Zeitung Heute : Irland: Zwei Seelen in einer Brust

Martin Alioth

John reibt sein kantiges Stoppelkinn. Er hat reichlich Zeit gehabt, über die Vor- und Nachteile des EU-Vertrags von Nizza nachzudenken, denn er erholt sich gerade von einer Tuberkulose - da macht man keine großen Sprünge. Deshalb hörte er vor der irischen Volksabstimmung über diesen Vertrag jedes Rundfunkprogramm und las ausführlich die entsprechenden Artikel in seiner Tageszeitung. Jetzt aber sieht er leicht verlegen aus. "Ich habe nein gesagt vor zehn Tagen - aber ich hätte nie gedacht, dass es abgelehnt wird." Es war ein taktisches Nein, das er da auf dem Wahlzettel angekreuzt hat, gibt er grinsend zu. Er wollte nicht, dass die Mehrheit der Befürworter übertrieben hoch ausfiel.

Die irische Regierung wirkt nach der Volksabstimmung vom 7. Juni, als sich 54 Prozent der Bürgerschaft mit ungewohnter Kratzbürstigkeit dem Konsens der politischen, wirtschaftlichen und medialen Eliten widersetzten, ähnlich betreten wie der genesende John. "Sie macht es wie Nachbars Hund", stichelt Oppositionsführer Michael Noonan giftig gegen die Regierung, "der begleitet auch Hinz und Kunz ein Stück des Weges." Andere formulieren es so: Die Regierung wisse nicht genau, was sie wolle. Premierminister Bertie Ahern hatte es beim EU-Gipfel in Göteborg unter Aufbietung seines beträchtlichen Charmes geschafft, die Gemüter seiner Partner zu beruhigen. Er bat um Zeit und versprach, am Ende werde alles gut werden. Doch kaum drehte er den Rücken, stellte sich sein Finanzminister Charlie McCreevy vor die Mikrofone und nannte das Ergebnis der Volksabstimmung "bemerkenswert gesund".

McCreevy liegt ohnehin im Streit mit Brüssel - er betrachtet sich als letzten Verteidiger der fiskalischen Souveränität Irlands und gilt deshalb als Stimme der irischen Euroskeptiker. Ein Staatsekretär in der Regierung hatte überdies gleich nach der Verkündigung des Referendumsergebnisses zugegeben, er habe selbst auch mit Nein gestimmt, obwohl er im Vorfeld die Bürger aufgerufen hatte zuzustimmen. Peinlicherweise handelte es sich um den Enkel des legendären Eamon de Valera, der über Jahrzehnte Staatspräsident und eine Art Charles de Gaulle Irlands war.

In Dublin mahnen unverändert die Plakate "Du wirst verlieren! Einfluss und Geld", während andere von der schleichenden Vereinnahmung Irlands durch die Nato künden. Inzwischen sind die trockenen Aufrufe der großen Parteien, die Bürgerpflicht zu erfüllen, verschwunden. Fast zwei Drittel der Wahlberechtigten hatten auf eine Stimmabgabe ganz verzichtet.

Klobig steht das gläserne Hauptquartier der Bank of Ireland, des zweitgrößten Bankhauses Irlands, zwischen den anmutigen Backsteinreihen der Dubliner Baggot Street, die seit ihrer Errichtung im 18. Jahrhundert unversehrt geblieben sind. Hier trifft man in der Mittagspause Geschäftsleute und Büroangestellte. Manche verspeisen mitgebrachte Brötchen, andere ziehen an ihrer Zigarette. Der junge Ed zum Beispiel wirkt wie jemand, der im Büro nicht rauchen darf. "Nur dank europäischem Geld ist Irland jetzt so weit gekommen. Ich sagte Ja, weil ich anderen Ländern dieselbe Chance geben will", sagt Ed. Die Iren seien sorglos geworden, weil es der Wirtschaft so gut gehe. "Da denken sie, sie könnten jetzt auch allein durchkommen." Er wird der einzige unter den zufällig zusammengewürfelten Gesprächspartnern bleiben, der Irlands Ablehnung des Nizza-Vertrags dem puren Egoismus zuschreibt. Pat, ein Geschäftsmann in einem etwas zerknitterten Anzug und mit einem Lächeln im Gesicht, zeichnet aus dem Stegreif ein komplexes politisches Panorama: "Die Erweiterung war nicht das Problem. Die Iren fühlen sich wohl in Europa. Es ging eher um die politische Integration, die Angst, dass kleine Länder wie Irland einfach untergebuttert werden. Und dann auch die Bedrohung der irischen Neutralität durch die Nato." Pat hatte mit Nein gestimmt. Was vor zehn Jahren noch selbstverständlich gewesen wäre, die Verlegenheit über den Unmut des europäischen Auslandes, fehlt diesmal vollständig. Die irischen Bürgerinnen und Bürger sind mündig geworden. Weder Kolonialmacht noch Kirche noch Europa vermögen Unterwürfigkeit auszulösen.

Auch Seán, ein sorgsam gekämmter junger Mann, mit gebügeltem dunklen Anzug und makellos weißen Hemd, hat den Vertrag von Nizza abgelehnt. Aber als Einziger nennt er die Bedingungen für seine Entscheidung klipp und klar: "Wenn Irlands Unabhängigkeit und Neutralität formell garantiert werden, dann kann ich dem beim nächsten Mal auch zustimmen. Ich denke da an meine Kinder. Ich möchte wirklich nicht, dass die in eine europäische Armee hineingezwungen werden".

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!