Zeitung Heute : Investoren zeigen wenig Interesse an der 50-Hektar-Fläche des ehemaligen Schlachthofs in Prenzlauer Berg

Harald Olkus

Zu Franz Bieberkopfs Zeiten wütete hier das Schlachtbeil. Zwischen Eldenaer Straße, Thaerstraße und Landsberger Allee wurde 1881 einer der größten Vieh- und Schlachthöfe Europas eröffnet - der Central Vieh- und Schlachthof in Prenzlauer Berg. Per Bahn wurden täglich tausende Schafe, Schweine und Rinder aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Westpreußen herangekarrt, gekauft, verkauft, geschlachtet und verwurstet. Die DDR blieb bei der Nutzung der 50-Hektar-Fläche und führte den Schlachthof als Fleisch-Kombinat weiter.

1991 stellte die Treuhand den Schlachtbetrieb ein, zwei Jahre später wurde das Areal als Entwicklungsgebiet ausgewiesen. Jetzt liegt zwischen den gründerzeitlichen Mietskasernen Friedrichshains und den Plattenbauten Lichtenbergs ein riesiges innerstädtisches Brachland. Von der langen, überdachten Brücke, die vom S-Bahnhof Storkower Straße quer über das Gelände führt, blickt man auf leere Flächen, provisorische Verkaufshallen in Bierzelt-Größe, auf die riesige, heruntergekommene Rinderauktionshalle und in die halb verfallenen Dachstühle der alten Stallungen, aus denen verkümmerte Birken wachsen.

1993 wurde die Stadtentwicklungsgesellschaft Eldenaer Straße (ses) als Treuhänder des Landes Berlin eingesetzt. Den ausgelobten städtebaulichen Wettbewerb gewann das Architekturbüro Trojan und Trojan. Dessen Entwurf sah eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe sowie öffentlichen Einrichtungen vor. 24 Hektar sollten an private Investoren verkauft werden, die dort auf 200 000 Quadratmetern Wohnungen sowie auf 250 000 Quadratmetern Dienstleistungs-, Handels-, und Gewerbeflächen errichten können. Aus den Erlösen der Grundstücksverkäufe sollten die Entwicklungskosten bezahlt, die öffentlichen Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Sportplätze sowie Senioren- und Jugendtreffs errichtet und insgesamt elf Hektar Parklandschaft angelegt werden. 200 Millionen Mark hat die ses mittlerweile ausgegeben, doch der Rückfluss des Geldes lässt auf sich warten. Die eigentumsrechtlichen Fragen sind zwar geklärt, auf dem Gelände gibt es nur noch die Bewag als Eigentümer einer Teilfläche, aber die Investoren halten sich zurück.

Erst für etwa ein Drittel des Geländes konnte die ses Käufer finden: Die Donaueschinger Objekt Marketing GmbH (OMG) erwarb etwa 2,3 Hektar Fläche auf der sie ein 25 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum, ein Hotel und ein Bürohaus plant. Auf dem Areal stehen auch vier denkmalgeschützte Schlachthäuser, die die Investorin in eine Discothek, eine Markthalle sowie in Künstlerateliers und Kneipen umbauen will. Auf einer angrenzenden, 1,6 Hektar großen Fläche will der Hamburger Architekt Heinz Weisener 191 Wohnungen errichten. In der früheren Lederfabrik Steinlein sollen Wohnlofts eingerichtet werden und die alte Darmschleimerei eignet sich als Kneipe. Auf einem schmalen Streifen des Geländes wird auf 6000 Quadratmetern Fläche eine Behindertenwerkstatt gebaut und die Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG) renoviert drei ehemalige Rinderställe, in denen einige der auf dem Gelände verstreuten Kleinbetriebe unterkommen können.

Derzeit verhandelt die ses mit einer Bietergemeinschaft über die Errichtung eines Baufachmarktes, zu der ein Teppichhandel und ein Fliesenmarkt gehören, die bereits in Provisorien auf dem Gelände ansässig sind. In vier bis sechs Wochen, schätzt Rainer Klaus, Geschäftsführer der ses, könne der Kaufvertrag unterschrieben werden. "Was uns aber fehlt, ist eine Initialzündung." Gemeint ist ein potenter Käufer, der mit einem interessanten Projekt weitere Käufer anzieht und das Gelände belebt. Doch bei der letzten Ausschreibung hat sich kaum ein Interessent gemeldet.

Pferdefuß vieler Flächen sind die Auflagen der Denkmalbehörde, die die baugeschichtlich wichtigen Gebäude erhalten will. Etwa 23 000 Quadratmeter Geschossflächen denkmalgeschützter Bauten gibt es auf dem alten Schlachthofgelände. Etwa 40 bis 45 Prozent sind von den bisherigen Investoren übernommen worden. Für die betreffenden Grundstücke konnten allerdings nur "symbolische Preise" erzielt werden. Das schmälert die Rückflüsse, mit denen die Kindertagesstätten, Alten-, und Jugendtreffs und die Parkanlagen finanziert werden sollten. Aufgrund einer Rüge des Rechnungshofes musste bereits ein Teil dieser öffentlichen Einrichtungen zurückgestellt werden. Klaus hofft, dass sich die Investoren nach der Fertigstellung der Thaerbrücke von den Qualitäten des alten Schlachthofs überzeugen lassen und verstärkt Ideen entwickeln, wie sie das Gelände nutzen können.

Für die Nutzung des größten denkmalgeschützten Gebäudes auf dem Gelände braucht es aber nicht nur Ideen: Die ehemalige Rinderauktionshalle mit ihren gusseisernen Stützen und den Ornamenten am Giebel ist 75 Meter breit und 215 Meter lang. Die Vorstellungen des ses-Geschäftsführers reichen vom Flohmarkt bis zur Bowlingbahn. Aber ein Investor wird auch hierfür schwer zu finden sein.

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