Zeitung Heute : „Irgendwann geht alles kaputt“

Hundertprozentig einbruchsichere Safes gibt es nicht – aber mit Alarmanlagen kombiniert sind sie schwer zu überwindende Bollwerke.

Valerie Schönian
Wenn die Alarmglocke dreimal schrillt. Seit dem Actionfilm „Bandidas“ wissen wir, dass auch professionelle Safeknackerei empfindlich gestört werden kann. Eines mögen Einbrecher nämlich gar nicht: unvorhergesehene Störungen. Foto: Universum Film/Cinetext
Wenn die Alarmglocke dreimal schrillt. Seit dem Actionfilm „Bandidas“ wissen wir, dass auch professionelle Safeknackerei...Foto: Universum Film/Cinetext

Zwei Brüder, beide Mitte 20, stehen in einem Tunnel, den sie aushoben haben. Hinter ihnen liegen Keller und Luftschacht, vor ihnen steht eine Wand aus Beton und Stahl. Wochenlang haben sie gegraben, um bis an diese Stelle zu kommen. Einer der Brüder hält einen Schneidbrenner in der Hand. Die Brüder schwitzen, während sie sich damit an der dicken Wand zu schaffen machen. Dann der Durchbruch: Erich und Franz Sass blicken in die Stahlkammer der Diskonto-Bank am Wittenbergplatz. Vor ihnen liegen 181 Schließfächer – gefüllt mit Geld und anderen Wertsachen.

Am 27. Januar 1928 haben die Gebrüder Sass mit dem Einbruch Geschichte geschrieben. Als der Raub erst drei Tage später aufflog, fanden die Ermittler neben den leer geräumten Schließfächern nur zwei leere Weinflaschen. Franz und Erich feierten, dass sie das scheinbar Unmögliche schafften: Sie haben den tonnenschweren Banktresor geknackt, Tonnen aus Stahl und Beton besiegt.

Mehr als 85 Jahre später definiert sich die Sicherheit von Tresoren nicht mehr über das Gewicht. Heute gibt es leichtere Materialien, ausgetüftelte Bauweisen und bessere Panzerungen. Um sicher zu sein, muss ein Tresor nicht mal eine Tonne wiegen. Aber Safe ist nicht gleich Safe. Worauf also achten, wenn man sich einen Geldschrank zulegen will?

„Die erste Frage ist: Welchen Wert hat das, was sie einschließen wollen“, sagt Wolfgang Klatt, der in Reinickendorf ein Tresorgeschäft besitzt. Wer darauf eine Antwort hat, sollte nicht zum Fachhandel, sondern zunächst zur Versicherung gehen. Die verlangt je nach Wert eine bestimmte Sicherheitsstufe. Wo dieser Wert liegt, ist von Institut zu Institut verschieden. Die niedrigsten Sicherheitsstufen sind Klasse A und B. Tresore dieser Art werden zum Beispiel als Waffenschränke genutzt. Bis zu zehn Langwaffen gilt die sichere Aufbewahrung in einem Schrank der Sicherheitsstufe A. Wer mehr Waffen besitzt, muss Sicherheitsstufe B nachweisen. So oder so muss die Munition aber in einem separaten Tresor aufbewahrt werden. Wer einen Tresor der Sicherheitsklasse A besitzt, kann in der Regel Werte bis zu 2500 Euro versichern lassen, in der Stufe B bis zu 10 000 Euro. Einige versichern diese niedrigen Klassen aber überhaupt nicht. Ein Gespräch mit der eigenen Versicherung ist vor der Anschaffung eines Tresors also sehr zu empfehlen. Denn auch bei den höheren Sicherheitsklassen sind die Haftungshöhen unterschiedlich definiert.

Welche Sicherheitsstufe ein Safe besitzt, steht auf einer Plakette an der Innentür. Es gibt in Europa mehrere Prüfungsinstitute, die diese zertifizieren. Zuvor durchlaufen die Tresore mehrere Tests. In Deutschland werden die zum Beispiel von der „VdS Schadenverhütung GmbH“ – ehemals Verband der Schadensversicherer – in Köln durchgeführt. Daher werden die Sicherheitsklassen oft als VDS-Klassen bezeichnet. Eine weitere Möglichkeit zur Einteilung ist die Europa-Norm „EN 1143“. Bei allen gilt: je höher die Sicherheitsstufe, desto zuverlässiger sichert der Safe den entsprechenden Wertgegenstand. Es gibt viele Sicherheitsstufen, da in Safes sehr unterschiedliche Dinge aufbewahrt werden: So ist bei Papiersicherungsschränken der Feuerschutz besonders wichtig, bei Datensicherungsschränken der Schutz ohne Magnetfelder und bei der „EN 1143“-Einteilung geht es um Einbruchsschutz. Die Behälter werden auf unterschiedliche Weisen und mit modernen Werkzeugen von Spezialisten getestet und dann kategorisiert. Legale Tresorknacker versuchen, potenziellen Bankräubern immer einen Schritt voraus zu sein. „Das ist ein ständiger Wettlauf“, sagt Klatt. Die Plaketten mit der jeweiligen Zertifizierung werden dann an den Innentüren der Tresore angebracht.

„Mit der Sicherheitsstufe VDS I kann man einen Wert von 20 000 Euro gewerblich bis zu 65 000 Euro privat versichern lassen“, schätzt Klatt. Im geschäftlichen Bereich ist die Haftungshöhe der Versicherungen im Vergleich zu Safes für private Zwecke in etwa halbiert. Man kann sie aber steigern, indem man den Safe an eine Alarmanlage koppelt. „Dann sind sie fast unknackbar“, sagt Klatt.

So ein Wertschrank ist nicht billig. „Für einige Luxustresore kann man sich schon mal zwei Autos kaufen“, sagt der Fachhändler. Man bekomme auch günstige Stücke ab 500 Euro, im Baumarkt vielleicht sogar für 300 Euro. „Aber ein sicherer und gleichzeitig billiger Tresor ist ein Widerspruch.“ Der Preis basiert nicht nur auf dem Sicherheitsstandard: Es kommt darauf an, wie aufwendig der Safe hergestellt hat, welche Verputzung er hat und wo er montiert wird – von Wand über Sofa bis hin zum Garten ist alles möglich. Bevor der Safe geliefert wird, muss man sich über den Transport Gedanken machen. Denn auch die neuen Modelle können mehrere Tonnen wiegen – und selbst eine Tonne ist von Möbelpackern nicht leicht zu bewegen. „Deswegen ist es wichtig, dass Fachleute die Schränke transportieren und einbauen“, sagt Klatt. Die achten bei der Lieferung außerdem auf Diskretion – denn ein großer Tresor führt schnell zu neugierigen Blicken aus der Nachbarschaft.

Ist ein Coup wie ihn anno 1928 die Sass-Brüder landeten also noch möglich? Die Antwort ist ja – siehe den Einbruch in die Volksbank-Filiale Mitte Januar in Steglitz. „Wenn Sie genug Zeit haben und Krach machen können, geht irgendwann alles kaputt“, sagt Klatt.

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