Zeitung Heute : IRLAND

Vorurteile oder gar Beleidigungen gegen Deutschland oder die deutsche Regierung sind äußerst selten im politischen Diskurs Irlands. Weit verbreitet, vor allem unter den politischen Eliten, ist aber ein gewisser Überdruss an der deutschen Prinzipienreiterei. So hatten die Iren beispielsweise inständig gehofft, Spaniens Banken könnten ihre Kapitalspritzen unter Umgehung des spanischen Staats direkt erhalten. Denn dann hätte auch Irland die Chance gehabt, im Windschatten Spaniens seine eigene Bankenrettung auf eine tragfähigere Grundlage zu stellen. Doch Berlin habe das verhindert, heißt es in Dublin.

Deutsches Dogma wird von vielen auch hinter der Unnachgiebigkeit der Europäischen Zentralbank vermutet, die den irischen Steuerzahler dazu zwang, selbst die ungarantierten Schulden abgewickelter Banken bis auf den letzten Cent zurückzuzahlen. Denn Nutznießer dieser Maßnahme sind unter anderem deutsche Landesbanken – und das ärgert die Iren.

Im Verlauf der hitzigen Abstimmungskampagne über den Fiskalpakt Ende Mai spielte Deutschland eine tragende Rolle. Es sei egal – so die Mehrheitsmeinung der irischen Bevölkerung –, ob der Fiskalpakt in der aktuellen Krise etwas nütze oder nicht, er sei einzig und allein deshalb erfunden worden, weil Angela Merkel den Deutschen zeigen wolle, dass von nun an überall hart gespart werde. Nur so habe sie vor dem Bundestag neue Kredite für Euro-Wackelkandidaten befürworten können.

Irgendwann werden die Iren für ihre harten Sparmaßnahmen eine Gegenleistung sehen wollen. Denn Irland ist trotz aller Probleme der aussichtsreichste Kandidat für einen Beweis, dass die von Angela Merkel verordneten Sparvorschriften erfolgreich sein können. Martin Alioth, Dublin

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