Interview : „Wohlergehen lässt sich nicht nur am Wachstum messen“

Der Umweltdiplomat der UN, Achim Steiner, zur Konkurrenz zwischen Weltgipfel und Fußball-EM, zum brasilianischen Waldgesetz und dem Ende der Polarisierung zwischen Staat und privat.

Achim Steiner (50) ist in Brasilien geboren, hat aber zusätzlich auch einen deutschen Pass. Um die Jahrtausendwende leitete er die Weltkommission für Staudämme. Die Kommission hat Kriterien erarbeitet, um große Wasserkraftwerke weniger zerstörerisch zu machen. Von 2001 bis 2006 war Steiner Chef der größten Naturschutzorganisation der Welt, der International Union für Conservation of Nature (IUCN). Die Organisation mit Sitz in Genf erstellt die Roten Listen aussterbender Tier- und Pflanzenarten. Seit 2006 ist Steiner Chef des UN-Umweltprogramms Unep in Nairobi. Sein Vorgänger war Klaus Töpfer. Steiner ist maßgeblich an der Vorbereitung des Weltgipfels in Rio im Juni 2012 beteiligt.
Achim Steiner (50) ist in Brasilien geboren, hat aber zusätzlich auch einen deutschen Pass. Um die Jahrtausendwende leitete er die...Foto: epd

Vom 20. bis 22. Juni findet in Rio der dritte Weltgipfel statt. Gleichzeitig findet eine Fußball-Europameisterschaft statt. Hat der Rio-Gipfel gegen Fußball eine Chance?

Es ist ja wenigstens nur eine Fußball-Europameisterschaft. Der Rest der Welt, wo vier Fünftel der Menschheit leben, wird nicht in den Stadien und jeden Tag vor dem Fernseher sitzen. Die größte Herausforderung für diesen Gipfel wird sein, dass er mitten in einer Wirtschaftskrise stattfindet. Die gegenwärtige Staatsverschuldungskrise liegt offen zutage. Darunter liegen aber längerfristige Herausforderungen wie Energiesicherheit, Nahrungsmittelsicherheit, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Entwicklung, für die ein solcher Gipfel genau der richtige Augenblick und die richtige Plattform ist.

Welche Rolle spielt das Gastgeberland Brasilien für den Gipfel?
Ich mache mir Sorgen, dass Brasilien seine Rolle nur recht zaghaft einnimmt. Wenn ein Land die Welt zu einem solchen Gipfel einlädt, ist es wichtig, eine aktive Rolle zu spielen. Hier erwartet die Welt in den kommenden Wochen noch ein viel konkreteres Konzept, wie sich das Gastland auf höchster Ebene in den Verhandlungsprozess einbringen kann. Es braucht die Führungsstärke des Gastgeberlandes, aber auch beispielsweise der Europäer und der Bundesregierung. Mit der Einladung alleine ist es jedenfalls nicht getan. Diesem Erwartungsdruck muss Brasilien, aber auch die internationale Staatengemeinschaft gerecht werden. Sonst wird dieser Gipfel lediglich eine Konferenz sein. Dafür gibt es keinen öffentlichen Bedarf. Es muss ein Gipfel sein, der mit konkreten Ergebnissen neue Impulse gibt.

In Brasilien selbst ist die Entwicklung widersprüchlich. Einerseits hat es Brasilien geschafft, die Entwaldungsrate zumindest zu reduzieren. Auf der anderen Seite diskutiert das Parlament gerade über ein Waldgesetz, das im Ergebnis zu einem gewaltigen Waldverlust führen kann. Wäre es nicht eine schwere Hypothek für den Gipfel, wenn dieses Gesetz noch kurz vorher verabschiedet würde?

Brasilien verdient großen Respekt für das, was es in den vergangenen zehn Jahren geschafft hat. Es hat seine wirtschaftliche Entwicklung erfolgreich vorangetrieben und dabei gleichzeitig die Armut bekämpft. Und es hat in der ökologischen Bilanz durch eine konsequente Waldschutzpolitik im Amazonas etwas Erstaunliches geschafft: Kein anderes Land hat im Vergleich zu einer unveränderten Entwicklung, also Business as usual, mehr Kohlendioxid eingespart als Brasilien. Dass in Brasilien kontrovers über das Waldgesetz diskutiert wird, ist in einer Demokratie legitim. Es macht uns aber auch große Sorgen. Würden die Regelungen in diesem Gesetzesvorhaben aus der unteren Parlamentskammer so umgesetzt, wäre das ein sehr besorgniserregendes Signal für die Nachhaltigkeit der brasilianischen Forstpolitik. Ich glaube, wir haben alle ein Interesse daran, dass diese Diskussion so offen wie möglich geführt wird. Aber man sollte vorsichtig sein, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch in Deutschland scheinen wir bereit zu sein, Weltkulturerbe für eine Brücke zu opfern oder Landstriche, die zu den schönsten in Deutschland gehören, mit einer Autobahn zu durchkreuzen.

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