Zeitung Heute : Intim und nachdenkliche Innenschau (Film-Kritik)

Michael Burucker

Eher Unbekannte waren bislang Gegenstand derartiger Langzeitporträts. Herlinde Koelbls Idee, die persönlichen Veränderungen prominenter Politiker im Laufe der Jahre zu dokumentieren, war daher so ungewöhnlich wie das Ergebnis selbst: So intim und nachdenklich hat man Spitzenpolitiker selten erlebt. Mit ihren 1992 begonnenen Interviews und Foto-Sessions mit Renate Schmidt, Gerhard Schröder und Joschka Fischer bewies die Autorin zudem guten Spürsinn. Denn dass ihr da vor Jahren der zukünftige Kanzler und sein Außenminister vor Mikrofon und Linse gerieten, gab dem Film naturgemäß eine größere Spannung. Während Renate Schmidt, anfangs nicht weniger machtbewusst, von aussichtslosen Wahlkämpfen zerrieben immer häufiger den Rückzug aufs Private thematisierte, kreiste das Gespräch mit Schröder und Fischer immer mehr um dessen Verlust. Bei Schmidt wich der Ehrgeiz abgeklärter Weisheit, weil die Karriere allmählich versandete, bei Schröder und Fischer rührte zunehmende Buddha-Gelassenheit vom Näherkommen des Polit-Olymps. Obwohl bekennende Machtmenschen, reagierten sie auf die naiven oder nur scheinbar naiven Fragen der Autorin nach Gefühlen, Körperbefinden und Privatsphäre überraschend mitteilsam.

Erst mit dem Kanzleramt wurde Schröder, der ohnehin seine Abneigung zur "Selbsterforschung" bekundet hatte, deutlich verschlossener. Anders Fischer. Nahezu selbstquälerisch setzte er die geforderte Innenschau fort und hielt nebenbei noch einen klugen Grundkurs in deutscher Gegenwartspolitik ab. Wie sehr die Mischung aus reuigem Lausbub und tragischem Staatsmann kalkuliert war, blieb offen. Sie war zweifellos sympathisch und erklärte seine derzeit konkurrenzlose Beliebtheit.

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