Irak-Veteranen : Der Krieg im Kopf

Er ist wieder zu Hause, zurück in seinem Leben ist er nicht: Soldat Andy Sapp ist Gefangener seiner Erinnerungen - so wie viele Irak-Veteranen. Manche werden deshalb zu Mördern.

Christoph Marschall[Washington]
Irakveteran
Irakveteran Andy Sapp heute mit Frau Anna und der jüngsten Tochter Mary. Das Foto auf dem Schoß zeigt Mary und ihren Vater an dem...Foto: Christoph von Marschall

Nachts schläft er schlecht. Zur Arbeit geht er unregelmäßig, obwohl er seinen Beruf liebt. Die Erinnerungen verfolgen ihn, auch drei Jahre danach: die nächtliche Hitze, die Geräusche, die Gerüche. Wie eine Mauer stehen sie seiner Rückkehr im Weg. Der Rückkehr in sein eigentliches Leben, so wie es vor dem Irakeinsatz war, als Familienvater, als Lehrer, im Alltag in der amerikanischen Kleinstadt Billerica nahe Boston. Andy Sapp leidet unter PTSD, Post Traumatic Stress Disorder.

40 Prozent der Soldaten, die als Reservisten in den Irak gehen, zeigen später psychologische Störungen, sagt die Soziologin Shelley MacDermid von der Purdue-Universität. Bei hauptberuflichen Soldaten ist die Quote halb so hoch, aber das kann auch daran liegen, dass sie in geringerem Maß therapeutische Hilfe suchen – aus Angst, der Eintrag in die Personalakte werde ihre Karriere behindern.

Am Freitag hatte der Streitkräfteausschuss des US-Abgeordnetenhauses sie und weitere Experten zu einer Anhörung geladen, aufgeschreckt von Medienberichten über beunruhigende Langzeitfolgen des Irakeinsatzes – jenes Krieges, der am 19. März 2003, 19 Uhr 12 Washingtoner Zeit mit einem „Let’s go“ des Präsidenten Bush seinen Lauf nahm. In den Zeitungen ist die Rede von Beziehungskrisen, Alkoholismus und Rauschgiftkonsum unter Veteranen, die sich zunehmend in innerfamiliärer Gewalt, Selbstmorden, aber auch Morden entladen. Das genaue Ausmaß ist unklar.

Die „New York Times“ hatte Ende Januar 121 Morde zusammengetragen, begangen von Militärs, die zuvor im Irak oder in Afghanistan waren. Bezogen auf mehr als eine Million Soldaten, die in diesen beiden Ländern seit 2001 Dienst taten, ist das keine hohe Quote. Aber die Zeitung schreibt zugleich, in diesen sechs Kriegsjahren habe die Gesamtzahl der in Tötungsdelikte verwickelten Militärs (349) um 89 Prozent höher gelegen als in den sechs Friedensjahren zuvor (184). Als Hauptauslöser gilt PTSD – unbehandelt.

Kleinigkeiten können Andy Sapp zu einem anderen Menschen machen. Wenn eine Frau mit Kopftuch in sein Blickfeld gerät, spannt er sich plötzlich an, erzählt seine Frau Anne, eine stämmige Frau Anfang 50 mit graublondem Haar und sanftem Lächeln. Oder wenn ein Pappkarton auf der Straße liegt. Dann reißt er das Steuer herum und weicht aus, selbst wenn er dabei auf die Gegenfahrbahn gerät. Zivilisten fahren einfach drüber über Pappkartons. Nicht Irakveteranen. Es könnte ein Sprengkörper sein. Der Sommer ist für Andy schlimmer als der Winter, allein der Schweiß, der den Nacken hinunterrinnt, versetzt ihn manchmal in den Irak zurück.

Er kann auch die Fassung verlieren, wenn er zu lang vom Krieg erzählt. Dann verlässt er den Raum und kommt erst nach einiger Zeit wieder zurück.

In der Wohnung der Sapps weist nichts darauf hin, dass Andy jemals beim Militär war. Nicht mehr. „Eines Tags kam ich von der Arbeit nach Hause, und irgendetwas war anders“, sagt Anne. Sie brauchte eine Weile, bis sie merkte, was. „Er hatte alle Bilder entfernt, auf denen Uniformen zu sehen waren. Auch das von seinem Großonkel aus dem Ersten Weltkrieg.“

Bei den Sapps, beide Lehrer, erhebt niemand die Stimme, sie sprechen so leise, dass Anne aufstehen und die zwei Vogelkäfige mit Decken verhängen muss. Die Sittiche hatten Andy Sapps Stimme übertönt. Nun geben sie Ruhe. Die Wohnverhältnisse sind beengt, Lehrer werden in den USA bescheiden bezahlt.

Das Schlafzimmer ist Andys Höhle, wie er sagt. Dort habe er sich seit der Rückkehr aus dem Irak sehr oft „versteckt“. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Intellektueller. Die grauen, nach hinten gekämmten Locken bedecken die Ohren und fallen tief in den Nacken. Mit dem eisgrauen Vollbart und den ausgeblichenen Jeans würde er gut auf eine Antikriegsdemo passen.

Den Tag, der bei ihm PTSD auslöste, kann Andy genau benennen: „9. August 2005.“ Dann stockt er. Es fällt ihm nicht leicht, darüber zu reden.

Andy, heute 52, war die Hälfte seines Erwachsenenlebens bei der Truppe, 17 Jahre. Aufgewachsen ist er im Landesinneren, in Idaho. „Sehnsucht nach der großen weiten Welt“, so erklärt Andy seine Entscheidung für die Navy. Die bildete ihn zum Elektriker aus. Seattle war der Heimathafen seines Schiffes. Dort haben er und Anne sich auch kennengelernt.

Als sie sich entschlossen, eine Familie zu gründen, holte er das Studium nach: Englische Literatur in Yale. Vier Jahre später meldete er sich bei den Reservisten. „Wir brauchten das Geld“, sagt Andy. „Er wollte den Kontakt zu seinem früheren Leben, zur Kameradschaft halten“, ergänzt Anne. Als sie nach Massachusetts zogen, trat er in die Nationalgarde ein: eine paramilitärische Truppe, die damals vor allem bei Naturkatastrophen eingesetzt wurde. Erst George W. Bush ordnete auch für sie Kriegseinsätze an angesichts der Doppelbelastung in Afghanistan und im Irak.

Andy sagt, er und Anne seien von Anfang gegen den Irakkrieg gewesen. „Einen Einsatz in Afghanistan hätte ich leichter akzeptiert, dort hatte Al Qaida ihre Trainingslager. Oder im Kosovo oder in Darfur, um das Massenmorden zu beenden.“

Sie haben damals diskutiert, was sie tun sollten. Die Flucht nach Kanada, wie es 40 Jahre zuvor viele getan hatten, um Vietnam zu entgehen, kam nicht infrage. Erstens aus Rücksicht auf die drei Kinder. „Zweitens glaube ich an meinen Soldateneid. In einer Demokratie entscheiden die gewählten Volksvertreter und nicht die Soldaten, in welchen Krieg man zieht.“ Drittens, sagt er, „hielten wir uns für stark genug, um das auszuhalten“.

„Ich war naiv“, bekennt Andy heute. Der Realitätsschock setzte mit Verzögerung ein. Anne sagt: „Ich habe ein volles Jahr gebraucht, um zu begreifen, wie sehr Irak ihn verändert hat.“ Andy sagt, er habe ja noch Glück gehabt. „Ich bin in keinem Gefecht gewesen, ich habe keinen Kameraden neben mir sterben sehen. Ich musste nie auf Iraker schießen.“

Im Juni 2004 wurde er angefordert, es folgten fünf Monate Ausbildung. Am „Veterans Day“ im November ging es nach Kuwait. Zwei Monate tat er Hafendienst: Entladen der Nachschubschiffe. Ende Januar 2005 verlegte man ihn nach Norden ins sunnitische Dreieck. „Wir konnten sehen, dass die Stimmung nicht gut war. In manchen Augen konnte man lesen, dass die uns am liebsten umgebracht hätten. Wir hatten es geschafft, an die Stelle des verhassten Baath-Regimes zu treten.“

Sein neuer Standort war Baiji, eine Kleinstadt an der Hauptstraße nach Mossul im sunnitischen Widerstandsgebiet. „Mit zwei Kompanien sollten wir Tag und Nacht eine Stadt von 60 000 Einwohnern kontrollieren. Ein Witz.“ Vom Sommer an nahmen die Attacken mit selbst gebastelten Bomben drastisch zu. Andy war der zuständige Feldwebel für die nächtliche Bewachung der Kaserne. Mehrfach wurden seine Leute auf den Wachtürmen beschossen. Manchmal flogen Granaten ins Camp. An eine Nacht kann Andy sich noch genau erinnern. Nach zwei Granateinschlägen war er in den Hof gegangen, um den Schaden an den Fahrzeugen zu begutachten, aber es war noch dunkel. „Als es dämmerte und ich wieder hinausging, sah ich dort, wo ich gestanden hatte, eine Granate liegen, die nicht gezündet hatte. Im Dunkeln war ich fast draufgetreten.“ Er habe in dem Moment keine Angst gespürt. „Man schaltet seine Gefühle einfach ab. Das Problem ist nur: Wie schaltet man sie wieder an?“

Die zwei Wochen Heimaturlaub waren ein Schock. „Es gab Momente, wo wir beide sagten, ich wäre besser nicht nach Hause gekommen.“ Anne nickt. „Nicht, dass wir uns gestritten hätten“, versucht sie zu erklären. „Erst freut man sich so wahnsinnig auf das Wiedersehen. Und dann muss man sich emotional sehr bremsen und kann die Zeit gar nicht genießen, weil immer schon der Gedanke an den nahen Abschied mitspielt.“ Zudem war da so vieles, worüber sie nicht reden konnten – schon um den anderen nicht traurig zu machen. Ihre Sorgen um Kinder und Finanzen, als alleinerziehende Mutter. Oder seine schlimmsten Erlebnisse im Irak. „Auch Liebe kann man nicht einfach wieder einschalten“, sagt Anne.

Und der 9. August?

„Ich muss mal ins Badezimmer“, sagt Andy und geht hinaus.

Anne erzählt, sie habe die Veränderung damals schon beim Lesen seiner E-Mails erahnt. „Einige klangen so ärgerlich. Andere fast apathisch. Dann kam der Tag, an dem er schrieb, er wolle jetzt wirklich Iraker töten. Es klang so gar nicht wie Andy.“

Sie schaut ihn an, wie er wieder ins Zimmer kommt. Er berichtet. „Es war um Mitternacht am 9. August. Ich hatte gerade die Runde gemacht und meinen Leuten auf den Wachtürmen Essen gebracht. Plötzlich zuckten grelle Blitze durch die Nacht, gefolgt von schweren Explosionen. Unsere Artillerie begann zu feuern, keine Leuchtspurpatronen wie sonst, sondern scharfe Munition. Da war Lärm von Hubschraubern und vielen Fahrzeugen, eine große Operation. Dann wurden die ersten Verwundeten ins Camp gebracht.“

Erst am nächsten Tag erfuhr Andy, was genau geschehen war. Seine Kameraden wollten einen Anführer des Widerstands festnehmen und waren dabei in einen Hinterhalt geraten. Das Führungsfahrzeug wurde durch eine Bombe gestoppt. Als die Wagen im Konvoi die Rückwärtsgänge einlegten, folgte die nächste Explosion. Ein Humvee wurde in die Luft geschleudert, „von dem schweren Jeep blieb kein einziges Stück größer als so“ – Andy zeigt eine handtellergroße Fläche. „Die vier Soldaten wurden zerfetzt, die Körperteile mussten wir aus den umliegenden Bäumen sammeln.“ In der Kaserne sah Andy kurz darauf Fernsehbilder: tanzende Jugendliche, die verbrannte Uniformteile in die Luft hielten und das Victoryzeichen machten.

„Das hat mich über die Schwelle getrieben. Einen von denen wollte ich umbringen. Ich hatte Fantasien von Bombenteppichen, die ganz Baiji auslöschen.“ Noch heute erschrickt er über sich selbst. „Das bin ich doch nicht. Zuvor hatte ich sogar Verständnis für den Widerstand. Ich wünsche mir ja auch keine Besatzung in meinem Land.“

Seit jenem 9. August 2005 hat Andy nicht aufgehört, vom Irak zu träumen.

„Irak war der erste Fall seit 1945, in dem die Nationalgarde in den Kampf geschickt wurde“, sagt Anne. „Aber das Land und die Regierungen begreifen nicht, welche Folgen das hat. Sie denken, sie schicken nur Soldaten. Tatsächlich schicken sie ganze Familien mit in diese Situation, auch die Frauen, die Kinder.“ All die schlimmen Folgen von PTSD bis hin zur existenziellen Schädigung der Persönlichkeit seien der Nation zu wenig bewusst.

Zwei Monate nach der Rückkehr hat Andy professionelle Hilfe gesucht in der „Veterans Administration“, der Veteranenbehörde. An vier, fünf Tagen pro Monat fühlte er sich unfähig, zur Arbeit zu gehen. Vor Irak hatte er regelmäßig etwas mit seinen Töchtern unternommen. Nun verließ er das Haus kaum noch, zog sich in seine „Höhle“ zurück, surfte stundenlang im Internet, vor allem auf Irak- und Veteranenseiten. Erst sein Therapeut brachte ihn dazu, politische Nachrichten überhaupt zu meiden. Andy lacht bitter. „Ich kann das Gesicht unseres Präsidenten nicht mehr sehen. Aber in der VA hängt es überall an der Wand.“

Auch Lydia, die sensible Tochter, inzwischen 20, braucht psychotherapeutische Betreuung. Die Sapps bezahlen es selbst.

Anderen Veteranen in seiner Selbsthilfegruppe geht es viel schlechter, sagt Anne. „Besonders den jungen Kerlen. Die sind so kaputt und müssen wahrscheinlich ein weiteres Mal in den Irak.“ Andys Entlassung aus der Truppe haben die Sapps schon durchgesetzt. Ein Heimkehrer im Bekanntenkreis hat sich aufgehängt. Auch die Praxis indirekter Selbstmorde greife um sich – bei jenen Verzweifelten, die es nicht selbst schaffen. „Die rufen die Polizei an und sagen: Ich habe vor, jemanden umzubringen. Dann kommt der Streifenwagen mit Blaulicht. Und sie wissen, sobald sie mit gezückter Waffe aus dem Haus treten, wird ein Polizist sie erschießen, in Selbstverteidigung.“

Andy Sapp geht es inzwischen etwas besser. Weil Anne und die Kinder ihm helfen, sagt er. Nur der nahende Sommer macht ihm Sorgen, wegen des Schwitzens. „PTSD ist wie Diabetes“, sagt er. Wer es hat, wird es nie mehr los. Man kann nur lernen, damit umzugehen.

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