INTERVIEW : "Wir haben immer noch keinen Zugang zu Südossetien"

Wie frei kann das Rote Kreuz in der Krisenregion im Kaukasus arbeiten?

Wir haben nach wie vor keinen Zugang zu Südossetien. Wir können aber seit ein paar Tagen im georgischen Gori arbeiten, an der Grenze zu Südossetien. Am Montag waren wir auch zum ersten Mal in den umliegenden Dörfern. Dort sind uns nur alte Menschen begegnet, und alle, die wir trafen, haben uns um etwas zu essen gebeten. Wir haben zudem ein Team in Abchasien und haben gerade ein Hilfszentrum an der Küste des Schwarzen Meers eröffnet. Wir dringen darauf, Zugang zu allen Gebieten zu bekommen, um herauszufinden, was gebraucht wird.

Wie ist die Lage der Kriegsgefangenen? Konnten Sie einige besuchen?

Wir haben die zwei russischen Piloten besuchen können, die über Georgien abgeschossen worden waren. Außerdem haben wir drei Kriegsgefangene auf russischer Seite besuchen können. Am Dienstagmorgen haben wir den Gefangenenaustausch beobachten können. Fünf Russen konnten zurückkehren und rund 20 Georgier sind ebenfalls heimgekehrt. Wir wissen aber nicht, wie viele Kriegsgefangene es insgesamt gibt.

Georgien hatte schon vor den Kämpfen tausende Flüchtlinge beherbergt, die Anfang der 90er Jahre aus Südossetien und Abchasien geflohen sind. Wie hat sich ihre Situation verändert?

Es gibt eine große Zahl von Menschen, die seit 16 bis 18 Jahren in den Lagern leben, in denen nun auch die „neuen“ Flüchtlinge ankommen. Die Bedingungen sind katastrophal. Die „alten“ Flüchtlinge nehmen nun die Neuankömmlinge auf. Zum Teil sind es Verwandte oder Leute aus ihren Dörfern, oder einfach Fremde, die Hilfe brauchen. Eine Frau, die mit ihrem Mann aus einem Dorf in der Nähe von Gori geflüchtet ist, hat uns erzählt, dass ein Freund ihres Mannes, der schon in den 90er Jahren geflüchtet war, sie aufgenommen hat. Diese Familie beherberge sie, bis sie einen Raum beziehen können, den sie nun gefunden haben. Es ist sehr schwer für die Flüchtlinge, eine Unterkunft zu finden. Diese Familie habe sie liebevoll aufgenommen, erzählte die Frau. Sie hätten sie in ihren Betten schlafen lassen und selbst auf dem Boden geschlafen.

Das Rote Kreuz hilft auch, Menschen wiederzufinden, die sich verloren haben. Gibt es dafür Bedarf?

Wir haben mehr und mehr Anfragen von Leuten, die Angehörige verloren haben. Oft haben sie Menschen, die alt oder krank waren, in den Dörfern zurücklassen müssen, weil die Reise für sie viel zu beschwerlich gewesen wäre. Auch deshalb ist es für uns sehr wichtig, schnell Zugang zu allen Dörfern zu bekommen, um diesen ohnehin hilflosen Menschen helfen zu können.

Jessica Barry ist Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Georgien. Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben