Zeitung Heute : Irreführende Kennzeichnung

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Die Kennzeichnung von Lebensmitteln mit nachweisbar genetisch veränderten Inhaltsstoffen ist die eine Sache. Was aber soll man davon halten, wenn Puristen sogar eine Kennzeichnung von Produkten verlangen, in denen derartige Bestandteile gar nicht mehr nachgewiesen werden können?

Nachdem das EU-Parlament kürzlich eine Reihe von Bestimmungen zur Kennzeichnung von Genprodukten verabschiedet hat, ist dies leider keine hypothetische Frage mehr. Den Beschlüssen zufolge müssten sogar nur teilweise aus GVO (gentechnisch veränderten Organismen) gewonnene Produkte einen Hinweis auf gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe tragen, selbst wenn alle Spuren veränderten Erbmaterials im Produktionsvorgang eliminiert wurden. Zudem soll der Schwellenwert für den Hinweis auf genmanipulierte Inhaltsstoffe auf 0,5 Prozent festgesetzt werden.

Verbraucher haben ein Recht auf Information. Eine Grenze muss aber gezogen werden, wenn Vorschriften irreführende Kennzeichnungen zur Folge haben. Der Verdacht liegt dann nahe, dass derartige Maßnahmen nicht dem Verbraucherschutz, sondern der Ausschaltung unerwünschter Konkurrenz dienen. Die Gegner der Gen-Lebensmittel untergraben so das Recht des Verbrauchers auf freie Auswahl. Zwar steht die Mehrheit der europäischen Verbraucher Genprodukten skeptisch gegenüber, doch haben Europas Politiker die Ängste lange geschürt, um sich zu profilieren und landwirtschaftlichen Protektionismus zu rechtfertigen. EU-Verbraucherkommissar David Byrne warnte indes davor, das Thema für Demagogie zu nutzen, zumal von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Untersuchungen keinen Beweis für die Gefährlichkeit von Gen-Lebensmitteln erbrachten.

Die gute Nachricht ist, dass die Mitgliedstaaten der EU der vom Parlament beschlossenen Richtlinie noch zustimmen müssen. Die Regierungschefs werden sich fragen, ob die Verhinderung technologischen Fortschritts wegen zweifelhafter Einwände eine gute Idee ist – zumal ihre Landwirte eines Tages die neuen Technologien brauchen könnten, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Dies gilt vor allem dann, wenn die EU sich ihre verschwenderischen Agrarsubventionen nicht länger leisten kann.

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