Irak : Gotteskrieger auf Entzug

Wie entschärft man islamische Fanatiker? Mit Kunsttherapie und Religionsunterricht. In Saudi-Arabien werden Männer, die im Irak gekämpft haben, nun zur Umerziehung geschickt.

Irak
Malen nach Qualen: Wie entschärft man islamische Fanatiker? Mit Kunsttherapie und Religionsunterricht. In Saudi-Arabien werden...Foto: Laif/Kate Brooks

Gleich auf die erste Frage hebt Mufarrah al Faifi die Hand. „Will der Islam, dass wir töten?“, will der Lehrer wissen. „Nein“, sagt Mufarrah al Faifi. Der Lehrer lächelt und schreibt die Antwort auf die Tafel.

Elf Schüler sitzen in drei Stuhlreihen. Der Raum ist mit nagelneuem, beigem Teppichboden ausgelegt, es sieht aus wie in der Volkshochschule. Dennoch hat die Szene etwas Surreales. Denn Mufarrah al Faifi und seine Mitschüler tragen den langen Bart der Islamisten. Noch vor kurzem wollten diese Männer als Gotteskrieger, als Dschihadis gegen Schiiten und Amerikaner im Irak kämpfen, vielleicht sogar gegen das eigene Königshaus, dessen Nähe zu den USA vielen Radikalen nicht gefällt. Dieses Klassenzimmer gehört zu einem Rehabilitationszentrum der Regierung für Dschihad-Kämpfer – oder solche die es werden wollten. Hier, in einer ehemaligen Ferienanlage 30 Kilometer nordöstlich von Riad, sollen sie ihre Religion, für die sie vor kurzem noch in den Tod gehen wollten, neu kennenlernen.

„Ich dachte, es sei meine religiöse Pflicht, den Brüdern im Irak zu helfen“, erzählt Mufarrah al Faifi. Er ist 28 Jahre alt und stammt aus Jizan im Süden Saudi-Arabiens. Auf dem Kopf trägt er ein rot-weiß kariertes Tuch, allerdings ohne die übliche schwarze Kordel, was wie der Bart auf seine Frömmigkeit hinweist, dazu eine braune Galabija und Wollhandschuhe gegen die winterlichen Temperaturen. In der Wüste außerhalb von Riad sind es abends nur fünf Grad.

Nach dem ersten Teil des Unterrichts setzt sich Mufarrah in den Garten. Drei Zimmer, Küche und Bad sind um eine Rasenfläche herum gebaut. Volleyballnetz und Tischtennisplatte gehören zur Ausstattung. Elf Männer leben hier zusammen, schlafen auf Matratzen auf dem Boden, getrennt nur durch Spinde. Ein Beduinenzelt dient als Aufenthaltsraum, hier wird auch fünf Mal am Tag gebetet. Das Essen bereiten asiatische Köche in einem Nebengebäude zu. Heute gibt es Hammel mit Reis und Salat.

Entziehung des radikalen Gedankenguts

Insgesamt fünf Gruppen von Dschihadis durchlaufen hier ein zweimonatiges Programm. Durch Umerziehung sollen sie dem radikalen Gedankengut entzogen werden. Es sind vor allem Männer, die – noch – keine allzu schweren Verbrechen begangen haben. Terrorverdächtige hingegen werden weiterhin gnadenlos verfolgt und bleiben im Gefängnis.

Mufarrah al Faifis Geschichte ähnelt der vieler Dschihadis. Er ist ein einfacher Mann. Er hat ein paar Jahre die Schule besucht, aber der Lehrplan in Saudi-Arabien konzentriert sich auf religiöse Unterweisungen. Mehr hat al Faifi nicht gelernt. Er war lange arbeitslos. Manchmal ist er über die nahe gelegene Grenze in den Jemen gereist, um die Kaudroge Qat zu kaufen, die hat er dann verkauft.

Doch dann sah er eines Tages einen Film. Er handelte vom Krieg in Tschetschenien und im Irak und davon, was Muslimen, insbesondere sunnitischen Muslimen wie ihm dort angetan wird – von ungläubigen Amerikanern, aber auch von den Schiiten. Mufarrah war betroffen. Er hat sich damals sofort entschieden. Er wollte gegen Schiiten kämpfen. Er hatte zwar noch nie einen getroffen, aber er wusste: Das sind Verräter. Sie halten ihre Versprechen nicht und töten Kinder und Sunniten. Also, sagt er, ließ er sich im Jemen in einem Trainingslager ausbilden. Wie er dorthin kam? Wer ihn angeworben hat? Er schweigt, vielleicht auch, weil der Psychologe des Lagers, Turki al Otayan, aufmerksam zuhört.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Mufarrah al Faifi wurde festgenommen und wegen illegalen Grenzübertritts und paramilitärischer Ausbildung eineinhalb Jahre ins Gefängnis gesperrt.

„Islam ist eine Religion der Liebe“, sagt al Faifi. Für ihn ist das neues Wissen. Er wirkt regelrecht begeistert. Der Koran und die Geschichten aus dem Leben des Propheten enthielten die Botschaft, dass Christen und Juden als „Völker der Schrift“ zu lieben seien, doziert er. Das ist zwar Allgemeingut, aber in einem Land, dessen radikale wahabitische Islaminterpretation den Westen verteufelt, traut man seinen Ohren kaum.

Eine Zeit für den Dschihad

Vor allem aber soll das Programm das Dschihad-Verständnis der Männer korrigieren. Denn die meisten wissen nicht, dass der so genannte Gotteskrieg an Bedingungen geknüpft ist. Der Islamgelehrte Scheich Jalani, ein rundlicher, freundlicher Mann, macht das didaktisch geschickt. „Kann ich jederzeit die Hadsch, die große Pilgerfahrt, machen?“, fragt er rhetorisch die frommen Männer im Klassenzimmer, die genau wissen, dass dies nur an wenigen Tagen des zwölften islamischen Monats möglich ist. Dann fährt er fort: „Und genauso gibt es eine Zeit für den Dschihad.“ Erstens brauche man die Zustimmung des Führers, also des Königs und Hüters der beiden heiligsten Stätten des Islam. Zweitens die Zustimmung der Eltern. „Habt ihr eure Eltern um Erlaubnis gefragt?“ Nein, sagen die Schüler natürlich. Und drittens habe die irakische Regierung Abkommen mit den Amerikanern geschlossen, ja, mit Nichtmuslimen, denn das ist im Islam erlaubt, wenn dies im Interesse der islamischen Gemeinde sei. Auch der Prophet Mohammed habe mit Ungläubigen Verträge geschlossen. Man dürfe also nicht gegen die Amerikaner kämpfen, die mit Genehmigung der irakischen Regierung im Nachbarland stationiert seien. Diese formellen Versäumnisse machen den Dschihad der jungen Männer nicht nur ungültig, sondern sogar zur Sünde. Scheich Jalani singt den entsprechenden Vers aus der Koransure al Anfal vor. Es berührt die Männer, manche wiegen ihren Oberkörper. Widerspruch gibt es zunächst nicht.

Der Religionsunterricht ist nur ein Teil des innovativen Rehabilitationsprogrammes, auch Kunsttherapie, psychologische Betreuung, Sport und Programme zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft gehören dazu. Der in den USA ausgebildete Kunsttherapeut Awad Alyami bringt seinen Schülern zum Beispiel bei, „die negative Energie zu Papier zu bringen“. Die Männer nehmen das ganz ernst. Mit Pastellfarben malen sie Schiffe, die sich einem paradiesischen Land nähern, Sonnenaufgänge oder, wie an der Wand des Wohnhauses, einen knallgrünen Baum und eine Gießkanne.

Seit etwa einem Jahr betreibt das Innenministerium das Programm. Es ist ein Vorzeigeprojekt im Kampf gegen islamischen Extremismus, in Ergänzung zum gnadenlosen militärischen Vorgehen gegen Terroristen. Auslöser waren nicht die Anschläge des 11. Septembers 2001, die mehrheitlich von Saudis ausgeführt wurden. Die Wende kam erst 2003 mit den AlQaida-Selbstmordanschlägen auf Wohnsiedlungen in Saudi-Arabien selbst. 2004 folgte ein Autobombenangriff auf das Innenministerium. Damals wurden die ersten radikalen Prediger geschasst, die Gefängnisse füllten sich. Auch dort begann man mit religiöser Umerziehung, als Fortsetzung der Tradition, dass Familien ihren inhaftierten Angehörigen oft Geistliche zu Besuch schicken.

„Ideen mit Ideen bekämpfen“, sagt Generalmajor Mansur al Turki, Sprecher für Sicherheitsfragen des Innenministeriums. Religiöse Ideen mit religiösen Ideen bekämpfen, müsste man ergänzen. Die Regierung betrachtet die umgedrehten Kämpfer vor allem als „Friedensboten“. „Ein Ex-Dschihadi kann andere junge Männer in fünf Minuten davon überzeugen, das der Kampf im Irak nicht rechtens ist. Wir geben ihnen dafür die Argumente an die Hand.“

Scheich Jalani spielt Tischtennis

Der Ingenieur, sonst für die Sicherheit bei der Pilgerfahrt zuständig, sagt, dass Saudi-Arabien jetzt „offener“ über die eigenen Probleme spreche als früher. Auch aus reiner Notwendigkeit. Islamistische Sympathisanten, die wegen illegalen Grenzübertritts oder der Planung des Dschihads festgenommen wurden, sollen im Gefängnis nicht mit beinharten Kämpfern und Ideologen zusammenkommen. Landesweit werden nun also fünf neue Zentren gebaut, die jeweils bis zu 250 Personen aufnehmen können. Vielleicht geschieht dies auch vor dem Hintergrund, dass die USA behaupten, 40 Prozent der zwischen Sommer 2006 und 2007 in den Irak eingereisten Dschihad-Kämpfer seien Saudis gewesen.

Im Garten der Anlage spielt Scheich Jalani jetzt Tischtennis im Kampf gegen den Terrorismus. Obwohl der füllige Mann sich kaum bewegt, macht er einen Punkt gegen einen Ex-Dschihadi. Es gibt Beifall. Der Psychologe al Otayan beobachtet die Szene unauffällig, aber aufmerksam. Auch außerhalb des Unterrichts versuchen die Lehrer zu erkennen, wer den alten Überzeugungen möglicherweise nur oberflächlich abgeschworen hat.

Das oberste, wenn auch unausgesprochene Ziel ist, die Loyalität gegenüber dem saudischen Staat und der Königsfamilie zu stärken. Dankbar sollen die Schüler sein für die offenen Arme, mit denen sie trotz ihrer Vergehen empfangen werden – wie Kinder, denen die Elternliebe sicher ist, egal, was sie angestellt haben. Der paternalistische Ansatz ist Teil der „Impfung“. Das Konzept mag simpel erscheinen. Aber der Kunsttherapeut Alyami, der zunächst gezögert hatte, mitzumachen, glaubt mittlerweile an den Erfolg. „Ich dachte, diese Leute sind Kriminelle“, erinnert er sich. „Hier habe ich gesehen, wie einfach gestrickt viele dieser jungen Männer sind. Sie sind Werkzeuge, derer man sich bedient hat.“

Der Erfolg ist schwer zu messen. Von den 120 Männern, die das Care-Programm in einem Jahr durchlaufen haben, ist nach offiziellen Angaben bisher keiner rückfällig geworden. Von den etwa 1000 verurteilten Islamisten, die in der Haft religiöse Unterweisung erhielten, sind etwa 20 wieder aufgegriffen worden.

Schon das Mitgefühl ist eine Art von Dschihad

Am Nachmittag, im zweiten Teil der Religionsstunde von Scheich Jalani, wird allerdings deutlich, dass er doch noch nicht alle Fragen beantwortet hat. Ein Ex-Dschihadi aus der letzten Reihe, ein Mann, der fünf Monate im Irak war, stellt die Frage: „Wenn wir nicht kämpfen dürfen, was ist denn dann der richtige Weg, Muslimen zu helfen, die von den Amerikanern getötet werden?“ Fast wirkt es erst, als wolle der Gelehrte Zeit gewinnen, dann sagt er: „Beten, denn schon das Mitgefühl ist eine Art von Dschihad.“ Das verschlossene Gesicht des bärtigen Mannes in der letzten Reihe lässt nicht erkennen, ob ihn die Antwort überzeugt hat.

Bei Mufarrah al Faifi scheint der Ansatz zu funktionieren. Sein Aufenthalt muss ihm wie eine Kur erscheinen, mit Sport, gutem Essen und Malerei. Nach der Entlassung gibt es außerdem Geld, durch die Kooperation mit anderen Ministerien werden Ex-Dschihadis verstärkt beim Staat angestellt. Manchmal werden sogar Hochzeiten bezahlt, um die Männer zu stabilisieren. Mufarrah al Faifi will nun Religionslehrer oder Psychologe werden. Er möchte erst entlassen werden, sagt er, wenn der Psychologe ihm „attestiert, dass ich positiv denke“.

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