Zeitung Heute : „Irgendwann musst Du mich überholen“

Foto: Privat
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Herr Griebel, Sie besuchen Menschen, die gerade ein Bein oder einen Arm verloren haben. Was sagen Sie ihnen als erstes?



Meist sitze ich einfach eine Weile an ihrem Bett und unterhalte mich mit ihnen. Viele merken dabei gar nicht, dass mir selbst beide Unterschenkel fehlen. Die sagen dann: Ich habe doch keinen Pfarrer bestellt! Dann erzähle ich ihnen meine Geschichte: Vor 41 Jahren, mit 22, bin ich bei Rangierarbeiten von einem Zug überrollt worden. Und dann sage ich: Mir fehlen beide Beine, Dir nur eines – irgendwann musst Du mich also überholen.

Wie wichtig ist es für diese Menschen, dass Sie selbst betroffen sind?

Sehr wichtig, denn so können wir auf Augenhöhe reden. Ich verstehe ihre Ängste, kann ihnen aber auch Mut machen: Seht her, auch Ihr werdet wieder gehen lernen, wenn Ihr am Ball bleibt. Jüngeren Menschen kann ich die Angst nehmen, nicht mehr arbeiten zu können – denn die Prothetik ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass vieles möglich ist. Ein junger Motorradfahrer, den ich betreut habe, hat zum Beispiel nach seinem Unfall eine Umschulung zum Orthopädietechniker gemacht. Ältere Menschen und deren Angehörige sind oft in Sorge, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und ins Altersheim zu müssen. Doch auch das muss nicht sein. Ich kenne einen 86-Jährigen, der nach einer Amputation wieder gelaufen ist. Das ist alles eine Frage der Einstellung.

Man muss also wollen?

Na klar. Eine ältere Dame, eine ehemalige Balletttänzerin, hat mir nach ihrer Amputation gesagt: Ich will sterben. So schnell geht das nicht, habe ich geantwortet. Eines Tages rief sie an und bat mich, sie in die Stadt mitzunehmen. Und ich sagte ihr: Im Rollstuhl schieben kann ich Dich mit meinen Prothesen nicht. Da musst Du schon selbst laufen – und das tat sie.

Wie helfen Sie Betroffenen noch?

Wir sprechen zum Beispiel auch mit den Krankenkassen und unterstützen die Menschen dabei, dass sie bekommen, was ihnen zusteht. Übrigens alles kostenlos. Selbsthilfegruppen wie unsere gibt es in ganz Deutschland. Man findet sie zum Beispiel über den Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation.

Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation, Lindberghstr. 18, 80939 München, 089/416174030, www.amputiert.net. Mit Egon Griebel sprach Silke Zorn.

Egon Griebel leitet die Selbsthilfegruppe für Arm- und Beinamputierte Coburg und berät bundesweit weitere Gruppen.

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