Zeitung Heute : Irgendwo hinter den Wellen

America’s Cup: Legende, Leidenschaft, Segler-Traum. Und die Suche nach einer großen Freiheit

Helmut Schümann[Valencia]

Dies ist eine Geschichte vom Segeln, vom Flug über die Wellen, vom Traum der Freiheit da draußen auf dem Meer. Und es ist eine Geschichte von der Leidenschaft, diesen Traum zu packen, wieder und wieder zu packen, bis er wahr wird.

Die Geschichte spielt sich in diesen Tagen in und vor Valencia ab, wo heute alle Boote des America’s Cup vom Reglement gezwungen werden, ihre Hüllen fallen zu lassen. Dann werden sie die riesigen Schürzen, die bislang an Land die Rümpfe und Kiele der Boote verdeckten, wegziehen müssen, und die Konkurrenz kann sehen, gegen welche technische Finessen sie in den nächsten Wochen zu kämpfen hat beim Wettstreit um die älteste Trophäe, die der Sport bereithält: eine Henkelkanne, die sich America’s Cup nennt, potthässlich ist und 156 Jahre alt.

Ihren Namen verdankt sie dem Siegerboot „America“, das das erste Rennen gewann. Das war am 22. August 1851 vor der Isle of Wight, 30 Jahre, bevor Edison die heute geschmähte Glühbirne erfand. Die Yacht eines amerikanischen Unternehmers trat gegen eine Armada englischer Boote und die versammelte Yachtsportelite des Landes an. Britannia rules the waves – danach nicht mehr, das Entsetzen der Briten war groß, so groß, dass die Queen auf ihre Frage, wer denn nun Zweiter geworden sei, die schmerzhafte Antwort bekam: „Es gibt keinen Zweiten, Mylady.“

Bis 2003, als die „Alinghi“, das Boot der alten Hochseemacht Schweiz, vor Auckland in Neuseeland den Cup gewann, war die Kanne nicht mehr in Europa. Nun soll sie dort verteidigt werden. Die „Alinghi“ gegen zehn Boote der Welt. Und erstmals in der reichen Geschichte des America’s Cup ist auch ein deutsches Boot dabei. Bei einer Legende. Bei dem Traum auf dem Meer. Auf der Suche nach der Freiheit, die irgendwo da hinter den Wellen liegen soll.

Durch Valencia schlängelt sich das Bett des Flusses Turia. Die Wasser sind längst umgeleitet, nachdem sie in den 50er Jahren die Stadt überschwemmt hatten, vor zehn Jahren wurde das Bett umgebaut. Im Süden des Flusslaufs entstand die spektakuläre Ciudad de Las Artes y Las Ciencias, die Stadt der Künste und der Wissenschaft, atemberaubende Bauten, die von Kühnheit, Wagemut und Grenzenlosigkeit der menschlichen Fantasie zeugen. Es wurden Sportplätze angelegt, Spazierwege, alles in allem eine acht Kilometer lange und etwa 200 Meter breite grüne Freizeitoase inmitten der Stadt. Am südlichen Ende der grünen Schlange befindet sich die Estación Maritima, der neue Hafen für die Boote des America’s Cup. Ein prächtiger Hafen ist das, blauer Himmel, Wasser, weiße Boote, bunten Fahnen im Wind. Darauf einen Tinto am Ufer, das Leben ist schön.

So ziemlich am nördlichen Ende des grünen Bandes befindet sich die Puente de las Glorias Valencianas, eine einfache Straßenbrücke, die die historische Altstadt mit dem Rest der Stadt und ihren Vororten verbindet. Auch unter der Brücke findet man den Traum der Freiheit und die Leidenschaft, diesen Traum zu packen, wieder und wieder zu packen, bis er wahr wird. Da, unter der Brücke, auf Molen zwischen Rinnsalen, leben ein paar Hundertschaften Obdachlose, illegal eingewanderte Afrikaner, die die Suche nach einem besseren Leben über das Meer trieb. Immer wieder haben sie es versucht, sie sind zurückgeschlagen worden, gescheitert, gekentert. Aber sie haben es doch geschafft, sie sind angekommen. Sie haben ein paar Schlafsäcke gefunden unter der Puente de las Glorias Valencianas. Arbeit? Nein, die haben sie nicht gefunden, die dürfen sie nicht finden als Illegale. Von Almosen leben sie, von der Duldsamkeit, die die Behörden veranlasst, des Nachts das Licht unter der Brücke brennen zu lassen, damit es nicht zu kriminellen Übergriffen untereinander kommt. Und sie leben, man sieht das am Nachmittag, am frühen Abend, wenn junge Spanier vorbeikommen, von Geld gegen Drogen.

Was das mit dem America’s Cup zu tun hat? Gar nichts. Die Gestrandeten wären auch hier, wenn Valencia keine 500 Millionen Euro ausgegeben hätte, um der Stadt wieder den lange verbauten Zugang zum Meer zu verschaffen. Sie wären auch hier, wenn sich da unten im Hafen nicht ein paar hundert Segler und Millionäre versammelt hätten, um sich um eine lächerliche Silberkanne zu balgen. Da unter der Brücke ist nur eine Stadt in der Stadt, so wie der neue Hafen eine Stadt in der Stadt ist, beide sind, obwohl nur knapp acht Kilometer voneinander getrennt, Lichtjahre voneinander entfernt. Es sind zwei Pole einer einzigen Welt. Die eine Stadt, die am Hafen, weiß von der anderen Stadt, sie kann ihr wahrscheinlich nicht helfen. Die andere, die unter der Brücke, weiß nichts von der Stadt am Hafen, nichts vom America’s Cup. Wozu auch? „Komm morgen wieder“, sagt Foday Horamo Jawla. Er ist 26 Jahre alt, hat kein Leben in Guinea, einer der ärmsten Regionen der Welt, verlassen und kein Leben in Spanien gefunden. „Komm morgen wieder“, sagt Foday, „dann haben wir Waffen.“ Was natürlich Unsinn ist, ein Satz nur, dahingeplappert als Imponiergehabe, vielleicht als vager Wunsch, aber so weit weg von seiner Realität wie der America’s Cup.

Es ist wohl so, dass beide Städte einen ähnlichen Traum geträumt haben, den von der Freiheit über dem Meer. Nur dass der eine Traum ein existenzieller ist und der andere ein spleeniger. Das macht den spleenigen nicht schlechter oder gar verwerflich. Und es ist auch in keiner Weise zynisch, wenn man das Glück hatte, in den Estaciónes Maritimas dieser Welt geboren zu sein, und als 18. Mann den Ritt über die Wellen genießt.

Der 18. Mann, das ist im America’s Cup eine Art Passagier. Der Platz im Boot kommt noch aus den alten Zeiten, als die Eigner der Schiffe, oft seemännische Ignoranten, auch mal mitsegeln wollten. Man kann sagen, dass dieser 18. Mann der wichtigste Mann an Bord war und ist, weil er das Geld gibt, um so eine America’sCup-Kampagne überhaupt erst starten zu können. Und das ist verdammt viel Geld. Von der Kanne, um die es geht, heißt es, sie sei bodenlos, so viel Geld man auch reinsteckt, es gehe immer noch mehr. Das Budget des deutschen Teams beträgt 50 Millionen Euro, es kommt von Ralph Dommermuth, dem Vorstandschef und Großaktionär des Konzerns United Internet, und es ist ein Hungerleider-Budget. Die „Alinghi“ hat 120 Millionen Euro in die Cupverteidigung investiert und liegt damit, wie Skipper Jochen Schümann beteuert, „bei weitem nicht an der Spitze des Teilnehmerfeldes.“ Kostenlos ist nur der Traum.

Im Hafen kann man die Kosten sehen. Allein das deutsche Team hat zu Wasser und an Land 70 Menschen beschäftigt, die wollen, die müssen versorgt werden, was ein Catering-Team von Feinkost-Käfer aus München besorgt. Der Stützpunkt musste errichtet werden, drei Etagen hoch, mit einer ausreichenden Halle für die große Yacht. Edel ist das Interieur für Gäste und Sponsoren, die werden auf weißem Leder platziert, ausladend auch die Sonnenterrasse mit herrlichem Blick. Jedes Team hat so einen Stützpunkt, keins kleckert, alle klotzen, in jedem findet sich zum Beispiel ein veritables Fitness-Center, Segeln erfordert Kraft. Aber es zahlt sich aus, wie man an Sven-Oliver Buder sieht, der mal Weltmeisterschaftszweiter im Kugelstoßen war, nun an der Kurbel steht, mit der die Segel hochgezogen werden, und der auch gedrittelt noch drei stattliche Männer abgeben würde.

So eine Investition soll sich lohnen, und sie lohnt sich auch, wie Michael Scheeren, der Syndikatschef des United Internet Team Germany, berichtet, „wir sind sehr zufrieden, sehr“. Syndikat, so nennen die America’s Cupper ihr Unternehmen. Und es ist auch ein tolles Paket, das die Investoren geliefert bekommen: grandiose Bilder von geblähten Segeln, schäumende Gischt, rasante Zweikämpfe auf dem Wasser, abenteuerliche Wenden, rasante Törns, ermöglicht durch das Beste, das die Technologie zu bieten hat, und in Fahrt gebracht durch 17 Segler, von denen jeder für sich zur Weltspitze gehört, die aber auf so einem Boot als Team taktisch und praktisch präzise ineinandergreifen. Schnelligkeit, Hightech, Taktik und Teamgeist, das könnte auch die Werbebotschaft der Formel 1 sein – nur dass die Segler dazu auch noch sauber und umweltschonend sind.

Und anders als im Motorsport, in dem vor allem die Technik siegt, sind die Cupper nach Jahrzehnten absurdester Materialschlachten mit Doppelkielen, ohne Kiel (das Boot ging allerdings unter), Überlängen, Doppelrümpfen, nach Jahren der Experimente wieder beim Menschen angekommen: Das Regelwerk schreibt weitgehende Chancengleichheit der Boote vor, Länge (25,80 Meter) und Gewicht (24 Tonnen) der Boote sind festgelegt. Technologievorsprünge sind nahezu nivelliert, es siegt das perfekte Team. Was bisher fehlte mangels Übersichtlichkeit und wegen der großen Entfernung, waren die Multiplikatoren der tollen Botschaft, die sind nun in Europa reichlich vertreten, der 18. Mann ist nun häufig ein Mann oder eine Frau von der Presse. Mit den Eignern haben sie meist wenigstens die seemännische Ignoranz gemein.

Ein Begleitboot zieht die Yacht aus dem Hafen, an Land zurück bleibt Nico Jeschonneck, der zweiter Vorschiffmann und für das Setzen, Bergen, und Stauen der Segel verantwortlich ist. So einer muss auch schon mal hoch in den Mast, was bei 34 Meter schwankender Höhe mindestens Nervenstärke voraussetzt. Vor vier Wochen trat er, wieder an Deck, in eine Luke und verdrehte sich das Knie. Hochseesegeln ist harte Arbeit, nicht schmerzfrei und mitunter auch gefährlich. Im vergangenen Jahr machte Christian Buck aus Rostock diesen Job. Als er wieder runtergelassen wurde, verlor er die Balance, pendelte hilf- und haltlos in der Luft und knallte dann mit dem Kopf vor den Mast. Bewusstlos hing Buck 30 Meter über dem Deck, das Bulletin des Krankenhauses zählte Schlüsselbeinbruch, Gehirnerschütterung, Prellungen und Quetschungen auf.

Am Ende der Hafenmole ziehen die Männer das Großsegel hoch, 215 Quadratmeter groß, die Germany I nimmt Fahrt auf. Es geht ruhig zu an Bord, Skipper Jesper Bank am Ruder gibt leise Kommandos, die Männer wissen, was zu tun ist, und sie tun es. Den Lärm macht der Wind, der packt das Boot, es knirscht, knarzt, knallt, das Boot bockt wie ein wilder andalusischer Hengst. Dieses Boot wird domestiziert von der Konzentration, Kraft und Gelassenheit der Crew. Auf dem Programm stehen Startversuche, Gegner im Training ist das Boot der Franzosen. Es geht um die beste Ausgangsposition vor der Startlinie. Die ist imaginär, zwischen einer Tonne und dem Startboot, und vor der gilt es bestmöglichst zu liegen, mit Vorsprung vor dem Gegner oder so, dass ihm der Wind aus den Segeln genommen werden kann.

Fünf Minuten lang segeln die Boote aneinander vorbei, mal mit großem Abstand, mal nah, es wird gewendet, es ist eine Art Tanz zweier Raubtiere, bevor sie aufeinander losstürmen. Und das machen die Boote dann auch. Die Skipper gehen auf Konfrontationskurs. Die Schiffe rasen aufeinander zu. Immer näher kommen die Franzosen. Will keiner Vernunft annehmen? Bei zehn Grad Außentemperatur und trotz Sonnenscheins ist es wahrscheinlich kein Vergnügen, in Ölzeug nach Valencia zurückzuschwimmen. Es gibt kein Halten mehr. Sekunden vor dem Crash reißt Jesper Bank das Steuer herum, der französische Kollege auch, die Boote liegen nebeneinander, nur wenig Wasser befindet sich dazwischen. Die deutsche Crew hat das Startmanöver gewonnen, das in 60 Prozent der Fälle entscheidet, wer am Ende der Regatta die Nase vorn hat.

Es werden spektakuläre Bilder sein, die ab der kommenden Woche aus Valencia zu sehen sind. Am Ende der Vorläufe, Acts genannt, jeder gegen jeden, die sich bis in den Juni erstrecken, tritt der Beste gegen die „Alinghi“ an. Die deutsche Crew, so jung und unerfahren sie noch ist, hat wohl keine Chance auf diese letzte entscheidende Wettfahrt. Aber sie hat einen Traum, der sich auch ohne Sieg verwirklicht. Und das ist schon eine ganze Menge.

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