Zeitung Heute : Interview: Verfärbte Dessous

Wie kam Kunert überhaupt auf den chromfreien

Mitte der neunziger Jahre schien die Kunert AG ihr Ziel erreicht zu haben. Alle Strümpfe waren schwermetallfrei. Inzwischen gilt dies zumindest für schwarze Strümpfe nicht mehr. Warum dieser Rückzieher? Fragen an Christian Wucherer, Leiter Umweltcontrolling bei der Kunert AG.

Wie kam Kunert überhaupt auf den chromfreien Strumpf?

1990 gründete Kunert die "Arbeitsgruppe Ökologie". Sie sollte das ganze Unternehmen systematisch analysieren - wir nannten das damals "Öko-TÜV". Und siehe da, bei der Bestandsaufnahme fiel auf, dass die Chromkonzentration im Abwasser recht hoch war.

Wie hoch?

Die Werte kamen dem gesetzlichen Grenzwert für Chrom schon ziemlich nah. Und wir haben uns gefragt, was kann man tun, wenn wir jetzt noch mehr schwarz färben müssen. Damals kam Schwarz, genauso wie heute, als Modefarbe auf. Zunächst hatten wir keine Ahnung, woher das ganze Chrom im Abwasser stammte. Schließlich entdeckten wir die Chromquelle beim Input der Farbstoffe: Chromkomplexfarbstoffe, mit denen sich ein schönes, tiefes Schwarz erzielen lässt.

Gab es denn Alternativen?

Beim Farbspezialisten von Ciba-Geigy hieß es zunächst, nein, wir haben keine anderen Farbstoffe. Dann schalteten wir Mitbewerber ein, und siehe da, plötzlich gab es sie dann doch: chromfreie Farbstoffe, mit denen sich Farbechtheiten erzielen ließen. Jedenfalls in vielen Bereichen.

Wo hat es denn nicht so gut funktioniert?

Ganz schwierig war es bei den neuen Mikrofaserstumpfhosen. Mikrofasern haben mit ihren vielen kleinen Kapillaren eine sehr viel größere Oberfläche als einfache, glatte Fasern aus Polyamid. Um eine Sättigung für ein tiefes Schwarz zu erreichen, also kein Grauschwarz oder Anthrazit, muss sehr viel Farbe aufziehen. Das gelang zunächst nicht. Aber es gibt ja viele andere, modisch interessante Schwarztöne. Es muss ja nicht immer das ganz tiefe Schwarz sein.

Ist es Ihnen gelungen, das Abwasser sauberer zu kriegen?

Die Schwermetallbelastung ist ganz erheblich zurückgegangen, binnen vier Jahren waren das 80 Prozent.

Trotzdem färbt Kunert einen Teil seiner Feinstrumpfhosen jetzt wieder mit Chromfarbstoffen.

Es gab bei schwarzen Strümpfen die eine oder andere Reklamation. Für einen Kunden ist es ärgerlich, wenn eine Strumpfhose beispielsweise auf ein teures Dessous abfärbt. Und der Handel will natürlich so wenig wie möglich Reklamationen, die sehr aufwendig zu bearbeiten sind. Nach meinem Wissen wurde dieses Argument aber sehr hoch gespielt. Denn in Relation zu den Massen an verkauften Strümpfen gab es nur wenige Reklamationen. Trotzdem mussten wir bei Schwarz zu den Metallkomplexfarbstoffen zurückkehren.

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