Zeitung Heute : Interview: Warum uns die Liebe manchmal verwirrt

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Gerald Hüther, 50, ist Neurobiologe und Leiter der Neurobiologischen Forschung an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen. Von ihm stammt das Buch "Die Evolution der Liebe".

Herr Professor Hüther, Psychologen der Uni Oldenburg sagen, Liebe auf den ersten Blick gibt es nur in einem von vier Fällen. Warum tun wir uns oft so schwer?

Das kann daran liegen, dass sich Sinneseindrücke widersprechen. Wir stammen vermutlich von nachtaktiven Kleinsäugern ab. Unsere Geruchseindrücke - und nur sie - landen unmittelbar im Limbischen System unseres Hirns ...

... Sie meinen jenen Großhirnteil, der unwillkürliche Reaktionen steuert ...

... Genau. Diese unmittelbare Reizleitung macht uns so empfindsam für Gerüche und beeinflusst sicher auch unsere Partnerwahl. Doch nun sind wir ja keine Kleinsäuger mehr. Für uns ist inzwischen der Augenschein besonders wichtig. Innere Bilder und Wünsche kommen hinzu, und schließlich wirkt auch die Stimme eines Menschen auf uns. Das kann dazu führen, dass uns der Geruchssinn von einem Menschen wegstößt, seine Stimme uns gefällt, der Verstand indes Zweifel anmeldet und die Augen sagen: Den wollen wir unbedingt!

Die Liebe macht uns zuweilen blind oder unvorsichtig, wie man bei Bundesverteidigungsminister Scharping verwundert sehen konnte.

Vor der Geburt arbeiten die Hirnbereiche, in denen äußere und innere Reize verarbeitet werden, noch am harmonischsten zusammen. Sobald wir auf der Welt sind, wird dieses Zusammenspiel gestört. Die verschiedenen Hirnzentren werden alle von unterschiedlichen Sinnesorganen gespeist, so dass im Hirn ein ziemliches Durcheinander entsteht. Deshalb versuchen Menschen, die verlorene Harmonie im Hirn wiederherzustellen. Gelingt uns das, sind wir glückselig. Wenn wir aber zum Beispiel einseitig nach Erfolg im Beruf streben oder nach totaler Unabhängigkeit von anderen Menschen, spüren wir diffus, dass etwas nicht stimmt.

Und dann verlieben wir uns, um wieder ins Lot zu kommen?

Schon möglich. Wenn sich dann das in uns Fehlende zur Verschmelzung anbietet, etwa indem wir uns frisch verlieben, dann ist das ein irrsinniges Gefühl. Man erreicht einen rauschartigen Zustand innerer Harmonie. Gerät man außerdem noch an einen sehr attraktiven Partner, kann dies das Selbstwertgefühl enorm aufblasen. Unterschiedliche Partner werden manchmal gemeinsam auch sehr mutig, tun also Dinge, die sie sich alleine nie getraut hätten.

Kann die erotische Spannung zig Jahre anhalten oder ist sie nur ein Strohfeuer?

Sie hält solange an, bis es zwischen zwei Menschen nichts mehr zu verschmelzen gibt. Bei manchen Paaren reicht das Bedürfnis nach Verschmelzung nicht weiter als bis zur nackten geschlechtlichen Umarmung. Ihre Beziehung zerbricht, wenn der Sex vollzogen und das Bedürfnis danach endgültig erloschen ist. Bei anderen Paaren kommt es tatsächlich zu einer immer weiter reichenden Verschmelzung der unterschiedlichen Welten ihrer Gefühle und ihres Denkens. Und wenn beider Welten ausreichend groß sind, kann dieser Prozess weit über das Sexuelle hinausreichen.

Die Fragen stellte Walter Schmidt



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