Zeitung Heute : Interview

Ihre Klienten sollen siegen. Da hat es wohl wenig

Gerd Driehorst, 39, ist Mentaltrainer beim Berliner Bundesligisten Hertha BSC. Daneben berät er Führungskräfte in Politik und Wirtschaft.

Ihre Klienten sollen siegen. Da hat es wohl wenig Sinn, sie auf Niederlagen vorzubereiten?

Der Wille zum Erfolg muss erst mal ganz fest da sein.

Kann man denn den trainieren?

Natürlich. Das beste Beispiel ist jemand, der mit einer starken Krise fertig geworden ist. Wie Lance Armstrong, der Radrennfahrer, nach seiner Krebserkrankung. Da sieht man ganz genau, du hast zwei Möglichkeiten: du kannst dich aufgeben oder du kannst anfangen, auch wenn die Chancen ziemlich gering sind, leidenschaftlich, aber doch mit kühlem Kopf zu kämpfen.

Man setzt sich jeden Tag immer neue, immer höhere Ziele?

Man setzt sich natürlich immer wieder Ziele, die man erreichen will, also ein Politiker sagen wir mal ...

wie Möllemann mit seinen berühmten 18 Prozent für die FDP?

In etwa. Obwohl das Beispiel gefällt mir jetzt nicht.

Warum, Möllemann ist doch jemand, der bewiesen hat, dass er mit Niederlagen fertig wird?

Aber bei so einem Ergebnisziel kann es nicht bleiben. Parallel brauchen wir Leistungsziele, die ich wirklich Tag für Tag beeinflussen kann. Also, ich kann jeden Tag 20 Anrufe machen. Oder ich kann 200 Handzettel verteilen. Ergebnisziele, die strebe ich auch an - wenn ich mit einer Fußballmannschaft einen bestimmten Tabellenplatz erreichen will. Aber das habe ich nicht so sehr in der Hand wie die Leistungsziele.

Habe ich damit auch schon ein Hintertürchen, falls es schief geht?

Siegen und Verlieren, wenn man nur in diesen Kategorien denkt, ist das eine Ebene zu wenig. Man muss den Zusammenhang zwischen beiden sehen. Nehmen Sie Bayern München 1999 in der Champions League, diese dramatische Final-Niederlage gegen Manchester. Zwei Jahre später gewinnen die Bayern die Champions League, und im Rückblick veredelt dann sogar die vorherige Niederlage den Erfolg. Ja, man kann aus so einer Niederlage Kraft ziehen.

Ist es nicht fatal, wenn man zu 100 Prozent auf Sieg eingestellt ist und dann merkt, es reicht nicht?

Natürlich muss man auch auf so einen Fall eingestellt sein. Verlierenkönnen ist etwas, was gerade Führungskräfte oder eben auch Sportler im Laufe ihrer Karriere lernen müssen. Übrigens eine Fähigkeit, die in der Erziehung ganz wichtig ist, was man insbesondere einem Jungen beibringen muss - und wir reden ja hier über einen männlich dominierten Bereich. Da sehe ich leider ganz große Defizite.

Wie erzieht man denn gute Verlierer?

Durch positive Vorbilder. Es gibt ja diese heroischen Niederlagen. Michael Jordan hat mal gesagt, wenn ich mein Bestes gebe, kann ich gar nicht verlieren. Wenn es trotzdem nicht reicht, muss ich mir keine Vorwürfe machen.

Und woran kann man einen guten Verlierer erkennen?

Einer der nach meiner Ansicht größten Philosophen, der Fußballtrainer Sepp Herberger, hat mal gesagt, man soll kühl bleiben im Erfolg und gelassen in der Niederlage. Im Erfolg die breite Brust zu zeigen, ist ziemlich einfach. Aber in der Niederlage Verantwortung zu übernehmen, den Zusammenhalt des Teams zu garantieren, das sind doch genau die Aufgaben, die große Sportler und große Politiker ausmachen. Ein guter Verlierer bleibt emotional kontrolliert. Und er schiebt die Schuld nicht anderen zu. Wer das tut, der gibt damit die Macht gleich mit ab.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!