Zeitung Heute : Irene Scheil, geb. 1904

Der Tagesspiegel

1932. Urlaubsstimmung. Irene Scheil im Badeanzug inmitten einer Gruppe junger Leute am Strand. Irene Scheil im geblümten Hosenanzug im Marlene-Stil. Irene Scheil beim Tanzvergnügen. Selbstbewusst, offen, lebenslustig sieht sie aus auf den Bildern im Fotoalbum. Gerade 28 Jahre alt war die zierlihe Diplombibliothekarin damals.

1940. Abreise nach Paris. Irenes Chef in der Staatsbibliothek war auf die ehrgeizige Bibliothekarin aufmerksam geworden. Als er in Sachen „Bibliotheksschutz" nach Paris geschickt wird, nimmt er Irene Scheil, die ausgezeichnet Französisch spricht, mit. Unter Berliner Kollegen wird getuschelt. Vor allem, weil Irene schon seit geraumer Zeit von ihrem Chef schwärmt. Doch es bleibt beim Gerücht. Vier Jahre lang lebt und arbeitet Irene Scheil in der besetzten französischen Hauptstadt. Ihre Tätigkeit liest sich in einem Zeugnis so: „Ihr oblag die gesamte Rechnungsführung über die umfangreichen Bücherkäufe des Referates. Sie hat allein die Verzeichnung des Inkunabelbesitzes dreier großer Pariser Bibliotheken durchgeführt. An der Fertigstellung der Bibliographie der französischen Übersetzungen deutscher Autoren war sie maßgeblich beteiligt." De facto machte das Referat Bibliotheksschutz wertvolle Schriften in den Bibliotheken aus, archivierte sie und nahm sie in Besitz, „gekauft“ oder „getauscht“. Irene Scheil habe gewusst, wie sie sich im besetzten Gebiet zu verhalten habe, steht im gleichen Zeugnis. Was nicht darin festgehalten wird ist, dass sie verhaftet wird. Sie hatte für eine Bekannte einen Brief zu einem Freund nach Deutschland geschmuggelt. Der galt als Staatsfeind. Irene Scheils Chef sorgte jedoch dafür, dass es nur ein kurzer Aufenthalt im Gefängnis blieb. Paris, das war für Scheil im Rückblick die große Zeit. Wirklich erzählt hat sie darüber aber wenig. „Ach Paris", hat sie noch mit über 90 Jahren gesagt und den Blick nach innen gerichtet. Der Fantasie des Zuhörers überließ sie es, sich Konkretes vorzustellen.

1961. Irene und Erika Scheil schieben ihre Mutter im hölzernen Rollstuhl durch Berlin. Irene und ihre drei Schwestern waren unverheiratet geblieben. Als die Mutter Anfang der 60er Jahre gebrechlich wurde, übernahmen die jüngsten Schwestern Irene und Erika, beide damals Bibliothekarinnen an der Freien Universität, deren Pflege. So groß die formalen Parallelen zwischen Irene und ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Erika auch waren, so unterschiedlich waren die Frauen. Jeder, der sie kennen lernte, sah erst einmal nur auf Irene. Sie war die Dominante, Selbstbewusste, während Erika etwas verhuscht wirkte. Die meisten nahmen sie nur als Irenes Schatten wahr. Dazu passt auch, dass Irene in der Bibliothek Frau Scheil war, während Erika das Fräulein blieb.

1982. Bei den Schwestern Scheil war in den 70er Jahren die Gewissheit gewachsen, dass man mit Perücke gepflegter und besser aussieht. Von nun an trugen beide ständig hellbraune Kurzhaarperücken, obwohl sich darunter volles, allerdings nun weißes, Haar befand. Perücke und Hut wurden zum Markenzeichen der Schwestern. Sie wurden sich immer ähnlicher.

1997. Irene Scheil, inzwischen 93 Jahre alt, lebt noch immer selbstständig in ihrer Wohnung. Allerdings hat sich etwas Entscheidendes in ihrem Leben verändert. Erika - auch schon 88 Jahre alt - führt jetzt das Regiment. Beide genießen das. Irene weiß es zu schätzen, dass sich die Schwester immer mehr um das gemeinsame Wohl sorgt. Erika organisiert einen mobilen Mittagstisch, der in Irenes Wohnung geliefert wird. Dort treffen sich die Schwestern täglich zum gemeinsamen Essen. 1997 setzt Irenes Unfall dieser Selbstständigkeit ein Ende. Sie muss ins Krankenhaus. Körperlich geht es ihr immer schlechter. Erika wartet nicht lange, sondern entscheidet. Sie heuert einen privaten Pflegedienst an und holt Irene zurück in deren Wohnung. Die Rollen haben sich nun endgültig verkehrt. Bevor Erika selbst zum Pflegefall wird, setzt sie eine Betreuerin ein, die von nun an die Dinge regelt. Die letzten beiden Jahre leben Erika und Irene gemeinsam in der Einzimmerwohnung. Irenes größter Wunsch, zu Hause zu sterben, ging jetzt in Erfüllung. Ursula Engel

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