Zeitung Heute : Irdische Sorgen

Der TU-Psychologe Dietrich Manzey berät die Astronauten auf der Internationalen Raumstation

Katharina Jung

„This is Houston Space Center! Wir verbinden Sie mit der Internationalen Raumstation.“ Ob daheim im Garten oder an seinem Schreibtisch in der TU – Anrufe von der Internationalen Raumstation (ISS) sind für Dietrich Manzey nichts Besonderes. Der Professor für Arbeits-, Ingenieur- und Organisationspsychologie an der TU Berlin ist Berater der europäischen Raumfahrtbehörde Esa und psychologischer Betreuer der Astronauten auf der ISS.

Wenn ein Europäer im All ist, erhält Manzey diesen Anruf alle 14 Tage. „Eine regelmäßige, private Konferenz mit einem Psychologen ist Pflicht“, sagt der Wissenschaftler. Drei Astronauten betreute er bislang: Thomas Reiter, Léopold Eyharts und Frank De Winne. „Die Themen dieser Konferenzen sind oft ganz alltäglich“, sagt Manzey. Ernsthaft in Not war noch keiner der von ihm betreuten Astronauten. Im Gegenteil: „Die ISS-Besatzung ist hoch motiviert und sehr fit. Streit in der Crew ist selten ein Problem.“

Meist machen sich die Astronauten mehr Sorgen um ihre Familien am Boden, als um sich selbst. In manchen Gesprächen spielen die Schulnoten der Kinder eine ebenso große Rolle wie die Situation an Bord. „Oft bin ich weniger Psychologe, als eine Art Blitzableiter. Ein neutraler Dritter, bei dem der Astronaut alles aussprechen kann“, erzählt der 53-Jährige. Die Gespräche sind streng vertraulich. Nur wenn der Zustand des Astronauten Auswirkungen auf den Erfolg oder die Sicherheit der Mission haben könnte, darf er die Esa informieren. Das ist aber noch nicht vorgekommen.

Standardthemen sind Schlafverschiebungen, die etwa auftreten, wenn Versorgungsflüge ankommen. Auch die enorme Arbeitsbelastung spielt eine Rolle. Der Psychologe kennt die Zwickmühle der Raumfahrer. Einerseits genießt der Astronaut einen großartigen Nimbus. Andererseits ist das Leben im All vor allem eins: entbehrungsreich. Ein straffes Arbeitskorsett lässt wenig Spielraum für Kreativität. Auf der ISS ist der Astronaut kein Held, sondern muss funktionieren wie ein gutes Werkzeug. Die Arbeitsmotivation spielt dabei eine große Rolle. „Der Astronaut muss das Gefühl haben, dass seine Tätigkeit sinnvoll ist“, sagt Manzey. Seine eigenen Möglichkeiten schätzt er eher zurückhaltend ein: „Die psychologischen Konferenzen sind nur ein Angebot. Wenn ein Astronaut sich in dem Gespräch nicht öffnen will, kann ich wenig ausrichten.“ Zwar trifft er das Crew-Mitglied und manchmal auch die Familie vor der Mission, aber „das ist eher ein professionelles Kennenlernen“. Manchmal entwickelt sich aus den Telefonaten ins All aber auch eine besondere Verbundenheit. „Immerhin teilt man über mehrere Wochen eine ganz spezielle Situation.“

Die menschliche Leistungsfähigkeit im All ist das Thema, mit dem sich Manzey in der Weltraumforschung einen Namen gemacht hat. „Über Jahrtausende hat die Evolution den menschlichen Organismus für ein Leben unter Einfluss der Schwerkraft optimiert. Auf der russischen Raumstation Mir haben wir in den neunziger Jahren erstmals die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf die motorische und kognitive Leistungsfähigkeit untersucht.“ Heute erforscht Manzey vor allem die Interaktion zwischen Mensch und Maschine.

Und wann fliegt Manzey selbst ins All? Er schüttelt den Kopf. „Der Blick auf die Erde und die Schwerelosigkeit, das würde ich gern erleben. Aber ich werde mich nicht auf mehrere Tonnen Sprengstoff setzen, die dann auch noch gezündet werden.“ Katharina Jung

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar