IRAK, POSTMODERNNajem Wali liest aus „Jussifs Gesichter“ : Die Wahrheit der Fälschung

Andreas Pflitsch

In der irakischen Literatur geht es etwas lauter und greller als in anderen arabischen Literaturen zu. Und da sie vor allem im Exil entsteht, ist sie im doppelten Wortsinn „ex-zentrisch“. Der seit einiger Zeit in Berlin lebende Najem Wali ist in diesem Sinne ein typischer Vertreter. Wali, 1956 in Basra geboren, flüchtete 1980 nach Ausbruch des Krieges zwischen Iran und Irak nach Deutschland und studierte in Hamburg und in Madrid deutsche und spanische Literatur. Nachdem mit „Der Krieg im Vergnügungsviertel“ (1989) und „Hier in dieser fernen Stadt“ (1990) zwei ins Deutsche übersetzte Bücher von ihm in kleinen Verlagen erschienen waren, wurde er 2004 mit dem bei Hanser verlegten Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“ einem größeren Publikum bekannt.

Walis nun wieder bei Hanser auf Deutsch erschienener Roman „Jussifs Gesichter“ teilt den postmodernen Ansatz des Vorgängers und treibt ihn auf die Spitze. Die Fälschung wird „zur einzigen, mein Leben bestimmenden Wahrheit“ muss der Erzähler Jussif Mani erkennen. Getreu dem Diktum von Max Frisch, nach dem sich jeder seine eigene Geschichte erfindet, die er für sein Leben hält, werden wir Zeuge, wie Jussif seine Lebensgeschichte rekonstruiert, deren Kern das schwierige Verhältnis zu seinem älteren Bruder Junis darstellt.

Ein die beiden Brüder verbindendes traumatisches Kindheitserlebnis steht als blinder Fleck im Zentrum des zwischen dem Kuwait-Krieg 1991 und der amerikanischen Invasion 2003 spielenden Romans. Er beginnt mit dem „Ende der Geschichte“ und endet mit dem „Anfang der Geschichte“. Andreas Pflitsch

VIA e. V., Do 5.6., 19.30 Uhr, 5 €

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