Zeitung Heute : Irrfahrt der Seelen

Wer nicht von einer Beerdigung kommt, ist auf dem Weg dorthin – und immer noch werden in Beslan 172 Kinder vermisst

Elke Windisch[Beslan]

Von der Festtafel, die ihnen zu Ehren gegeben wird, können Fatima Ismailov und ihr Sohn Tahir kaum essen. Der Magen ist noch schwach nach fast drei Tagen Durst, Stress und Hunger. Weil die beiden dem Geiseldrama in Beslan unversehrt entkommen sind, haben die Ismailovs ein Kalb geschlachtet, das Fleisch dampft in großen Kesseln über dem Feuer im Hof. Und mitten auf dem Tisch stehen drei Piroggen – riesige Plinsen aus Mehl, Eiern und Milch. Eine Huldigung an Alardy, den alten Sonnengott der Osseten. Ein Dankopfer – „Kuft“ genannt – das sie Gott oder Allah hier nur dann bringen, wenn er ihnen etwas ganz besonders Gutes tat.

Tahir, neun Jahre alt, schwarzes Haar, schwarze Augen und sonst ein Wildfang, der keine fünf Minuten ruhig sitzen kann, wie seine Oma sagt, bleibt stumm und hat beide Arme um den Hals seiner Mutter geschlungen. So, wie in der Schule. Fatima dagegen muss sich das Grauen von der Seele reden. Immer und immer wieder. „Sie haben uns nur am ersten Tag Wasser trinken lassen. Am zweiten Tag haben sie nur noch Frauen mit kleinen Kindern feuchte Lappen zum Auslutschen hingeworfen. Es war drückend heiß, die Fenster durften wir nicht aufmachen, die Luft drinnen hätte man mit dem Messer schneiden können. Wir waren alle halb nackt, nicht nur die Kinder. Ein paar alte Frauen haben vor Angst unter sich gemacht, als es knallte.“

Was dann geschah, weiß Fatima nicht. Sie und Tahir kamen erst in der Ambulanz der Rettungsmannschaften wieder zu sich. Wer sie und ihren Sohn in Sicherheit brachte, hat Fatima bisher nicht herausfinden können. Aber an die Geiselnehmer erinnert sie sich umso besser. „Einer der Terroristen hat uns Hündinnen genannt, die keine Kinder zur Welt bringen, sondern Kiffer und Huren. Die Welt, hat er gesagt, müsste von dieser Pest gereinigt werden.“ Er habe ossetisch gesprochen, sagt Fatima. Eine der älteren Lehrerinnen will, trotz Maske, einen ehemaligen Schüler erkannt haben. Gerüchte, wie sie inzwischen zu Dutzenden unter den rund 35000 Einwohnern Beslans umlaufen.

Bei den Frajews schräg gegenüber steht das Hoftor weit offen. Schon den dritten Tag. Denn drei Tage ist die Seele unterwegs ins Jenseits. Und so lange muss man ihr Zeit geben, in den Körper zurückzukehren, falls sie doch nicht ins Jenseits einkehren will. Ein Volksglaube aus heidnischen Zeiten, gegen den Imame und Priester – in Nordossetien halten sich Muslime und Christen in etwa die Waage – vergeblich ankämpfen. Doch in seinem Fall, meint Hausherr Saslan Frajew, einst Europameister im Freistilringen, gebe es wenig Hoffnung auf solche Wunder: In welchen Körper könnten die Seelen seiner beiden Toten zurückkehren? Sein Bruder Ruslan wurde gleich zu Beginn des Geiseldramas getötet, als er seine eigenen beiden Kinder und Saslans Tochter Madina bei der Schießerei mit dem eigenen Körper deckte. Drei Tage lag der grauenvoll verstümmelte Leichnam auf dem Schulhof. Musa, die Mutter der Brüder und schwer herzkrank, hätte die Schule verlassen können, als Ruslan Auschew, der ehemalige Präsident Inguschetiens, am vergangenen Donnerstag die Freilassung von 26 Geiseln erwirkte. Doch die alte Frau blieb. Wegen der drei Enkel, die bisher noch als vermisst gelten. Am Sonntag hat Saslan die verkohlte Leiche seiner Mutter in den Trümmern gefunden. Erkannt hat er sie nur an einem Armband.

Auch nebenan steht das Tor weit offen. Da machen sie gerade eine Schülerin der fünften Klasse zurecht für den letzten Weg. Und zwei Häuser weiter eine Erstklässlerin und deren Mutter. „In unserer Straße fehlt jetzt die Hälfte der Kinder, wie soll man das ertragen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stolpert eine junge, blonde Frau mit Gummistiefeln und Regenumhang durch die Pfützen. Im Nordkaukasus regnet es bereits den vierten Tag. Die kleine Stadt – im Zentrum ein paar Plattenbauten aus der Sowjet-Ära, sonst einstöckige Häuser, von hohen Mauern umgeben und mit türkis gestrichenen Hoftoren – wirkt dadurch noch trister als sonst. Mit Spenden, die inzwischen reichlich fließen, aus ganz Russland und aus dem Ausland, soll Beslan jetzt eine neue Schule bekommen, ein neues Krankenhaus und einen neuen Friedhof.

Das Gelände dafür, so groß wie ein Fußballstadion, ist bereits abgesteckt, und die ersten beiden Reihen sind schon belegt. Grabsteine stehen noch nicht und sind, wie Zarubek Haitow meint, höchst überflüssig. „Eine Tafel mit der Aufschrift ,Schule Nummer eins’ genügt. Das sagt alles.“ Am Sonntag hat er hier seinen Sohn Alan beerdigt und am Montag dessen Klassenkameraden. In der Nacht zuvor hat er von Alan geträumt: „Er stand einfach vor meinem Bett, hat nichts gesagt, aber mich lange vorwurfsvoll angesehen.“ Nur ein unscharfes Foto ist den Haitows aus Alans letzten Lebenswochen geblieben. Wegen einer Narbe, die der 14-Jährige bei einem Unfall vor zwei Jahren davontrug, habe er ihn nur noch heimlich fotografieren dürfen, sagt der Vater. Lena, Alans jüngere Schwester, hat die Katastrophe überlebt. Leicht verletzt liegt sie im Krankenhaus, dass Alan tot ist, weiß sie noch nicht: „Sie konnte nicht so schnell laufen wie die anderen am Freitag“, sagt ihr Vater. „Sie hatte ein einjähriges Baby auf dem Arm. Das haben ihr die Soldaten, Allah sei Dank, gleich abgenommen.“

Zur Trauerfeier ist viel Besuch von auswärts gekommen: Eduard Kokoity, der Chef der südossetischen Separatisten. Südossetien gehört zu Georgien, und eigentlich hat Russland die Grenze zu Georgien, dem ungeliebten Bruder im Süden, schon Sonntag dichtgemacht. Sogar einen georgischen Hilfskonvoi schickten die Soldaten zurück. Kokoity ist trotzdem hier. Außerdem Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow, der die überlebenden Kinder in die besten Kurheime seiner Region eingeladen hat, und seine Amtskollegin aus St. Petersburg, Walentina Matwijenko, Putins eiserne Lady. Sie ist die Einzige, deren Augen trocken bleiben. Andere brechen, keine zehn Schritte entfernt, zusammen, sobald die ersten Schollen auf die Särge fallen. Ein paar laut schluchzend, die meisten lautlos wie Galina Korolewskaja.

Korolewskaja heißt „königlich“, und kein Muskel zuckt in dem feinen aristokratisch geschnittenen Gesicht der schlanken Endvierzigerin, als der Sarg ihres Mannes in die Grube gesenkt wird. Er war der Heizer der Schule und hatte gleich in den ersten Minuten des Dramas ein paar Kinder im Kesselhaus versteckt: Jene 15, die kurz danach flüchten konnten. Wlada, 22 und Psychologiestudentin in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas, fängt die Frau des Heizers auf. „Sie haben ihren Mann gleich danach erschossen“, sagt sie. Ebenso wie den Sportlehrer, der im Nebenfach Physik unterrichtete und in seinen letzten Lebensminuten ein paar der Sprengsätze entschärfte, die die Terroristen in der Turnhalle wie eine Girlande zwischen Basketballkorb und Sprossenwand aufgehängt hatten.

Die Sprengstoffgirlande war auch in einem von den Geiselnehmern gedrehten Video zu sehen, das der russische Fernsehsender NTW am Dienstagabend ausstrahlte. Wer dem Sender das fast anderthalbminütige Band zuspielte, ist bisher nicht bekannt. Es wurde offenbar in den ersten Stunden der Geiselnahme gedreht und zeigt hunderte Kinder und Erwachsene, die zusammengepfercht auf dem Turnhallenboden kauern, während maskierte Geiselnehmer den Raum mit Sprengfallen spicken. Der Boden ist blutverschmiert. Die Geiseln schweigen, viele haben die Hände so erhoben, dass sie neben den Ohren ruhen. Panik ist nicht zu erkennen. Zu sehen sind dort außerdem zwei Frauen ganz in Schwarz mit Pistole und Sprengstoffgürtel. Ein Terrorist steht mit einem Bein auf einem Buch, das offenbar mit einem Zünder verbunden ist.

In Beslan nahm kaum einer davon Notiz. Wer nicht von einer Beerdigung kommt, ist auf dem Weg dorthin. Oder aber irrt in den Ruinen der Schule umher. So, wie Galina Babenko mit der Fotografie ihres Enkels. Seit sie am Sonntag Igors Ranzen auf dem Schulhof fand, geht sie hier nicht mehr fort. Wirr hängt ihr das halblange weißblonde Haar ums Gesicht, aus dem halb irre Augen funkeln, während sie mit einem unsichtbaren Gegenüber redet: „Söhnchen, was haben dir unsere Kinder getan? Nimm mich, bring mich um, wenn du unbedingt Blut haben musst. Aber tu meinem Igor nichts.“

Im Schulhof steht noch zerschossen der Lautsprecher für die Musik beim Fahnenappell zu Schuljahresbeginn. Drum herum liegen Blumen auf getrockneten Blutspuren, Fetzen von Kleidung und Teile von Plüschtieren. Viele Angehörige wie Galina Babenko klammern sich an die Hoffnung, dass ihre Kinder und Enkel nicht tot sind, sondern als bisher nicht identifizierte Patienten in den Krankenhäusern liegen. Folge des Chaos nach der erzwungenen Stürmung am Freitag, als Väter wildfremde Kinder in ihre Autos packten, in der Hoffnung, andere würden ihre retten. Dass auch von den Leichen in der Turnhalle bisher nur die Hälfte identifiziert wurde, verdrängen sie.

„Momentan gelten 172 Kinder als vermisst“, sagt Wissarion Kalagow, leitender Chirurg im Republikskrankenhaus Wladikawkas. In seiner Klinik werden 42 Kinder mit Schädelhirntraumata behandelt, einige davon auf der Intensivstation. Die Krankenzimmer sind geräumig, alles blitzt vor Sauberkeit. Selbst die Flure, wo, anders als in vielen russischen Krankenhäusern, keine Notbetten stehen.

In Beslan machen Gerüchte über die Hintergründe der Geiselnahme die Runde. Von einem hellen Uasik aus Inguschetien erzählt man sich, einem zu Sowjetzeiten produzierten Geländewagen, der zwei Tage vor der Schule gestanden haben soll. Beslaner, denen die Sache verdächtig vorkam, sollen das der Polizei gemeldet haben. Reaktion: keine. Der Wagen, so die gängige Version, sei aus dem Goldenen Dreieck gekommen. So heißt hier eine wenig befahrene Landstraße, die durch eine fast menschenleere Gegend an der Grenze zu Inguschetien führt. Eben diese Route nimmt auch das Öl aus Tschetschenien, illegal gefördert, das Straßenhändler im ganzen Kaukasus verscherbeln. Moskaus Soldaten würden den Schmuggel dulden und kräftig mitverdienen. Deshalb, so hört man, stünden auch keine Militärposten an dieser Strecke.

„Oder haben Sie schon mal gehört, dass in Tschetschenien, wo täglich noch immer drei bis vier russische Soldaten von den Rebellen massakriert werden, je ein Tanklaster in die Luft ging? Ich nicht“, sagt ein Ingusche, der seinen Namen nicht nennen will. Das Tor seines Hauses am Stadtrand von Wladikawkas ist fest verrammelt, der Mann gehört zu jenen 50000, die im Oktober 1992 von hier flüchten mussten, als Osseten und Inguschen sich wegen dieses Landstrichs bekriegten. Nach fünf Jahren in Inguschetien ist er in sein Haus zurückgekehrt. Der Mann spricht von Pogromen, die sich jetzt wiederholen könnten: Die meisten Geiselnehmer sollen Inguschen gewesen sein, schon am ersten Abend nach dem Geiseldrama, sagt er, habe es in der Nähe von Beslan „tätliche Auseinandersetzungen“ zwischen den Volksgruppen gegeben. „Überall im Nordkaukasus knistert es.“

Auf Putin lässt er dennoch nichts kommen. Höchstens, dass dem immer wieder Missgriffe bei der Auswahl seiner Reichsverweser für die Region passieren. „Hier muss ein Mann her, der auch bereit ist, den Kaukasus zu lieben.“ Und dann will der Mann, dem ein Bestattungsunternehmen gehört, nicht mehr diskutieren, er will nur noch schlafen. Heute haben sie 192 Leichen begraben. Morgen ist wieder ein schwerer Tag. Und übermorgen auch.

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