Zeitung Heute : Irgendwann fängt es an zu klingeln

Der Dramatiker und Autor Moritz Rinke saß während der Berlinale in der Internationalen Jury für den besten Erstlingsfilm. 27 Mal ging er ins Kino und fuhr mit der Limousine durch endlose Partynächte. Das Tagebuch einer allmählichen Verwahrlosung.

TAG 1:



Ich stehe in Panik vor meinem Kleiderschrank. Elf Tage Berlinale und neun offizielle Dinner im Dresscode „Dark suit“, 36 Empfänge im Code „Formal dress“, dazu 27 Filme, die ich als Jurymitglied in bequemer Freizeitkleidung absolvieren kann. Ich werfe einfach alles, was ich habe, in den Koffer und versuche noch nebenbei ein Hemd zu bügeln. Im Berlinale-Shuttle frage ich Corinna, die Betreuerin unserer Jury, warum ich nicht zu Hause wohnen kann. „Ich meine, die Berlinale ist doch in Berlin?“ Sie überreicht mit schönen Grüßen vom Berlinale-Direktor Dieter Kosslick einen lilafarbenen Schal und lächelt. Während der Fahrt zum Hotel betrachte ich mein halbgebügeltes Hemd, das der Fahrer in der Limousine aufgehängt hat, ich habe sogar das Gefühl, das Hemd schaut mich schon halboffiziell an.

Im Hotel stoße ich auf meine Jury-Partner: die Festivalleiterin Hania Mroué aus dem Libanon und den Schauspieler Matthew Modine aus den USA. Modine kenne ich aus Kubrick-Filmen und aus „Shorts Cuts“ von Robert Altmann; über Mroué habe ich gelesen, dass sie das arabische Filmfestival leitet. Mit diesen beiden Menschen werde ich also 27 Mal ins Kino gehen. 27 Mal, das habe ich noch mit keiner einzigen Liebespartnerin geschafft!

Oben im Zimmer kippe ich meinen Koffer aus und streife das halboffizielle Hemd über, in fünf Minuten ist das erste Jury-Dinner. Ich bekomme eine SMS von Klaus Lemke, dem Rocker unter den deutschen Regisseuren. Lemke habe ich auf Lanzarote kennengelernt, seitdem schreiben wir uns. Lemke hat einmal einen Kultfilm über St. Pauli gemacht, ein anderer Film heißt „Undercover Ibiza – Insel der austrainierten Psychopathen“, und nun hat er „Berlin für Helden“ gedreht, einen Anti-Dietl-Film, einen Film über die wirklichen Überlebenskämpfe in Berlin, aber das Festival hat ihn abgelehnt. Lemke ist darüber so erzürnt, dass er in der SMS angekündigt, bei der Eröffnung seinen Hintern auf dem roten Teppich zu entblößen. „Operation Toter Teppich“. Der Ton der SMS beunruhigt mich, ich glaube, er erwartet von mir, dass ich mitmache.

Nachts nach dem ersten Jury-Dinner mit Kosslick an der Hotelbar. Kosslick ist schon sehr gut in Form. Irgendwann sagt er, dass er noch 2500 persönliche Begrüßungskarten schreiben muss. „Wann denn?“, frage ich. „Ich stehe immer um sieben Uhr auf“, antwortet er.

Als wir zum Hotelfahrstuhl wanken, kommen uns die Spieler von Borussia Mönchengladbach entgegen, die haben ein Pokalspiel gegen Hertha und wahrscheinlich gleich das Abschlusstraining.

TAG 2:

Den ganzen Tag Privatscreenings. Im ersten Film gibt es einen Raubüberfall. Als ich den Räuber mit Augenmaske auf der Leinwand sehe, zucke ich zusammen. Das ist doch Matthew Modine, mein Jury-Kollege? Der Räuber hat blonde Haare wie er, ist auch ungefähr zwei Meter groß, sogar der Bart ist genauso, das ist er, der Berlinale ist ein logistischer Fehler unterlaufen! Die restlichen 80 Minuten verbringe ich damit, meinen JuryKollegen mit dem Räuber zu vergleichen.

Der zweite Film kommt aus Deutschland und handelt von einem Sexualstraftäter. Wunderbar, denke, ich, die Deutschen zeigen schon wieder einen Sexualstraftäter und zwei Polizisten, die ihre Beziehungsprobleme im Auto durchsprechen. Gibt es eine Statistik darüber, wie viele deutsche Filme wir haben mit Sexualstraftätern und zwei Polizisten, die ihre Probleme im Auto durchsprechen? Irgendwann sagt einer: „Die Verrückten werden immer verrückter“, das ist ein guter Satz, denke ich, den kann ich noch gebrauchen.

Abends zweites Jury-Dinner: Kosslick legt sehr viel Wert auf gute Ernährung, und es gibt gedünsteten Angeldorsch. Mitten in den Angeldorsch bekomme ich wieder eine SMS von Lemke: „Flashmemo: Da mein Hero Martin Scorsese momentan nur rückwärts gekocht wird – hier ein paar klare Worte: Die Coolness, die man braucht, um das Gift des Systems zu schlucken, kann man sich nur da abholen, wo es einem am schwersten fällt ...“ Vermutlich meint er am „Toten Teppich“, Lemke spielt bestimmt wieder darauf an, das wir uns zur Eröffnung am Berlinale-Palast treffen, er nackt, ich im Dresscode, mir graut vor morgen.

Ich frage meinen Tischnachbarn Christian Terhechte, den Chef der „Forum“-Filmreihe, warum die Berlinale eigentlich nicht Lemke eingeladen hat, und zu meiner Überraschung bedauert das auch Terhechte. „Oh!“, sage ich, laufe schnell auf die Toilette und schicke Lemke eine SMS, dass Terhechte vom Forum ihn mag, er könne sich die andere Sache ja noch mal überlegen.

Nach dem Dinner fahren wir alle zur „Interview Launchparty“, das Jury-Mitglied Charlotte Gainsbourg will dort ein Konzert geben. Ich sehe Kosslick um zwei Uhr nachts vorne an der Bühne sitzen und Gainsbourg Kusshände zuwerfen, dabei versuche ich die vier Filme des Tages aufzuarbeiten.

Außerdem frage ich mich, wie Kosslick das macht. Es ist nun 2 Uhr 30, in vier Stunden muss er schon wieder an den 2500 Begrüßungskarten arbeiten, trinkt aber gerade mit Jake Gyllenhaal aus „Brokeback Mountain“ Wodka-Cola.

Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Napoleon eine Nachtschlafregel hatte: „Vier Stunden für Männer, fünf für Frauen, sechs für Idioten.“ Und in den Hochphasen der „Entspannungspolitik“ soll ja Genscher mit weniger als drei Stunden ausgekommen sein. Keine Antwort von Lemke.

TAG 3 (Eröffnung. Operation Toter Teppich)

Der erste Film für heute kommt aus Japan und handelt davon, dass ein Biologielehrer nach dem Sex mit einer Schülerin seinen Penis verliert, er ist einfach weg, das ist der Inhalt. Ich beobachte während der Privatvorführung meinen Jury-Kollegen Modine. Er ist seit gestern rasiert und wirkt unruhig. Die Kollegin Hania Mroué sucht in ihren Unterlagen nach offiziellen Worten zu diesem Film. Vielleicht, denke ich, ist der fehlende Penis eine Metapher für die gefährliche Strahlung in Japan nach Fukushima?

Danach laufen wir aus dem Cinemaxx und Hania bleibt stehen. Sie hat noch nie Schnee vom Himmel fallen sehen. Das ist ein schöner Moment. Diese zierliche Frau aus Beirut, die einfach nur dasteht und die Schneeflocken begrüßt.

Um 18 Uhr 30 müssen wir in die Limousine steigen und zum roten Teppich fahren, der Wagen passiert mehrere Absperrungen und hält direkt davor, was mich beruhigt. Bis hierhin kann Lemke ohne Limousine unmöglich durchgekommen sein. Ich steige beschwingt aus und werde von circa hundert Fotografen vorne links am Teppich angebrüllt, ich weiß nicht, was sie wollen, sie brüllen nur. Irgendwann sehe ich, dass ich zwischen den Fotografen und einer halbnackten Frau stehe, die ich nicht kenne und die gerade die rechte Seite der Fotografen bedient. Vorne am Teppich steigt eine Schauspielerin aus der Limousine, und ich merke, dass sie nicht losläuft, weil die andere noch nicht weg ist, außerdem steht auch noch die Schauspielerin Natalia Wörner auf dem Teppich, dahinter Bundesminister Peter Ramsauer. Es ist wie auf dem Rollfeld am Flughafen. Jede Maschine sucht nach ihrem Slot zum Durchstarten. Und das Geschrei der Fotografen ist bestimmt lauter als die Düsen der Maschinen. Hania hält sich an mir fest, und irgendwann erlöst uns Kosslick zum Gruppenfoto mit Matthew Modine. Ich schaue noch einmal zu den Fotografen auf der linken Seite. Einer von ihnen hat Weiß am Mund. Es ist nicht Schnee, es ist Schaum.

TAG 4:

Zwei starke Filme aus der Türkei. In „Beyond the Hill“ hetzt ein Forstverwalter seine Familie gegen unsichtbare Feinde hinter den Hügeln auf und bemerkt gar nicht, wer der eigentliche Feind ist. Der bisher beste Film. Über Beziehungen und über ein Land, das ständig beleidigt ist. Angela Merkel müsste diesen Film dem türkischen Ministerpräsidenten vorführen. Und vielleicht ihrer Koalition.

Danach Jury-Meeting im „Rebecca- Horn-Zimmer“ der Anwaltskanzlei Raue. Modine ist noch angegriffen von dem japanischen Film über den Penisverlust, er spielt ihn sogar nach vor einer Installation von Rebecca Horn. Irgendwann klopft eine Anwältin der Kanzlei an die Tür und fragt, ob alles in Ordnung sei.

Jury-Empfang von Klaus Wowereit im China-Club, diesen Club werde ich wahrscheinlich nur einmal in meinem Leben betreten, es sei denn, ich werde Mafioso oder Regierender Bürgermeister.

Ich sitze neben Barbara Sukowa und dem Iraner Asghar Farhadi. Beide unterhalten sich über das Filmfestival Colorado. Wowereit habe ich erst vor ein paar Stunden auf der Party von der Illustrierten „Bunte“ und BMW gesehen, bestimmt kennt der auch die Schlafregel von Napoleon.

Als ich heute Nacht unweit vom Unternehmer Carsten Maschmeyer stand, fiel mit der bevorstehende Jury-Empfang beim Bundespräsidenten wieder ein, Maschmeyer hat ja Wulff einmal gesponsert. Ich weiß nicht, was ich tun soll, denn es ist ja gerade unter Filmschaffenden angesagt, dem Präsidenten abzusagen. Soll ich auch absagen? Als ich Maschmeyer mit jemandem anstoßen sehe, der heute in der Zeitung erklärte, er habe Wulff persönlich abgesagt, fängt es in mir drinnen an zu klingeln, es ist irgendwie eine kreisende Melodie, wie diese Berlinale-Melodie vor Beginn eines Filmes.

Ich laufe mit Boualem Sansal, dem algerischen Friedenspreisträger, der in der anderen Jury sitzt, durch die Flure des China-Clubs und er spricht über den „arabischen Herbst“. Er sagt Herbst, nicht Frühling. Seltsames Bild, wie der Friedenspreisträger unter einem chinesischen Gemälde steht.

TAG 5 und 6:

Wieder zehn Filme! Unglücklicherweise gibt es die Filme mit viel Sex immer morgens um neun Uhr statt abends vor dem Einschlafen. Es gibt Sex mit Transvestiten, Sex mit Tieren, Sex mit Pädophilen, SM-Sex, Sex mit der ganzen Familie. Ein Mädchen wird sogar schwanger durch einen Kassettenrecorder! Komischerweise ist der Sex in dem Film, der die Verhältnisse der Pornoindustrie in San Francisco beschreibt, der normalste.

Die meisten Erstlingsfilme haben eine Dramaturgie wie ein auseinandergezogenes Kaugummi. Lernt man denn an den internationalen Filmschulen keine Figurenentwicklung oder Spannungsbögen? Dafür unendliche Kameraeinstellungen mit Landschaftsaufnahmen. Jeden Tag sehe ich stundenlang Landschaftsaufnahmen, die unterbrochen werden von Sex, den ich nicht verstehe. Rauchende und essende Schauspieler ohne Text sind auch sehr beliebt.

Mein Hotelzimmer sieht schlimm aus: lauter Flyer, Werbepräsente, Red-Bull-Dosen, Zeitungen mit Filmkritiken, die Klamotten ausgekippt neben dem Koffer. Kann man eigentlich durch ein Übermaß an Filmen verwahrlosen? Ich habe das Gefühl, je mehr Filme ich sehe, umso weniger Kraft habe ich, meine eigenen Sachen zu ordnen.

Modine imponiert mir. Zu den Autogrammjägern sagt er: „Let’s break up together the system!“, er gibt kein Autogramm, klopft dem Jäger aber auf die Schulter und geht freundlich weiter. Ich muss ihn unbedingt mit Lemke zusammenbringen.

TAG 7:

Erstlingsfilm für Kinder gesehen. Von allen bisherigen Filmen ist „Kauwboy“ der berührendste. Die Geschichte von Joyo aus Holland, der heimlich ein verstoßenes Dohlenkücken mit hellblauen Augen großzieht und durch den Vogel sogar den Tod seiner Mutter zu begreifen lernt. Endlich ein Film mit einem Horizont, mit einer Entwicklung, mit Brüchen und Zartheit.

TAG 8:

Heute hat Modine nach dem 21. Screening in eine Pappwerbesäule einer Filmproduktion getreten, ausgerechnet der freundliche Modine, es sah aus wie damals bei Jürgen Klinsmann, als er in eine Pappwerbesäule von Bayern München trat. Ich selbst bin in einer Nachmittagsvorstellung eingeschlafen, aber hinter mir saß das Filmteam, die Hauptdarstellerin hat dreimal gegen meinen Sitz getreten. Das ist irre, die Filmleute wiegen einen erst in den Schlaf und dann treten sie von hinten gegen den Sitz. Nachts Juror-Party bei Hugo Boss. Alles gratis, Mädchen mit Champagnerflaschen, die fast größer sind als sie selbst. Mittendrin Kosslick in den Morgenstunden. Napoleon, Genscher, Kosslick!

Mein Gott, was alles an der Berlinale dranhängt. Vorne die Lokomotive mit der Filmkunst und hinten dran: Bunte, Boss, Bellevue, China-Club, Peter Ramsauer, wahrscheinlich auch sogar irgendwie Lemke. Auf dem Rückweg halten wir mit der Limousine bei McDonalds. Ich will mir endlich etwas selber kaufen. Gefühl von Erdung, Menschsein.

TAG 9:

Sex in Speisekammer. Sex in Bambushütte. Sex im Poloclub.

TAG 10:

Wieder im „Rebecca-Horn-Zimmer“. In der abschließenden Jury-Sitzung kann ich mich an manche Filme nicht mehr erinnern. Oder nur schwach. Hania starrt aus dem Fenster. Vielleicht steckt hinter meinem Jury-Job auch eine Organisation für psychosomatische Experimente? Modine hat schließlich schon eine Werbesäule zertrümmert. Das würde er sonst nicht tun, so gut kenne ich ihn schon. Su-Jin, unsere andere Betreuerin, kommt herein und sagt, der Bundespräsident sei zurückgetreten. Letztlich wegen Groenewold, dem Filmunternehmer. Einen Moment höre ich wieder diese kreisende Berlinale-Melodie und überlege, Wulff den Preis zu überreichen.

TAG 11 (Noch einmal Toter Teppich):

Zwei Stunden vor der offiziellen Abschlussgala liege ich im Bett und schaue auf Youtube Lemkes Kommando, im Internet gibt es viele Filme über Lemkes Aktion, sogar mit Polizeischutz. In einem Film hört man einen Dialog von zwei Polizisten, die zwischen dem roten Teppich der Berlinale und Lemkes nacktem Hintern stehen. Der eine sagt: „Verstehst du das?“, und der Kollege antwortet: „Nein, aber die anderen sind auch verrückt.“

Morgen hängt Ilkan, der Fahrer, mein Hemd in den Wagen, und wir fahren nach Hause.

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