagte: Nach der Unabhängigkeit von England zeichneten die Amerikaner noch jahrelang ihre Preise in Pfund statt in Dollar aus. Echte historische Veränderungen brauchen 50 Jahre.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat jüngst in einem offenen Brief verkündet, den Kontakt zur Ukraine einzustellen, bis dort ein neuer Präsident an die Macht kommt. Was hätten Sie ihm geantwortet? 

Ich hätte ihm ein Bild geschickt – und zwar Ilja Repins berühmtes Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“. Es zeigt eine historische Begebenheit: Die Kosaken verfassen einen Antwortbrief an den türkischen Sultan, der sie zur Unterwerfung aufgefordert hatte. Diesen Brief gab es tatsächlich. Er ist eine Aneinanderreihung von Beschimpfungen.

Wir dürfen zitieren: „Du türkischer Schaitan, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! (…) Du babylonischer Küchenchef, du mazedonischer Radmacher, alexandrinischer Ziegenmetzger, jerusalemitischer Bierbrauer, Erzsauhalter des großen und kleinen Ägypten“ und so weiter und so fort.

Ich glaube, eigentlich sollte man solche Briefe wie den von Medwedew am besten gar nicht beantworten. Er war ja auch nicht wirklich an die Ukrainer gerichtet, sondern an die Russen – um ihnen wieder einmal zu zeigen, was ihr Präsident von den Ukrainern hält.

In Ihrem neuen Buch „Der Milchmann in der Nacht“ gelangt ein Medikament in Umlauf, das die Ukrainer mutig macht: Sie beginnen damit, anderen zu helfen, fürchten sich nicht mehr vor Autoritäten. Empfinden Sie die ukrainische Realität eher als inspirierend oder deprimierend? 

Bis jetzt fand ich sie immer, auch in kritischen Zeiten, inspirierend. Das ändert sich aber langsam.

Also brauchen die Ukrainer eine solche Demokratie-Droge?

Ja, sie brauchen eine solche Droge dringend, aber natürlich nicht in Ampullen. Ich bin gerade etwas verzweifelt. Ach, vielleicht bin ich das aber auch nur, weil ich in meinem Urlaub so lange nicht zum Schreiben gekommen bin.

Es fällt Ihnen schwer, in den Ferien abzuschalten?

Auf jeden Fall. Ich bin nur zufrieden, wenn ich arbeiten kann. Meine Dosis beträgt zwei, drei Seiten am Tag. Wissen Sie, eigentlich wollte ich einen Roman ganz ohne Politik schreiben, aber es ist mir leider nicht gelungen.

Hat sich bei Ihnen schon mal ein Politiker für die Inspiration bedankt?

Nein. Aber „In die letzte Liebe des Präsidenten“ gibt es die Figur des Vizepräsidenten Mykola, den gab es auch in Wirklichkeit: Mykola Asarow. Wir waren befreundet, aber nachdem das Buch erschienen war, hat er mich lange nicht gegrüßt. Mittlerweile reden wir wieder miteinander.

Fragen Sie sich manchmal, weshalb Ihre Bücher im Ausland so erfolgreich sind?

Sie meinen, dass ich auch deshalb erfolgreich bin, weil zum Beispiel die Deutschen gerne ihre Vorurteile über Osteuropa bestätigt haben wollen? Nein, das denke ich nicht. Ich bin immer glücklich, wenn die Bücher mir neue Länder öffnen. Meine Bücher sind mein Visum.

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