Irgendwie anders : Der Teheran-Effekt

Vor 30 Jahren wurde Teheran zum Zentrum eines Gottesstaates. Der iranische Autor Tirdad Zolghadr erklärt, warum seine Heimatstadt anders ist, als viele denken. Es sei nicht so schön , wie Paris schön ist. Es habe mehr Ähnlichkeit mit Berlin.

Protokoll: Björn Rosen
Teheran
Vor 30 Jahren wurde Teheran zum Zentrum eines Gottesstaates. -Foto: Imago

Als die islamische Revolution den Schah stürzte, war ich fünf Jahre alt. Meine Mutter dachte damals, alles würde sich bald wieder legen. Wir flogen deshalb nur mit einem einzigen Koffer in die Schweiz. Mein Stiefvater stammt von dort. Er und meine Mutter hatten sich kennengelernt, als beide bei "Swiss Air" arbeiteten. Als meine Mutter dann in Zürich den Fernseher anschaltete, sah es für sie so aus, als würden wildwütige Fundamentalisten ihr geliebtes Teheran zerstören. Da beschloss sie: Dahin gehe ich nicht mehr zurück.

Und so habe ich meine Heimatstadt erst mit 23 wiedergesehen, während eines Besuchs. Nach dem Studium bin ich dann 1999 für zwei Jahre dorthin gezogen, um mein Persisch aufzufrischen.

Teheran-Besucher sind ja meist auf das Allerschlimmste gefasst. Der Iran gehört schließlich zur "Achse des Bösen" und was man in Deutschland vor allem mitbekommt, ist, dass Präsident Ahmadinedschad Israel von der Landkarte wischen will. Deshalb erlebt fast jeder bei der ersten Ankunft diesen Aha-Effekt: Hier sieht es ja aus wie in jeder anderen Großstadt! Bei mir war das nicht anders. Ein bisschen verblüfft registrierte ich, dass es in Teheran achtspurige Autobahnen, Supermärkte, Tennisklubs und Filmfestivals gibt. Dass im Taxi Techno läuft. Und dass die Teheraner die neueste Madonna-Platte hören, die man zwar nicht im Laden, aber als Raubkopie auf der Straße kaufen kann.

Im Vergleich zu Kairo oder Istanbul wird man morgens auch nicht von Muezzin-Rufen geweckt. Die religiöse Kulisse ist erstaunlich diskret, die Moscheen unterstehen dem Lärmschutz. Wenn sie zu laut sind, ruft man die Polizei. Der Iran ist ein bürokratisches Land.

Teheran ähnelt Berlin

Klar, es gibt in Teheran weder McDonald's noch Pepsi. Trotzdem kann man an jeder Ecke Cola und Cheeseburger kaufen. Letztere heißen dort "chiizberger" und schmecken leider nicht besonders, meist ist das Brot zu dick oder der Ketchup zu süß. Kurz nach der Revolution, während des Kriegs gegen den Irak, schaffte es die Regierung für kurze Zeit, den Iran abzuschotten. Aber mittlerweile dringt längst jeder Trend nach Teheran vor, vom Yoga bis zum I-Phone.

Auch die meisten Gebäude der Stadt könnten genauso gut irgendwo anders auf der Welt stehen. Gesichtslose, schnell hochgezogene Beton siedlungen dominieren das Bild. Wohnraum ist knapp, denn ständig strömen Menschen vom Land in die Stadt. Teheran wächst mit seinen Vororten zu einem richtigen urbanen Geschwür zusammen, das flach ist, sich aber über eine große Fläche erstreckt. 1979 gab es vielleicht fünf Millionen Einwohner, heute sind es 12, manche sprechen sogar von 18 Millionen - je nachdem, was man alles zur Stadt zählt.

Teheran ist sicher nicht schön, so wie Paris schön ist. Es ähnelt eher Berlin. Wenn man in Tegel landet, hat man ja auch das Gefühl, dass einem die Stadt den Mittelfinger zeigt. Oder zumindest, dass sie einen anguckt und sagt: Ich habe dich nicht gebeten, herzukommen. Auch Teheran versucht nicht zu gefallen. Und das gibt einem Freiheit. In Paris fühlt man sich wie in einer Kulisse und misst, jedenfalls unterbewusst, die eigenen Erlebnisse an den Postkarten-Vorstellungen. In Teheran ist man offener.

Was die Stadt auf den ersten Blick von anderen unterscheidet, sind natürlich die Koran-Verse und Regierungsslogans an den Wänden. Etwa: "An dem Tag, an dem unsere Feinde uns loben, müssen wir trauern." Mein Lieblingsspruch lautet: "Wir werden Amerika so wütend machen, dass es an seiner Wut erstickt." Sehr elegant, oder?

Die Leute sind enttäuscht von der Revolution

Erst nach Wochen oder Monaten fallen einem aber die wirklichen Eigenheiten der Stadt auf. Zum Beispiel die großen Klassenunterschiede. Die Revolution von 1979 hatte eine sehr starke soziale, fast sozialistische Komponente. Tatsächlich geht es den meisten Leuten heute aber nicht besser, das Leben in Teheran ist ziemlich hart. Viele müssen wie die Hunde schuften, um überhaupt die Miete bezahlen zu können. Grundstücke sind, gemessen an den eher niedrigen Einkommen, teurer als in Manhattan! Das liegt wohl daran, dass sich keiner traut, in die Industrie zu investieren, die durch staatliche Eingriffe, Korruption und Filz geprägt ist. Stattdessen wird alles Geld in Immobilien angelegt.

Teheran Karte
Foto: AFP



Weil die Revolution ihr Versprechen von mehr Wohlstand und Gleichheit nicht eingelöst hat, sind die Leute enttäuscht. Und weil es eine islamische Revolution war, ist auch die Anziehungskraft der Religion geschwunden. Ich verbringe viel Zeit in den USA und mein Eindruck ist, dass die Menschen dort um einiges religiöser sind. In Teheran spielen im alltäglichen Leben eher materielle Dinge eine Rolle - das Auto, die Klamotten, Markenartikel. Der Iran hat im 20. Jahrhundert eine Handvoll Umbrüche erlebt und keiner erfüllte die Erwartungen. Die Leute sind müde. Sie sind abgebrüht, haben keine Ideale mehr, verfügen dabei aber über einen angenehmen Sinn für Selbstironie. Ich mag das ganz gerne. Anders als in New York sitzt hier keiner der Illusion auf, zu den "greatest, luckiest people on earth" zu gehören.

Die Grenze zwischen Arm und Reich verläuft in Teheran zwischen dem Norden, der schicker, und dem Süden, der proletarischer geprägt ist. Die Stadt ist an einem Berghang erbaut. Je weiter nördlich man kommt, desto höher geht es und desto besser wird die Luft. Dort gibt es Bäume und Bäche, ist es wirklich idyllisch. Wer es sich leisten kann, wohnt deshalb im Norden: bessergestellte Regierungsbeamte, Händler und Auslandsiraner, die dort ihre Zweitwohnung haben. Zumindest architektonisch gefällt mir der Süden mit seiner ehrlichen Beton-Einfalt aber besser. Die Häuser im Norden unterscheiden sich in ihrem Innern auch nicht von westlichen, aber ihre Fassaden sind oft pseudo-islamisch (mit vielen Schnörkeln und Mosaiken) oder pseudo-persisch (mit Säulen und Bögen) gestaltet. Es soll glamourös wirken, sieht aber furchtbar albern aus!

Die Stadt ist multikulturell

Auch meine Mutter lebt wieder in Teheran. Sie blickt schon noch nostalgisch auf die 70er Jahre zurück. Für ihre Schicht - also vom urbanen Mittelstand aufwärts - herrschte vor der Revolution eine goldene Zeit. Teheran war damals für sein aufregendes Nachtleben bekannt. Meine Mutter hat mir viel von legendären Shirley Bassey-Konzerten erzählt, von der entspannten Atmosphäre, als in den Wohnhäusern die Türen offenstanden und die Nachbarn einfach mal zum Kaffeetrinken rüberkamen. Man darf aber nicht vergessen, dass es unter dem Schah zugleich einen der blutrünstigsten Geheimdienste der Welt gab.

Jedenfalls hat meine Mutter ihren Frieden mit den heutigen politischen Zuständen gemacht. Vor ein paar Jahren hat sie eine Wohnung in der Stadt gekauft, deren Wert sich seitdem übrigens verdreifacht hat. Ich versuche, jedes Jahr einen Monat dort zu verbringen, organisiere Ausstellungen, treffe Freunde oder Vertreter der noch jungen Teheraner Kunstszene - und meinen leiblichen Vater, der in einem Dorf am Rande der Stadt Rinder züchtet.

Wenn Teheran überhaupt ein Zentrum hat, dann in der Gegend, wo sich unser Apartment befindet - dem Uni-Viertel. Geografisch liegt es tatsächlich genau in der Mitte der Stadt. Es leben viele armenische Christen dort. Das erkennt man daran, dass die Graffiti an den Wänden in erster Linie nicht gegen die Regierung gerichtet sind. "Tod den Türken" steht da stattdessen, wegen des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Teheran ist sehr multikulturell - auch so eine Sache, die einem nicht auf Anhieb auffällt. Nur knapp die Hälfte der Einwohner sind Perser, der Rest besteht aus Kurden, Arabern, Türken, Juden und eben den Armeniern.

Die Partys sind exzessiv, weil geheim

Unsere Wohnung ist wunderschön, mit einer Ausnahme: den zwei gasbetriebenen Pseudo-Kaminen, die meine Mutter hat einbauen lassen. Das Apartment befindet sich im zweiten Stock eines dreigeschossigen Hauses, ist modernistisch, errichtet in den 60er Jahren, mit Glaswänden und einem riesigen Balkon, von dem aus wir auf die Raucherecke im Hof der libanesischen Botschaft schauen. Auf der anderen Seite grenzt es an eine ruhige, kleinere Straße, direkt gegenüber befindet sich die größte Kirche Teherans. Ich finde es immer sehr unterhaltsam, wenn in Deutschland heftig über den Bau von Moscheen gestritten wird, während ich im Herzen der islamischen Republik direkt neben einem christlichen Gotteshaus wohne, dem noch nie jemand etwas antun wollte.

Im Uni-Viertel gibt es überall kleine Eckläden, die Bücher verkaufen, oder Kebab. Auf der Straße fallen mir immer die vielen jungen Leute auf. Teheran blubbert nur so vor Teenie-Hormonen. Kein Wunder, denn über 70 Prozent der Iraner sind jünger als 30 Jahre. Da es keine Kneipen und Diskotheken geben darf, trifft man sich in Cafés, auf privaten Partys oder in den Parks, die bis spät in die Nacht belebt und Treffpunkt für Familien, Freunde oder Pärchen sind - und für Schwule, die im Iran ja verfolgt werden.

Freunde von mir behaupten, sie würden nirgendwo so viel Alkohol trinken wie in Teheran. Die Partys dort seien besonders exzessiv, weil man immer im Geheimen feiere. Ich kann das nicht bestätigen, aber ich bin auch kein großer Partyfan. Die Leute tanzen lieber als in Deutschland, das schon. Was den Alkohol angeht: Den muss man bei einem Dealer besorgen. So, wie man hierzulande Kokain kaufen würde. Die Auswahl ist klein. Arak, ein traditioneller Anisschnaps, wird am meisten getrunken, aber auch Bier, Whiskey und Wodka. Das Zeug ist entweder Schmuggelware aus der Türkei oder es stammt von Armeniern, die zwar Alkohol brennen dürfen, denen es aber eigentlich verboten ist, ihn an Nicht-Christen abzugeben. Ein Anruf, und der Dealer kommt zu Hause vorbei. In letzter Zeit habe ich öfter gehört, dass Dealer verhaftet wurden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Ahmadinedschad seit 2005 iranischer Präsident ist.

Die Stellung der Frau ist ein kompliziertes Thema

In regelmäßigen Abständen geht die Regierung hart gegen Leute vor, die angeblich gegen Sitte und Moral verstoßen. Diese Leute zu finden, ist Aufgabe der Miliz, einer Mischung aus Pfadfindergruppe und Sittenpolizei, die aus jungen, idealistischen Männern mit Flaumbärten, Palästinensertüchern und Cargohosen besteht. Heute sieht man sie nicht mehr oft auf der Straße. Freunde haben mir erzählt, wie die Miliz in den 80ern Partys gesprengt und alle verhaftet hat.

Wenn ich in Deutschland vom Iran erzähle, fragen alle immer zuerst nach dem Schleier. Es ist schon so: In der Öffentlichkeit müssen Frauen ein Kopftuch tragen, ganz verschleiert brauchen sie jedoch nicht zu sein. Interessanterweise habe ich aber während meiner zwei Jahre in Teheran keine einzige Diskussion darüber gehört, nicht einmal unter iranischen Feministinnen. Denen sind andere Dinge wichtiger, zum Beispiel eine Reform des Scheidungsrechts.

Die Stellung der Frau im Iran ist ein kompliziertes Thema. Die Mehrheit der Studenten ist weiblich. Und an der Uni sind die Geschlechter nicht getrennt - anders als in den Bussen, in denen Frauen hinten, Männer vorne Platz zu nehmen haben. Es kann also passieren, dass zwei Kommilitonen getrennt zur Vorlesung fahren müssen, später aber im selben Hörsaal sitzen.

Feiern sind nur noch politische Folklore

Ich glaube, dass die islamische Revolution neben all den Schattenseiten auch ihr Gutes hatte. Früher war der Iran fast eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Heute können die Iraner ihre Probleme nur sich selbst zuschreiben. Das ist ein Fortschritt.

Zum Jahrestag der Revolution am 1. Februar wird Teheran wieder voller blinkender Neonschmetterlinge, -schwäne und -blumen sein. Wie so vieles im Iran sind die Feiern nur noch politische Folklore. Der Revolutionsführer Chamenei wird eine Rede halten und im Fernsehen wird es so aussehen, als hätte sich eine riesige Menschenmenge spontan zum Zuhören versammelt. In Wahrheit ist alles von der Regierung und der Miliz organisiert. Leute aus dem ganzen Land werden dafür in die Hauptstadt gekarrt. Sie bekommen eine schöne Busfahrt, kostenlose Sandwiches, und nach der Demo können sie ein wenig shoppen gehen.

Tirdad Zolghadr, geboren 1973, lebt als freier Kunstkritiker und Kurator in Berlin. Im vergangenen Jahr erschien sein Roman "Softcore" (Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 8,95 Euro), der in Teheran spielt.

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