Inzest-Fall : Das Verlies des Vaters

Sie sei in eine Sekte geraten, sagte er, wenn er nach seiner Tochter gefragt wurde. Es war eine Lüge. Josef Fritzl vertuschte, dass er seine Tochter 24 Jahre in einem Keller gefangen hielt. Er missbrauchte sie, sie bekam sieben Kinder. Nicht einmal seine Frau will es bemerkt haben.

Markus Huber[Wien] Jacqueline Putzinger[Amstetten]
Amstetten
Das Verlies der 42-Jährigen und ihrer Kinder. -Foto: dpa

Die Ybbsstraße liegt ein bisschen außerhalb des Zentrums von Amstetten. Sie ist lang und schnurgerade. Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, kleinere Läden und Lokale – zur Straße hin ist alles eng gebaut, dahinter liegen kleine Gartenparzellen. Architektonisch kein großer Wurf, Stückwerk, seit den 50er Jahren erweitert, umgebaut, immer mal wieder den Bedürfnissen der Hausbesitzer angepasst.

Die Bedürfnisse eines Mannes in der Ybbsstraße sind 24 Jahre lang verborgen geblieben. Sie sind von der ungeheuerlichen Art. Der Mann hat in der Nummer 40 gelebt, einem schmuckloser Klotz, grau und abweisend. Seine Tochter hatte er im Keller eingesperrt und sieben Kinder mit ihr gezeugt. 24 Jahre hat Josef Fritzl, inzwischen 73 Jahre alt, seine Tochter E. gefangen gehalten. Er hat ihr ein Verlies gebaut, sie sexuell missbraucht und mehrmals geschwängert.

Drei Kinder leben oben beim Opa

E. sei heute aschfahl und weißhaarig, sagt Heinz Lenze, Bezirkshauptmann von Amstetten am Montag; er ist sichtlich erschüttert. Drei der Kinder – die 19-jährige K. , der 18-jährige S. und der fünfjährige F. – haben noch niemals Tageslicht erblickt, bis die Polizei sie am Wochenende befreite. Drei weitere Kinder, im Alter von zwischen zwölf und 16, lebten mit ihrem Großvater, der eigentlich ihr Vater ist, und ihrer Großmutter nur zwei Stockwerke höher. Genauso wie ihre Großmutter  wollen sie keine Ahnung vom bizarren Doppelleben des Josef Fritzl gehabt haben. Genauso wenig wussten sie, sagen sie, dass noch drei weitere Geschwister im Keller eingesperrt waren.

Das ist die bekannte Geschichte dieses Hauses, und darum stehen an diesem Montagmorgen gleich mehrere Übertragungswagen davor. Streifenwagen stehen auf den Parkplätzen neben zahllosen Autos mit Wiener Kennzeichen. Das Haus selbst ist mit Flatterbändern abgesperrt. Passanten und Journalisten drängeln sich dahinter. Sie suchen nach einer Geschichte, aber vor allem auch nach einer Erklärung dafür, wie das alles passieren konnte.

Die meisten Nachbarn sind natürlich wortkarg. Sie hätten sich so etwas doch nie vorstellen können. Andere erzählen, dass die Familie Fritzl „sehr nett war“, dass Josef Fritzl, der bis zu seiner Pensionierung Elektriker war, „immer gerne geholfen hat, wenn es wo Probleme gab“, dass er „sehr lieb mit Kindern umging“ und dass er sich vor allem beim Angeln an der nahe gelegenen Ybbs entspannt haben soll. Dass er solch einer Gewalttat fähig gewesen sein soll… nein.

Ähnliche Äußerungen hat man schon vor zwei Jahren gehört, in Strasshof, als dort Natascha Kampusch aus ihrem Verlies flüchten konnte und sich die Nachbarschaft über den Entführer Wolfgang Priklopil entsetzte. Überhaupt werden am Montag in Österreich gerne Parallelen zum Fall Kampusch gezogen; schließlich war auch sie acht Jahre in einem Keller festgehalten worden.

Doch bei Licht betrachtet, enden dabei die Gemeinsamkeiten auch schon: Selbst Franz Polzer, der Chef des niederösterreichischen Landeskriminalamts, LKA, der auch im Fall Kampusch eingeschaltet war, sagt dass das Amstettener Verbrechen noch grausamer, weil perfider ist.

E. kommt 1966 zur Welt, sie ist das siebte Kind von Josef Fritzl und seiner Frau. Der Vater, gelernter Elektrofachmann, arbeitet als Ingenieur für eine größere Baufirma, die Mutter kümmert sich um die sechs Geschwister – fünf Brüder und eine Schwester. E. geht in Amstetten in die Grundschule und wechselt 1976 auf die nahegelegene Hauptschule. Kurz darauf sollte ihr Martyrium beginnen. Bei der ersten Vernehmung durch die Polizei gab sie Samstagnacht an, dass sie 1977 zum ersten Mal von ihrem Vater missbraucht worden sei; sie war damals gerade elf Jahre alt geworden.

Wie so viele Missbrauchsopfer hat E. mit niemandem darüber gesprochen, auch nicht mit ihrer Mutter, stattdessen zog sie sich immer weiter in sich selbst zurück. Ihrem Vater entkam sie nicht. Immer wieder missbrauchte er sie.

Mit 15 Jahren geht E. Fritzl von der Schule ab und beginnt eine Lehre als Kellnerin in einer nahe gelegenen Raststätte. Der Vater bedrängt sie weiter. Mit 16 läuft E. das erste Mal weg, sie wird aber von der Polizei aufgegriffen. Angeblich soll sich damals kurzfristig das Jugendamt eingeschaltet haben. Heute heißt es, dass in der Familie damals keine Auffälligkeiten festgestellt wurden, die Jugendfürsorge schloss die Akte. Später will E. wieder fliehen – wieder wird sie aufgegriffen und in die Ybbsstraße zurückgebracht.

In seinem ganzen Schrecken beginnt dieses Drama, das am Montag in internationalen Medien von CNN bis al Dschasira vermeldet wird, aber erst am 28. August 1984.  An diesem Tag, einem Dienstag, lockt Josef Fritzl seine damals 18-jährige Tochter in den Keller. Dort betäubt er sie mit Äther. Er fesselt sie mit Handschellen und versteckt sie in einem Verschlag. Ganz offensichtlich hat er Angst, dass E. abermals fliehen und den Missbrauch bekannt machen würde. Josef Fritzl gibt eine Vermisstenmeldung auf. Später sollte er sich bei der Polizei immer wieder darüber beschweren, dass man seine Tochter nicht ausfindig machen konnte.

Tür aus Stahlbeton, Schloss mit Zahlencode

Experten bescheinigen Josef Fritzl ein hohes Maß an Intelligenz. Er hat, sagt BKA-Chef Lang, ein „perfektes Lügengerüst aufgebaut“. Darin sieht der Kriminologe auch den Unterschied zum Entführungsfall Natascha Kampusch, in dem es zu folgenreichen Fahndungspannen gekommen war. Anders als bei Kampusch, sagt Lang, habe es nach jetzigem Stand für die Polizei im Fall von Amstetten keine Chance gegeben, in die richtige Richtung zu ermitteln.

Als die Polizisten Sonntagnacht zum ersten Mal in den Keller stiegen, fanden sie das Verlies zunächst nicht. Sie brauchten Josef Fritzl, um den Zugang zum Versteck freizulegen. Er lag hinter einer Werkbank, gesichert mit einer Stahlbetontür samt elektronischem Zugangscode.
Ein schmaler Gang führt in das Versteck, das Fritzl in den vergangenen Jahrzehnten ständig ausgebaut hat. Der Anbau ist zwischen 50 und 60 Quadratmeter groß. Er besteht aus einem Vorraum, in dem ein WC, ein Duschbad und eine Kochgelegenheit installiert sind, sowie zwei weiteren Zimmern mit vier Schlafplätzen. An die Wohnräume angeschlossen fanden die Ermittler eine mit Isolierschaum verkleidete Zelle, deren Zweck bisher noch unklar ist. Die maximale Raumhöhe beträgt 1,70 Meter, Erwachsene können hier nur schlecht aufrecht stehen. Der einzige Luxus: ein alter Fernseher. Für den Rest der Familie war der Kellerbereich, in dem die Mutter mit drei ihrer Kinder gefangen gehalten wurde, Sperrzone.

Wie oft Josef Fritzl in den vergangenen Jahren die Tür zu diesem Gefängnis öffnete, ob mehrmals am Tag oder doch nur ein paar Mal die Woche, ist derzeit noch nicht bekannt. Am Montagmittag wurde der 73-Jährige von den Amstettener Behörden in die niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten überstellt und dort von den Ermittlern des LKA weiter vernommen. Mittlerweile hat er ein volles Geständnis abgelegt.

Sicher ist jedenfalls, dass Josef Fritzl seine gefangene Tochter weiterhin missbraucht hat. Sechs Mal wird sie ab 1988 von ihrem Vater schwanger. Sieben Kinder bringt sie auf die Welt, von den Zwillingen, die 1996 geboren werden, stirbt eines gleich nach der Geburt. Der Vater verbrennt den Leichnam in einem Ofen. Die beiden Erstgeborenen, K. und S., werden von ihrem Vater ebenfalls im Kellerverlies eingesperrt.

Die beiden Kinder, die 1992 und 1993 geboren werden, sowie der überlebende Sohn der Zwillingsgeburt von 1996, haben hingegen Glück: Da der Kelleranbau zu klein wird, beschließt Josef Fritzl, nun anders vorzugehen. Er legt die Babys, jeweils im Alter von neun Monaten, vor die eigene Haustür. Außerdem zwingt er seine Tochter, Briefe zu schreiben, in denen sie erklärt, sich einer Sekte angeschlossen zu haben und dort für ihre Kinder nicht sorgen zu können. So kann Josef Fritzl die drei Kinder als Pflegekinder in seinem Haus aufnehmen. Die drei besuchen heute in Amstetten die Schule, wo sie als aufmerksame und gute Schüler bekannt sind. Das sechste Kind, der 2003 geborene F. wiederum muss bei der Mutter und seinen beiden Geschwistern im Kellergefängnis bleiben. Sie haben von ihrer Mutter sprechen gelernt, nie eine Schule besucht, sie können weder schreiben noch lesen, waren nie bei einem Arzt und kennen die Welt nur aus dem Fernseher.

Verbrechen gerät durch Zufall an die Öffentlichkeit

Es ist nur dem Zufall zu verdanken, dass das Verbrechen publik wurde. Die älteste Tochter, K., wurde schwer krank. Sie litt an einer Erbkrankheit. An einem Tag der vorvergangenen Woche wurde sie schließlich bewusstlos. E. Fritzl konnte ihren Vater überzeugen, mit K. zum Arzt zu fahren. Die Ärzte im Amstettner Krankenhaus erklärten Josef Fritzl kurz nach der Einlieferung aber, dass sie ohne eine genaue Anamnese K. nicht helfen könnten. Und dafür brauchten sie eine Aussage der Mutter.

E. galt offiziell aber weiter als vermisst, also wurden in österreichischen Zeitungen Vermisstenanzeigen geschaltet. Am Samstag schließlich, als sich der Gesundheitszustand der 19-jährigen K. nicht verbesserte, brachte Josef Fritzl auch seine Tochter, K.s Mutter, ins Spital. Dort wurde sie befragt – und E. Fritzl sprach zum ersten Mal über ihr Schicksal.

Josef Fritzl wurde sofort verhaftet. Es bleiben viele Fragen. Über Fritzls Motive ist nach wie vor nichts bekannt. Noch ist unklar, wie er es schaffen konnte, dass niemand etwas von seinem Doppelleben bemerken konnte. Falls das stimmt. Weder seine Frau noch die drei aufgenommenen Kinder seiner Inzestbeziehung wollen etwas über das grauenhafte Schicksal ihrer restlichen Familie gewusst haben. Sie alle werden derzeit in einem Spezialkrankenhaus in der Nähe von Amstetten psychologisch betreut.

Von dem, was Josef Fritzl in den Verhören bei der Polizei gesagt hat, ist wenig bekannt. Aber er soll gesagt haben: „Meine Familie tut mir leid.“ Und dass er nun wieder seine Ruhe haben wolle.

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