Irina Liebmann : Die 416 Seiten ihres Vaters

Rudolf Herrnstadt: Anwaltssohn, Jude, Spion der Roten Armee - und größter Journalist der DDR. Bis er in Ungnade fiel. Irina Liebmann ist seine Tochter und Biografin. Und seit Donnerstag Preisträgerin der Leipziger Buchmesse.

Kerstin Decker
Irina Liebmann
Alles-Macherin. Buchpreisträgerin Irina Liebmann vor dem Gemäde dreier Badender in Berlin-Mitte. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wie sie da steht, an der Berliner Friedrichstraße, leuchten ihre roten Haare schon von Weitem. Hier ist Irina Liebmann, heute Schriftstellerin, einst immer mit ihrem Vater entlanggefahren, im einzigen Auto weit und breit. Links und rechts waren statt Häusern nur Schuttberge – die Vierjährige glaubte, Städte sind so –, aber der Asphalt in der Mitte war seltsam glatt, fast unversehrt. Und dann bogen sie nach rechts, „und dort stand ein Haus, das war nicht kaputt, und dort hat mein Vater gearbeitet“, sagt Irina Liebmann. Mit der Geschichte ihres Vaters hat sie gerade den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Mit der Geschichte des Mannes, der die erste deutsche Zeitung nach Hitler gründete, die „Berliner Zeitung“, erschienen bereits am 21. Mai 1945, 100 000 Exemplare, sofort ausverkauft. Und bald noch viel mehr Zeitungen: „… ich redigiere täglich fünf …“, hat er gesagt.

Den Citizen Kane der DDR hat man ihn genannt, ihn, der auch während des Krieges eine Zeitung gemacht hatte, die zum ersten Mal in deutscher Sprache über Auschwitz berichtete. Das war „Freies Deutschland“, noch in der Sowjetunion. Und davor war er „bürgerlicher“ Journalist gewesen, ein glänzender, Leitartikler bei der wichtigsten Zeitung des Landes, beim „Berliner Tageblatt“.

Rudolf Herrnstadt, Anwaltssohn aus Gleiwitz, Jude, Studienabbrecher, gescheiterter Dramatiker, Kommunist – der bestangezogene seiner Zeit –, Spion der Roten Armee, bald auch Kandidat des Politbüros der SED. Die Berliner Stalinallee würde seine Idee sein. Dass Walter Ulbricht wegmuss, würde Anfang der 50er Jahre nicht nur seine Idee sein. Aber dem Kind Irina wird es so vorkommen: „Die anderen Funktionärskinder spielten plötzlich nicht mehr mit mir.“

In der DDR musste man schweigen über ihn. Heute auch, nur die Gründe sind andere geworden, glaubt Irina Liebmann, die in den 80er Jahren dieses Land in Richtung Westen verließ, in das ihr Vater so große Hoffnungen gesetzt hatte. Kommunisten sind Verbrecher, punktum, weiß jedes Kind. Muss man mehr wissen? „Ja“, sagt sie mit einer energischen Kopfwendung, und ihre rote Mähne fliegt auf. Nicht nur wegen ihrer vielen 80-jährigen Kommunistenfreunde – es ist ihr Wort –, deren Kraft sie bewundert und die sie doch nicht versteht.

Es gab keine Sprache für das Buch, das sie schreiben wollte. Es ist eines aus Verstehen und Nicht-Verstehen geworden, aus Nähe und Ferne, eines zwischen Weltgeschichte und ungeschützter Überlegung. Vor allem aber ist es ohne Schlagworte, ohne die politisch korrekten Begriffe, in denen schon die Vorentscheidung liegt über das, was gedacht werden kann. „Richtige Hände-hoch!-Wörter sind das.“ Sie weiß: „Ein Buch wie meins gibt es noch nicht.“ Typischer Irina-Liebmann-Satz. Bei jedem anderen würde es eitel klingen, bei ihr ist es eine Feststellung. Sie hat schon Bewohner eines Berliner Mietshauses porträtiert oder halb Deutschland während eines Sommers oder die Frauen von heute, wenn sie älter werden – mal als Roman, mal als Reisebild, immer mit großem Wirklichkeitskern. Doch noch nie ist ihr ein Buch so schwergefallen wie dieses. Noch nie hat sie so oft aufgeben wollen.

Irina Liebmann, geboren 1943, in der Sowjetunion. Ihre Mutter heißt Valentina, die schöne Valentina, die ihr Vater aus Sibirien weggeheiratet hat.

Walter Ulbricht, der deutsche Oberkommunist im Moskauer Exil, war in der zweiten Aprilhälfte 1945 zu Herrnstadt gekommen und hatte gesagt: „Wir stellen drei Gruppen zusammen, die als erste in Deutschland zum Einsatz kommen. Jede wird etwa zehn Mann stark sein.“ Rudolf Herrnstadt war unter den ersten zehn, obwohl er Ulbricht immer schon verdächtig war. Denn Herrnstadt hatte nie die Kaderschmiede der KPD durchlaufen. Und wurde im letzten Moment wieder von der Liste gestrichen. Nicht wegen seiner Tuberkulose, seinem beständigen Fieber. Er wurde gestrichen, weil er Jude war. Ein Jude würde die Arbeit der Kommunisten erschweren, bei dem Antisemitismus in Deutschland, glaubten die Russen. Erst als die Rote Armee beschloss, eine deutschsprachige Zeitung zu gründen, schickte sie Herrnstadt hinterher.

Irina Liebmann fährt wieder die Friedrichstraße hinunter, wie damals als Kind, nur dass jetzt vor lauter Autos keins mehr vorwärtskommt. Und kurz vorm Checkpoint Charlie biegen wir nicht nach rechts ein, in die Mauerstraße, wo es zu Herrnstadt, dem kommunistischen Journalisten und seinen fünf Zeitungen und Zeitschriften geht, sondern nach links. Hier geht es zum bürgerlichen Journalisten Rudolf Herrnstadt.

Auch ihn selbst hatte sein allererster Weg am 8. Mai 1945 hierher geführt, zum „Mosse“-Haus, wo das „Berliner Tageblatt“ gewesen war. Chefredakteur: Theodor Wolff. Herrnstadt fand das Haus bis zum Sockelgeschoss in Trümmern, auf dem Hof lag ein Toter, die Druckmaschinen waren unbrauchbar. Irina Liebmann schaut an dem Haus empor, das heute fast wieder so aussieht wie ihr Vater es kannte, als er noch täglich hier eintrat: die alte Gründerzeitfassade mit der – Anfang der 20er Jahre aufgesetzten – expressionistischen, runden Riesenecke.

Rudolf Herrnstadt hatte seine Zeit bei der berühmtesten Vorkriegszeitung Deutschlands immer eher beiläufig erwähnt. „Bürgerlicher Journalismus, hilfloses Schreiben ohne historischen Überblick“, sagte er. Denn obwohl fast alle seine „Genossen“ ihn verraten haben nach dem 17. Juni 1953 – Kommunist ist er geblieben. Kommunisten sind so, erklärt Irina Liebmann, und es ist einer jener Momente, wo sie nichts versteht. Trotz der 416 Seiten, die schon einmal doppelt so viele waren. Zu viele Belege – „schöne Belege“ –, zu viel Persönliches, kein Fluss mehr. Also streichen. Autoren können grausam sein, vor allem gegen sich.

In den späten 70er Jahren ging die Sinologie-Studienabbrecherin Irina in die Berliner Stadtbibliothek und bestellte sich den Jahrgang 1931 des „Berliner Tageblatts“. Jetzt würde sie schreiben, nicht chinesisch, nein, Reportagen für die „Wochenpost“. Endlich die Tätigkeit, vor der ihr Vater sie so gewarnt hatte. Ihr Vater hatte auch gesagt: „Sinologie? Gut, gut. China ist die Macht der Zukunft.“ Wieder Irrtum. Für die DDR war China längst der Feind, ging ganz schnell, ihr Vater hätte das wissen können. Sie schlug wahllos einen „Tageblatt“-Band auf, gefasst auf langes Suchen. „Und dann fand ich den Namen Rudolf Herrnstadt ziemlich schnell auf einer Titelseite.“ Die Tochter las, immer weiter. Der Witz der Formulierung, schon in den Überschriften. „Ich werde nie vergessen, wie ich rausging aus der Stadtbibliothek. Es war ein Nachmittag im Sommer in Ost-Berlin und alles war warm, still und leer. So gut war er gewesen?“

Im Mosse-Haus residiert heute Total, die Mineralölfirma. Innen eine Freitreppe und darunter ein Tor aus hellem und dunklem Marmor: „Seltsam zu denken, dass sie alle hier durchgegangen sind“, sagt Irina Liebmann. „Sie alle“, das ist vor allem Ilse Stöbe, die kommunistische Chefsekretärin Theodor Wolffs und bald Geliebte Herrnstadts, oder wie Irina Liebmann sagt: „das Proletariat in seiner schönsten Erscheinungsform“. Spionin später auch sie. Die schöne Ilse wird als Erste den Plan „Barbarossa“ zum Angriff auf die Sowjetunion nach Moskau melden – und 1942 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Als Rudolf Herrnstadt im Mai 1945 Moskau verlässt und wieder deutschen Boden betritt, ist er ein Mann mit vielen Toten. Darunter die meisten Mitglieder seiner Familie, zu der er nie mehr Kontakt hatte – ein Spion hat keine Familie –, ermordet in Auschwitz. „Was für ein Leben. Ist so ein Leben nicht schrecklich?“, fragt Irina Liebmann, mehr sich selbst. Immer wenn dieser Gedanke zu groß wurde, hat sie aufgehört. Und dann doch weitergemacht. Wegen des Bogens. Der Bogen eines ganzen Lebens, erst der würde die Wahrheit sein.

Manchmal war das Schreiben auch schön. Etwa wenn sie sich vorstellte, wie ihr Vater zum ersten Mal – es war auch ein Mai, der Mai 1928 – durch dieses weiß-braune Marmortor ging, geradewegs hinauf zu Theodor Wolff, dem größten aller Chefredakteure, und eine Zeitung überreichte. Eine ganze, selbst geschriebene Zeitung, Politik, Auslandsteil, Theaterkritiken, Sport, alles drin. „Das war mein Vater“, lächelt Irina Liebmann. Auch seine Tochter ist eine Allesmacherin: der ganze Herrnstadt, dazu die Weltgeschichte, die Zeitungsgeschichte des 20. Jahrhunderts, und ein bisschen ihre eigene, alles in einem Buch. Sie sagt: „Kein Mensch macht alles. Nur ich.“ Soso, dachte Theodor Wolff, als er die Ein-Mann-Zeitung in den Händen hielt. Und Herrnstadts Karriere begann.

Nur für die Kommunistische Partei hätte er sofort alles hingeworfen. Das verstehe heute mal einer. Es geht um die Urszene. Um das Entsetzen des Anwaltssohnes Herrnstadt, als er zum ersten Mal wahrnahm, dass es neben der Welt seiner Herkunft noch eine andere Welt gab. Die Welt der Fabriken, „das dunkle, schwarze Arbeiterelend“. Machte es seine Welt nicht zur Lüge? Rudolf Herrnstadt wirft sein Jurastudium hin und geht selbst in eine Fabrik. Das ist die Urszene. Die bleibt. Darum will er in die KPD.

Aber die will ihn nicht, nicht gleich, sie sagt nur: Bleib’, wo du bist, da nützt du uns mehr! Später meldet sich der Geheimdienst der Roten Armee und sagt auch: Bleib’, wo du bist, da nützt du uns mehr! – Da ist Herrnstadt gerade Auslandskorrespondent des „Berliner Tageblatts“ in Warschau und bleibt es – als Jude – bis 1936.

Irgendwann fährt das Kind Irina Liebmann im schwarzen Auto ihres Vaters nicht mehr durch Berlin, sondern – jetzt zehn Jahre alt – hinaus aus der Stadt gen Süden, wo der Himmel immer dunkler wird. Das ist keine Metapher, sondern die Chemie über Merseburg. Künftig muss der lungenkranke Mann – ein Kommunist schont sich nicht, aber auch nicht die anderen – zwischen zwei DDR-Chemiekombinaten wohnen. Ein Tod auf Raten. Der Schauprozess gegen ihn wird vorbereitet. Seine Tochter übt inzwischen, ein Merseburger Kind zu sein: nicht mehr vorlaut lachen, keinen Pferdeschwanz, keine zu bunten Röcke.

Ein einziges Mal in der Geschichte der DDR, Anfang der 50er Jahre, war der Ruf nach mehr Demokratie auch „von oben“ ausgegangen, von der SED-Spitze selbst. Von Menschen wie Herrnstadt, dem Kandidaten des Politbüros, der über ein sozialistisches Zeitungsimperium gebot. Nach Stalins Tod im April 1953 und erst recht nach dem 17. Juni 1953 wurde dieser Ruf drängender. Da sprach er aus, was viele dachten: „Du musst zurücktreten, Walter!“ Und dann saß Herrnstadt zwei Wochen lang fast regungslos auf einem Stuhl im Flur seines Hauses, Frau und Kind waren in Sibirien bei der Großmutter. Im Radio hörte er, dass er „die Sache der Arbeiterklasse und der Partei“ verraten habe. Bis eben hieß so etwas Todesstrafe.

Als das Buch fertig war, hat Irina Liebmann ein Bild geschenkt bekommen, sie hat ein halbes Zimmer dafür ausgeräumt. Gemalt Anfang der Dreißiger: drei Badende vor einer Stadt. So frei, so schön, wie ihr Vater, der Träumer, sich den Neubeginn dachte. Sie sitzt nun oft davor mit ihren zwei norwegischen Wildkatzen. „Wäre es schön? Es wäre schön!“, hatte Rudolf Herrnstadt geschrieben, als er die Idee einer sozialistischen Straße, „schöner als die Champs Elysees“, hatte. So heißt jetzt das Buch der Tochter (Berlin Verlag). Der doppelte Konjunktiv in seinen Sätzen war schon klüger als der, der sie schrieb.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben