Iran-Wahl : Gespaltenes Land

Das Öl werde dem normalen Mann Geld bringen, hat Mahmud Ahmadinedschad versprochen. Seine Bilanz: Rezession, jeder fünfte Iraner ist arbeitslos, 17 Prozent Inflation. Das Volk ist aufgebracht. Heute soll es ein neues Parlament wählen.

Andrea Nüsse

Viel ist von der Kandidatin nicht zu erkennen. Dabei sitzt sie im Schneidersitz erhöht auf einem Podest. Das schwarze Kopftuch ist so eng gebunden, dass nur ein geometrischer Ausschnitt des Gesichts zu erkennen ist. Die Frau, deren gesamter Körper von schwarzem Stoff umhüllt wird, spricht von Dekolletés, Mobiltelefonen und der Todesstrafe. Man merkt, dass sie eine selbstsichere Frau ist. Geübt hält Nayere Achavan das Mikrofon, sie doziert. Etwa 50 Frauen, ebenso streng in den Tschador gehüllt wie Achavan, sitzen auf großen Perserteppichen im Wohnzimmer eines Privathauses in der Stadt Isfahan und lauschen.

„Wir fordern härtere Strafen, wenn jemand Frauen mit Dekolleté bei einer privaten Feier mit dem Mobiltelefon filmt“, sagt Achavan. Die Abgeordnete kandidiert für das Parlament, das die Iraner an diesem Freitag wählen – die Einhaltung islamischer Moralvorstellungen ist für die Religiös-Konservativen, zu der Achavan gehört, ein bevorzugtes Thema im Wahlkampf. Bis zum Tod durch Erhängen will die 51 Jahre alte Dozentin für Islamisches Recht gehen – falls die Bilder zur Erpressung genutzt werden.

Achavans Wahlkampfauftritt vor den konservativen Frauen sollte eigentlich ein Heimspiel sein. Doch es regt sich Unmut. Im Iran galoppiert die Inflation, die Wirtschaft des Landes steckt in der Krise. Und so erhebt eine ebenfalls ganz in Schwarz gehüllte Frau die Stimme. Sie ist auch ohne Mikrofon deutlich im Saal zu hören: „Was habt ihr für uns getan?“, will die junge Frau wissen. Sie ist Direktorin einer Grundschule in dem Armenviertel Isfahans. „Wo ist das Geld aus den Öleinnahmen geblieben?“ Die überraschte Kandidatin wedelt mit einer CD in der Luft, auf der sie ihre bisherigen Parlamentsauftritte gebrannt hat. „Ich brauche deine CD nicht, ich sehe die Wirklichkeit, die Armut“, ruft die Lehrerin.

Nayere Achavan setzt wie viele der ideologisch geprägten Konservativen Irans auf Volksnähe und eine Rückkehr zu den revolutionären Idealen: bescheidener Lebensstil, soziale Gerechtigkeit, strenge Moral. Damit hatten die Konservativen vor vier Jahren das erfolglose Reformerparlament abgelöst. Mahmud Ahmadinedschad versprach damals, dass „die Öleinnahmen auf dem Esstisch jedes Iraners“ landen. Seither ist die Inflationsrate um 17 Prozent gestiegen, die Mieten verdoppelten sich teilweise innerhalb von Monaten, die Arbeitslosenquote wird inzwischen auf 20 Prozent geschätzt. Während die Nachbarländer am Golf dank der Rekordpreise für Erdöl boomen, befindet sich der Iran, der viertgrößte Erdölexporteur der Welt, in einer Rezession. Benzin ist rationiert, weil das Land die Hälfte seines Bedarfs importieren muss – im Iran fehlen Raffinerien.

Experten und Opposition machen die populistische Spendierfreude Ahmadinedschad für die Krise verantwortlich: hohe Ausgaben für Wohnungsbau und Projekte in den Provinzen, direkte Geldzahlungen an junge Ehepaare, Beihilfen zur Hochzeit, niedrige Zinsen für Kleinkredite, mit denen jedoch keine Kleinunternehmen gegründet werden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da der Präsident das entsprechende Kontrollgremium abgeschafft hat.

Der Parkplatz im Armenviertel von Ishafan ist ungeteert und staubig. Verkäufer haben ihre Ware auf dem Boden ausgebreitet und hoffen vor dem großen Fest zum Frühjahrsanfang auf ein gutes Geschäft. Für die Kinder gibt es ein kleines Karussell, es ist schmucklos aus Eisenstangen zusammengeschweißt. „Ich habe heute noch keine einzige Hose verkauft“, klagt ein Verkäufer, der graue Herrenhosen für 3000 Rial das Stück anbietet – gut drei Euro. „Die Leute haben kein Geld.“ Ein älterer, arbeitsloser Mann schimpft: „Die Inflation zwingt uns in die Knie. Letztes Jahr kostete ein Kilo Reis 1500 Rial, heute sind es 2500 Rial.“ Der Preis für ein Kilo Fleisch stieg von 6500 auf 10 000 Rial.

Ein Teil der kleinen Leute, die den radikalen Ideologen Ahmadinedschad vor zweieinhalb Jahren überraschend an die Macht gebracht hatten, ist enttäuscht. Alternativen haben sie trotzdem kaum. Hunderte Reformer, darunter viele der bekanntesten Gesichter, wurden von der Wahl ausgeschlossen. Neue Gesichter haben es schwer – weil Fotos der Kandidaten in der Öffentlichkeit nur in kleinen Formaten verbreitet werden dürfen.

Zwar haben Konkurrenten Ahmadinedschads im konservativen Lager eine eigene Liste gegründet. Die als „pragmatische Konservative“ eingeordneten Politiker sammeln sich um den ehemaligen Atomunterhändler Ali Laridschani und den Bürgermeister von Teheran, Mohammed Ghalibaf. Sie kritisieren den aggressiven Stil und die Unprofessionalität des Präsidenten und hoffen auf eine Chance bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Bei der Wahl zum Parlament jedoch, stehen viele Kandidaten der „pragmatischen Konservativen“ auf beiden Listen, manche werben in ihren Prospekten gar mit Ahmadinedschads Foto.

Für das Regime zählt nur eins: eine hohe Wahlbeteiligung. Mehr als die peinlichen 51,2 Prozent vor vier Jahren. Sie soll dem Westen beweisen, dass das Volk das System der Islamischen Republik als legitim ansieht. Falsch wählen kann es ohnehin kaum.

Die Opposition hat ihre Anhänger trotzdem zur Stimmabgabe aufgerufen. Denn um überhaupt eine Chance bei der Präsidentschaftswahl 2009 zu haben, will die Reformerkoalition wenigstens einige Abgeordnete auf die politische Bühne entsenden. Die Wahlkampfzentrale der Opposition liegt im wohlhabenden Nordteil Teherans. Hier sind allerdings andere Themen wichtig als in den Armenvierteln von Isfahan.

„Sie verbieten Filme und Kunst“, wettert der ehemalige Reformerminister Mustafa Tajzadeh, über die Ahmadinedschad-Clique. Er selbst wurde als Kandidat ausgeschlossen. Etwa 50 zumeist junge Leute, Studenten und Akademiker, die Jeans und Turnschuhe tragen, haben sich zusammengefunden; die Frauen tragen einen Parka oder eine Kittelbluse, welche die obligatorische Kleiderlänge bis kurz übers Knie erreichen, darunter Jeans, einen bunten Winterschal lose um Kopf und Hals gelegt.

Der Ex-Minister sagt: „Die radikalen Konservativen glauben, sie seien die Einzigen die Rechte haben.“ Sie entließen unliebsame Universitätsprofessoren, schlössen Zeitungen, verfolgten Blogger, und zeigten nur ihre eigenen, radikalen Kandidaten im Fernsehen. „Wenn sie nicht Massenproteste fürchteten, hätten sie auch die Fußballnationalmannschaft ausschließlich mit ihren Anhängern besetzt.“ Das Publikum lacht. Beim Lachen kann man kurz die eigene Ohnmacht vergessen. Denn weil die meisten ihrer Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen wurden, können die Reformer sich lediglich um ein Drittel der Parlamentssitze bewerben. Das größte Hemmnis liegt allerdings in einer eigenen Schwäche: Ihre Inhalte interessieren vor allem Intellektuelle und die Oberschicht. Die Sprache der einfachen Menschen, in der Regel religiös geprägt und moralisch konservativ, sprechen sie nicht. In Süd-Teheran, den ärmeren Stadtteilen, haben sie kein einziges Büro. Der Riss in der Bevölkerung ist tief.

Den anderen Iran will in Ishafan die Konservative Nayere Achavan vertreten. Auch ihr Ehemann, Hassan Kamran, ist seit vielen Jahren Abgeordneter. In der etwas heruntergekommenen Husseiniye, einem Versammlungsort der Schiiten, sitzen Dutzende Männer und falten Wahlprospekte des Ehepaares. Einfache, grobe Gesichter. Am Eingang stehen ausgetretene Schuhe. Für viele hier hat sich der Kandidat mit Briefen an den Gouverneur eingesetzt, in Krankheitsfällen oder bei Jobproblemen. Sie sind ihm dankbar. „Alles Freiwillige“, sagt der Wahlkampfmanager. An einem Herd wird mittags Eintopf für die Helfer gekocht. „Doktor Kamran“, wie Achavans Mann nur genannt wird, ist ein kleiner, dicklicher Mann im einfachen Anzug und dem bei Konservativen üblichen Hemd mit Stehkragen. Er sagt, der Iran müsse sich dagegen wehren, in ein „Diener-Herr-Verhältnis“ mit dem Westen zu treten. Daher unterstütze er auch die Atompolitik des Präsidenten.

Doch die Inflation scheint selbst das Totschlagargument vom äußeren Feind zu unterhöhlen. Das hat Kamrans Frau Nayere Achavan zu spüren bekommen. Die fromme, aber widerspenstige Lehrerin aus dem Armenviertel wollte bei ihrer Wahlveranstaltung einfach keine Ruhe geben. Sie forderte das Abdanken der Abgeordneten. „Willst du etwa, dass wir den Amerikanern das Land als Geschenk überreichen?“, fragte Achavan zurück. Da rührte sich unter den Frauen Unmut. „Immer wenn sie nicht weiterwissen, bringen sie die Amerikaner ins Spiel“, murmelte eine leise. Laut sagte es noch keine.

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