Interview : „Wir werden unerbittlich verfolgen, was die Ölkonzerne tun“

Der Chef von Greenpeace International, Kumi Naidoo, über seinen Kampf gegen die Energiekonzerne, die Auswirkungen hoher Preise und seinen eigenen ökologischen Fußabdruck.

Gegen Apartheid, gegen Armut, für die Umwelt: Der 1965 in Südafrika geborene Kumi Naidoo schloss sich als 15-Jähriger der Anti-Apartheid-Bewegung an. 1986 wurde er verhaftet und ging nach seiner Freilassung ein Jahr in den Untergrund, bevor er 1989 nach Großbritannien ins Exil ging. Dort studierte Naidoo in Oxford Politologie. Bevor Kumi Naidoo 2009 zum Chef von Greenpeace International berufen wurde, leitete er den Globalen Appell gegen Armut, ein Netzwerk von Entwicklungsorganisationen, das vor allem im Umfeld von G-8- und G-20-Gipfeln aktiv geworden ist. „Der Kampf gegen die Armut und für den Erhalt der Umwelt sind zwei Seiten einer Medaille“, sagt Kumi Naidoo. Schließlich verlören Millionen armer Menschen durch Umweltzerstörung ihr Auskommen.
Gegen Apartheid, gegen Armut, für die Umwelt: Der 1965 in Südafrika geborene Kumi Naidoo schloss sich als 15-Jähriger der...Foto: dpa

Greenpeace verlangt von Unternehmen Rechenschaft darüber, welche Folgen ihr Tun auf Gesellschaft und Umwelt hat. Aber wie hält es die Organisation selbst damit?

Wenn wir auf Firmen wegen ihres umweltschädigenden Verhaltens zugehen, dann geht es uns zunächst einmal um die einfach messbaren Folgen unternehmerischen Handelns. Natürlich wissen wir, wie schwer es ist, alle Folgen beispielsweise eines Produkts zu kalkulieren: Vom Abbau der Rohstoffe über den Kohlendioxid-Ausstoß während des Gebrauchs bis zu den Folgen seiner Entsorgung. Und da sind die sozialen Folgen noch nicht einmal mit einbezogen. Aber es gibt Fragen, die lassen sich klar und eindeutig beantworten. Zum Beispiel: Baut eine Firma Palmölplantagen auf gerodeten Torfregenwaldböden an, oder tut sie das nicht. Dafür braucht es keine komplizierten Messmethoden. Die Nicht-Regierungsorganisationen haben sich inzwischen selbst so umfassende Transparenzregeln auferlegt, dass selbst in einer Organisation wie unserer die Bürokratie manchmal überhandnimmt.

Bisher galt ein hoher Ölpreis für Umweltschützer als gut, weil erneuerbare Energien schneller wettbewerbsfähig werden würden. Stattdessen werden Ölsande gefördert, es wird in der Tiefsee gebohrt und ganz Afrika nach Öl durchsucht. Wie kam es zu dieser Fehleinschätzung?
Wir haben unterschätzt, wie beharrlich das alte fossile Geschäftsmodell verteidigt werden würde. Das Niveau dessen, was sich damit verdienen lässt, ist weiterhin viel zu attraktiv für die Akteure in der Wirtschaft, um die Richtung zu ändern. Es liegt aber auch am Einfluss der Energiewirtschaft auf die Politik. Wenn man sich fragt, warum in den USA keine vernünftige Diskussion über Klimapolitik möglich ist, dann muss man sich vor Augen halten, dass auf einen Abgeordneten im Kongress fünf Lobbyisten kommen. Die meisten werden von Energiekonzernen bezahlt. Und es sind nicht nur die USA, in denen die Öl- oder Gaskonzerne den besten Zugang zu den Regierungen haben und oft genug deren Wahlkämpfe finanzieren.

Was heißt das für Greenpeace?
Wir machen zum einen Aufklärungsarbeit. Wir haben mehrfach Studien verfasst, in denen wir detailliert die Geldflüsse der Ölkonzerne beispielsweise für Klimaskeptiker und deren Veröffentlichungen nachgezeichnet haben. Der größte Geldgeber dafür ist der Koch-Konzern, der nicht direkt im Ölfördergeschäft ist, sondern Raffinerien betreibt und Chemiefabriken und ein halbes Dutzend anderer Geschäftsfelder. Kochs Desinformationskampagne war in den USA sehr erfolgreich. Der Umweltkampf unserer Zeit aber ist es, Firmen daran zu hindern, in weit abgelegenen Regionen in die Ölförderung einzusteigen, zum Beispiel in der Arktis, wo die Ausbeutung ironischerweise erst durch den Klimawandel möglich wird. Wir werden uns mit aller Kraft gegen eine Ölförderung in der Arktis stemmen.

Wie wollen Sie das machen?
Die erste Firma, die in der Arktis aktiv geworden ist, war der schottische Energiekonzern Cairn Energy. Sie nennen sich selbst die Cowboys der Ölindustrie. Es ist vollkommen unverantwortlich, in die Arktis zu gehen, ohne einen Plan dafür zu haben, was im Fall einer Ölpest unternommen werden kann. Die Arktis ist ja nach wie vor ein unglaublich kalter und unwirtlicher Ort. Wirtschaftliche Aktivitäten können nur in den Sommermonaten stattfinden. Wenn im September ein Ölleck auftritt, kann man erst im nächsten arktischen Sommer, frühestens ein gutes halbes Jahr später, irgendetwas dagegen unternehmen. Cairn plante, vor Grönland zu bohren, und hätte im Fall eines Öl-Unfalls nicht nur das Meeresökosystem, sondern auch noch die Nahrungsgrundlage der gesamten Insel gefährdet. Deshalb haben wir uns entschieden, an der Ölplattform zu protestieren. Wir haben das schon auf ihrem Weg in die Arktis versucht. Ich war beispielsweise in Malaga, weil die Plattform dort anlegen sollte – aber die Polizei hatte Cairn vor uns gewarnt. GreenpeaceAktivisten haben dann aber in der Arktis auf der Plattform protestiert.

Und dann?
Cairn hat uns sofort in den Niederlanden verklagt und wollte erreichen, dass Greenpeace in Zukunft, wenn auch nur eine Minute der Produktion unterbrochen wird, eine gigantische Strafzahlung leisten müsste. Der Prozess war interessant. Der Richter hat irgendwann gefragt: Machen Sie sich denn keine Sorgen über die Folgen für ihre Firma? Dann sagte der Anwalt von Cairn, sie müssten ja nur bis zu einem Schaden von fünf Millionen Dollar haften, wenn es zu einem Unfall käme. Der Richter insistierte dann aber: Es gehe ihm um die Folgen für das arktische Ökosystem. Der Richter entschied zuletzt, dass Greenpeace im Falle einer Besetzung der Ölplattform lediglich 50 000 Euro am Tag Strafe zu bezahlen hätte. Allerdings alles in allem nicht mehr als eine Million Euro. Das heißt, wenn wir auf der Ölplattform länger als 20 Tage protestieren, wird es insgesamt nicht mehr teurer als eine Million Euro.

Was will Greenpeace nun tun?
Ich war zu der Zeit in Japan, es war gerade mal drei Monate nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Meine Kollegen sagten mir: Wir sollten auch nach dem Urteil weiter an der Plattform protestieren. Und es fiel mir leicht, ihnen meine Zustimmung dafür zu geben. Ich war mir sicher, dass unsere Unterstützer sogar diese eine Million Euro aufbringen würden, wenn es nötig wäre.

War es für Cairn nicht ein hohes Risiko für seinen Ruf, Greenpeace zu verklagen?
Wir beobachten, dass eine Reihe von Konzernen strategisch wichtige Prozesse gegen Umweltorganisationen führen, um sie zu lähmen. Es ging Cairn natürlich nicht um eine Kompensation für die Schäden, die wir verursacht haben könnten. Es ging darum, uns von unseren Aktionen abzuhalten. Wir haben uns davon aber nicht abhalten lassen. Tatsächlich hat uns zum Beispiel eine in den USA sehr berühmte Schauspielerin, Lucy Lawless, bei den Protesten gegen die Ölbohrungen unterstützt.

Welche Folgen hatte die Aktion?
Wir haben auch am Firmensitz Aktionen gemacht und bei der Aktionärsversammlung. Tatsächlich hat Cairn den Plan vorläufig aufgegeben. Aber jetzt hat Shell weitere Bohrungen angekündigt.

Ist Lucy Lawless wieder in Aktion?
Ja, sie war sogar direkt im Einsatz, als Greenpeace-Aktivisten im Hafen von New Plymouth in Neuseeland auf den 53 Meter hohen Turm eines Ölbohrschiffes von Shell kletterten. Sie wurde gemeinsam mit den anderen Greenpeace-Aktivisten festgenommen. Lucy Lawless spielt in einer sehr populären Serie mit: Xena – the warrior princess. In den USA gab es noch nie eine Greenpeace-Aktion, die mehr Aufmerksamkeit bekommen hat – vermutlich wegen Lucy Lawless. Wir werden weiterhin unerbittlich verfolgen, was Shell und andere Ölkonzerne tun. Wir werden die Welt wissen lassen, was sie tun und werden es ihnen so schwer wie möglich machen, in der Arktis zu bohren. Shell ist übrigens schon in den USA vor Gericht gezogen, um Greenpeace aufzuhalten. Aber wir werden weitermachen.

Viele verstehen das Öl aber auch als Chance, der Armut zu entkommen, vor allem in Afrika. Will Greenpeace die Ölfirmen dort auch aufhalten?
Es gibt eine zunehmende Zahl von Ölförderstaaten, die erkennen, dass das Öl sie nicht reich sondern arm macht. Im Nigerdelta ist mehr als die doppelte Ölmenge ausgelaufen wie im Golf von Mexiko vor zwei Jahren. Und dann fragt man sich, warum die USA eine Kompensation von etwa 20 Milliarden Dollar bekommen und Nigeria lediglich 1,5 Milliarden. Wir leben in einer Welt, in der das Leben von Menschen in Afrika weniger wert ist als in den USA. Wir machen die Erfahrung, dass sich die Unterhaltung ändert, wenn wir klarmachen können, dass unser Einsatz die Zukunft unserer Kinder und Enkel sichern soll. Das ist, worum es geht.

Wissen Sie eigentlich jeden Morgen, wo Sie sind, wenn Sie aufwachen?
Wenn mich Familienmitglieder oder Freunde anrufen, fragen sie nie: Wie geht es dir? Sie fragen immer: Wo bist du eigentlich? Manchmal morgens muss ich darüber tatsächlich nachdenken. Mein Kohlendioxid-Fußabdruck durch meine weltweiten Aktivitäten beunruhigt mich schon. Aber wir sind inzwischen viel öfter in der Lage, Reisen zu vermeiden, indem wir immer öfter Videokonferenzen nutzen. Neulich habe ich vor dem UN- Menschenrechtsausschuss über Skype gesprochen, weshalb ich auch das UN-Protokoll übertreten habe, weil ich ja niemanden sehen konnte und die Reaktionen nicht mitbekam. Es gehört dort beispielsweise zur Etikette, keinen Staat beim Namen zu nennen. Ich habe dann aber viele zustimmende Reaktionen bekommen, weil ich das missachtet hatte. Ich bin zwar der Meinung, dass das Kohlendioxid, das wir mit unserem Kampf für das Klima erzeugen, durchaus eine Rechtfertigung hat. Aber wir versuchen auch als Umweltschutzorganisation unseren Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern und kompensieren unsere Reisen, indem wir Emissionszertifikate dafür kaufen.

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