IS-Kämpfer auf dem Weg nach Europa : Türkei als Drehkreuz der Terroristen

In der Türkei wurde ein mutmaßlicher Helfer der Täter von Paris gefasst. Doch viele IS-Anhänger bleiben auf ihrem Weg nach Europa unerkannt. Welche Rolle spielt das Land bei der Logistik des IS?

Ende der Reise. Türkische Soldaten nehmen auf diesem Archivfoto vom Juni in Akçakale an der türkisch-syrischen Grenze mutmaßliche IS-Anhänger fest.
Ende der Reise. Türkische Soldaten nehmen auf diesem Archivfoto vom Juni in Akçakale an der türkisch-syrischen Grenze mutmaßliche...Foto: Bulent Kilic/AFP

Die scharfen Sicherheitsvorkehrungen rund um den G-20-Gipfel im südtürkischen Antalya vergangene Woche haben einen unerwarteten Nebeneffekt gehabt. Wie erst jetzt bekannt wurde, brachte eine Straßenkontrolle die türkische Polizei auf die Fährte eines mutmaßliche Extremisten des „Islamischen Staates“ (IS), der zu den Helfern der Attentäter von Paris gehört haben soll. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den Pendelverkehr von IS-Mitgliedern zwischen Europa und Syrien – mit der Türkei als Hauptknotenpunkt.

Was ist in Antalya geschehen?

Am vergangenen Montag stoppten türkische Polizisten einen Wagen mit zwei syrischen Insassen, die den gefälschten Pass eines dritten Mannes bei sich hatten. Durch ein Verhör und durch die Untersuchung der Textnachrichten auf den Handys der Verdächtigen erfuhren die Beamten, dass die beiden Syrer eine Art Willkommensdelegation für einen aus Europa angereisten Islamisten darstellten: Sie wollten den 26-jährigen Ahmad Dahmani, einen Belgier marokkanischer Abstammung, in Antalya abholen und nach Syrien geleiten. Dahmani wurde wenig später in einem Luxushotel gefasst. Er soll mit den Attentätern von Paris in Kontakt gestanden gestanden haben; in einigen Medien wird er als Tatort-Kundschafter der Terroristen bezeichnet. Dahmani reiste einen Tag nach dem Massaker von Amsterdam aus in die Türkei. Inzwischen sitzen er und die beiden Syrer in Untersuchungshaft. Frankreich soll die Auslieferung des Belgiers beantragt haben.

Was weiß man über die Routen der IS-Mitglieder?

Nicht nur Dahmani machte sich die Reisefreiheit für Europäer in der Türkei zunutze. Der französische IS-Extremist Omer Ismail Mostefei, einer der Selbstmordattentäter von Paris, reiste nach Angaben der Regierung in Ankara vor zwei Jahren in die Türkei ein und später wieder nach Europa. IS-Mitglieder wie Dahmani und Mostefei können mit ihren EU-Pässen bequem mit dem Flugzeug zwischen Europa und der Türkei pendeln. Antalya gehört zu den häufigen Zielen von IS-Kämpfern, die hoffen, in der Anonymität der jährlich rund zwölf Millionen Urlauber unentdeckt zu bleiben. Zwar liegt Antalya rund 500 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, doch meiden IS-Mitglieder wegen der Polizeiüberwachung türkische Flughäfen in Grenznähe.

Auch der Landweg wird benutzt: Im März 2014 gerieten der Deutsche Benjamin Xu, der Schweizer Cendrim Ramadi und der Mazedonier Mohammed Zakiri mit ihrem Wagen in Zentralanatolien in eine Straßenkontrolle der Polizei. Das Trio war auf dem Rückweg von Syrien nach Europa. An der Sperre eröffneten die IS-Mitglieder das Feuer und töteten drei Menschen. Sie stehen derzeit vor Gericht.

Andere IS-Extremisten mischen sich unter die syrischen Flüchtlinge, die zu Tausenden über die Ägäis nach Griechenland fahren. Nach französischen Angaben gelangten zwei Attentäter von Paris über die Türkei und Griechenland nach Frankreich. Ihre Reise wurde anhand der Fingerabdrücke nachgezeichnet, die ihnen bei der Ankunft in Griechenland abgenommen worden waren.

Wie viele gewaltbereite Islamisten sind auf dem Weg?

Die türkischen Behörden haben nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren mehrere tausend mutmaßliche IS-Sympathisanten aus dem Ausland abgefangen. Allein in den vergangenen Wochen wurden fast 50 Marokkaner, die auf dem Weg nach Syrien per Flugzeug in Istanbul ankamen, wieder nach Hause geschickt.

Nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière sind bisher 760 Bundesbürger nach Syrien oder in den Irak gereist, um sich dem IS anzuschließen. Etwa ein Drittel sei wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt, sagte er der „Bild am Sonntag“. Der US-Geheimdienst CIA schätzte 2014, dass Ausländer rund die Hälfte der insgesamt etwa 30 000 IS-Kämpfer stellen. Aus Frankreich sollen mehr als 1000 Extremisten zum IS nach Syrien gereist sein; der russische Präsident Wladimir Putin beziffert die Zahl der IS-Mitglieder aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion auf 4000.

Gehen die Türkei und die EU entschlossen genug gegen die Terroristen-Reisen vor?

Aus türkischen Regierungskreisen verlautete am Wochenende, derzeit stünden die Namen von 26 600 Menschen auf einer schwarzen Liste von Terrorverdächtigen, denen automatisch die Einreise verweigert wird. Die allermeisten Namen stammen von den Behörden jener Länder, aus denen die Verdächtigen stammen. Doch reibungslos verläuft die Zusammenarbeit keineswegs. Immer wieder wirft die Türkei ihren europäischen Partnern vor, zu wenig oder zu spät über die Reisen mutmaßlicher IS-Mitglieder zu informieren. So hatte die Polizei in Antalya keinen Hinweis aus Belgien auf den mutmaßlichen Terrorhelfer Dahmani erhalten. Auch im Fall des IS-Attentäters Mostefei war in türkischen Regierungskreisen von einer „massiven Sicherheitspanne“ der Franzosen die Rede. Allerdings wissen die europäischen Sicherheitsbehörden häufig nicht, dass sich Verdächtige Richtung Türkei abgesetzt haben. So kann ein deutscher IS-Anhänger ohne Grenzkontrollen nach Amsterdam, Brüssel oder Paris reisen und von dort aus nach Istanbul oder Antalya fliegen.

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