Zeitung Heute : Investitionen gegen den Trend

22 Milliarden Euro haben deutsche Firmen im Nachbarland investiert – doch auch Polen engagiert sich: Die wechselseitigen Wirtschaftsströme werden stärker

Mathias Brüggmann

Obwohl Russland viel größer ist und zudem Deutschlands wichtigster Energielieferant, ist Polen der größte Handelspartner der Bundesrepublik im ganzen Osten Europas. Und so haben im ersten Halbjahr 2011 die deutschen Exporte in die Russische Föderation um 38,7 Prozent zugelegt und die Ausfuhren nach Polen „nur“ um 21 Prozent. Dennoch liegt der deutsch-polnische Handel mit insgesamt 37,5 Milliarden Euro vor den deutsch-russischen Außenhandelsbeziehungen mit 34,3 Milliarden Euro.

Denn das Land an Oder und Weichsel hat sich gemausert, für die deutsche Industrie ist es mit Abstand der beliebteste Standort unter allen osteuropäischen EU-Staaten: Polen führt nach einer Umfrage aller deutschen Handelskammern unter ihren Mitgliedsfirmen in der Region diese Liste an mit 4,8 von sechs möglichen Punkten, vor der Slowakei mit 4,1 Punkten.

Dazu trägt auch das Dutzend Sonderwirtschaftszonen bei, die Investoren mit finanziellen Anreizen und guter Infrastruktur locken, aber auch gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine wachsende Wirtschaft, die steigende Binnennachfrage. Und so haben deutsche Unternehmen 22 Milliarden Euro bei den östlichen Nachbarn investiert. Dabei sind die Erfahrungen fast durchweg positiv: 86 Prozent der deutschen Investoren würden laut der Umfrage der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Warschau ihre Entscheidung wiederholen.

Der deutsche Unternehmer Hans-Jörg Otto, der bei Posen den System- und Kabelsatz-Lieferanten El-Cab gegründet hat, nennt seinen „Gang nach Polen die beste Entscheidung meines Lebens“. Gründe für den Standort PL sind laut Dagmar Linder von der Deutschen Bank die stabile wirtschaftliche und politische Lage, der große polnische Markt, die stetig steigenden Einkommen und „dass Polen neben Russland als einziges Land der Region einen florierenden Kapitalmarkt hat.“ Geldhäusern, wie der polnischen Commerzbank-Tochter BRE-Bank, bieten sich dabei sogar noch ungewohnte Wachstumsperspektiven: Jeder dritte Pole hat bis heute kein Bankkonto, ergab eine Untersuchung der Bank Pocztowy.

Als weiteren guten Grund für Investitionen nennt Christian Bleiel von Volkswagen, dass „die Infrastruktur hier weitgehend gut ist“. VW baut in Posen den Kleintransporter Caddy und steht mit seiner positiven Haltung gegenüber dem Nachbarland keineswegs allein: Polen sei „das Vorbild in dieser ganzen Region geworden“, sagte Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, auf dem jüngsten Wirtschaftsgipfel Polen-Deutschland in Warschau. Die Beziehungen zwischen „unseren beiden Industrie- und Kohleländern“ seien inzwischen „etwas ganz Besonderes", unterstrich Keitel: „Wir haben erfahren, dass wir uns aufeinander verlassen können.“

Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zollte in und für Warschau Lob: „Durch konsequente Transformation und Privatisierungen ist Polen zu einer der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der EU geworden“, sagte er. Beide Länder verbinde „eine starke Industrie und ein breiter Mittelstand“, fügte Rösler hinzu.

Besonders wichtig seien für Polen deutsche Firmen, da sie Polen auch in der Krise treu waren: „Deutsche Unternehmen haben entgegen dem Trend letztes Jahr sogar mehr investiert als je zuvor“, sagt Józef Olszynski, Aufsichtsratschef von „Invest in Poland“. Mit 2,8 Milliarden Euro hätten sie einen neuen Rekord erreicht, obwohl Auslandsinvestitionen hier insgesamt 2010 von zehn auf 8,5 Milliarden Euro gesunken seien. „2011 wird viel besser. Wir erwarten einen neuen Rekord mit über zehn Milliarden Euro", meint Olszynski.

Doch auch in die andere Richtung sind Investitionen inzwischen gang und gäbe: Über eine Milliarde Euro haben polnische Unternehmen bereits beim Nachbarn im Westen investiert. Und es werden immer mehr: Polens größter Ölkonzern, PKN Orlen, will in Deutschland weiter stark wachsen. Orlen betreibe bereits 570 Tankstellen unter seiner Marke „Star“, angepeilt seien 750 oder mehr, sagt Orlens Deutschland-Chef Józef Niedworok. PKN Orlen ist seit der Übernahme des BP-Netzes, vor allem in Norddeutschland, im Jahr 2003 der größte polnische Investor in Deutschland. Laut Niedworok macht das Unternehmen hierzulande drei Milliarden Euro Umsatz.

PKN Orlen ist zwar der größte polnische Investor in Deutschland, aber keineswegs der einzige: Bereits 6000 polnische Firmen seien in der Bundesrepublik registriert, darunter auch der Chemieriese Ciech, der die Sodawerke Staßfurt wieder auf Kurs gebracht hat, IT-Firmen wie Asseco und Comarch sowie die Odratrans-Gruppe, die nun als Besitzer der Deutschen Binnenreederei zu den größten Logistikern Europas zählt. Seit der vollständigen Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für Arbeitnehmer aus osteuropäischen EU-Staaten (mit Ausnahme Bulgariens und Rumäniens) ab dem 1. Mai sollen die Investitionen aus Polen in Deutschland noch weiter steigen, „weil polnische Firmen dann mit eigenem Management und Fachkräften hier produzieren können“, sagt Jacek Robak, Leiter der Wirtschaftsabteilung der polnischen Botschaft in Berlin. Von Deutschland aus ließen sich Drittmärkte leichter erschließen. Zudem locke die Produktion mit dem Qualitätssiegel „Made in Germany“ polnische Investoren westwärts.

Und noch eine Besonderheit gibt es: Der polnische Busbauer Solaris aus Posen ist inzwischen der größte ausländische Busanbieter in Deutschland. Die Busse mit dem grünen Dackel als Markenzeichen fahren in Berlin, München und fast allen größeren Städten hier. Die aus Polen stammende Besitzer-Familie Olszewszy lebt inzwischen wieder bei Posen – doch haben die Solaris-Gründer seit der Flucht aus Polen nach der Ausrufung des Kriegszustandes dort deutsche Pässe. Mathias Brüggmann

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