Zeitung Heute : Isabella Der Mann hinter… Rossellini

Der Vater spielte Straßenlärm vom Tonband ab. Sie hat deswegen nie einen Führerschein gemacht.

Ulf Lippitz

Mein Vater bedauerte immer, dass er uns Kinder nicht stillen konnte.“ Isabella Rossellini lacht ein helles, lustiges Klimperlachen. Sie sitzt bei einem Glas Wasser in Frankfurt, sie schluckt eine Tablette. Ihr Haar ist perfekt frisiert – pechschwarz, kurz, glatt, strenger Seitenscheitel. Sie kann ihre Frisur tragen, wie sie will, jeder sucht nicht den Vater in ihrem Gesicht, sondern die Mutter: Ingrid Bergman.

Roberto Rossellini, der Vater, trifft die schwedische Hollywood-Schauspielerin, als er bereits über 40 Jahre alt ist. Der 1906 geborene Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie beginnt in den 30er Jahren, Filme zu machen, nach dem Ende des Faschismus entwickelt er einen nüchternen Stil, der als Neorealismus die Filmwelt beeinflusst. In „Rom, offene Stadt“ erzählt er bereits kurz nach Ende des Krieges von der deutschen Besatzung, Ingrid Bergman sieht den Film drei Jahre später in Hollywood und telegrafiert umgehend an Rossellini: „Wenn Sie mal eine Schauspielerin brauchen, bin ich bereit, einen Film mit ihnen zu machen.“

Bergman ist mit 33 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, nach Kassenschlagern wie „Casablanca“ und Hitchcocks „Berüchtigt“. Bis Rossellini sie 1949 für „Stromboli“ nach Italien holt. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre – ein Skandal. Der Grund: Sie ist verheiratet, er lebt mit der Schauspielerin Anna Magnani zusammen. Hollywood löst alle Verträge auf, nach Blitzscheidung und -hochzeit wird 1950 ein Sohn geboren, zwei Jahre später kommen die Zwillinge Isabella und Isotta in Rom zur Welt.

Roberto Rossellini verbringt seine Tage im Bett, erledigt dort Anrufe und schreibt auch seine Drehbücher in der Horizontalen. So prägt der dickliche Regisseur Isabella Rossellinis Männerbild. Die Italienerin, die heute mit zwei Kindern in Manhattan lebt, gibt zu, dass Männer mit Muskeln sie nie beeindruckten – ihr Herz schenkte sie den verschrobenen Typen.

So einem wie zum Beispiel Martin Scorsese. Mit dem Regisseur ist sie von 1979 bis 1983 verheiratet. Der verehrt seinen Schwiegervater, aber aus kritischer Distanz. Isabella Rossellini erinnert sich, wie sie eine Kamerafahrt Scorseses beobachtet, senkrecht von oben herab auf den Kopf der Figur – und denkt: wie unmoralisch. Denn nichts verachtet der Vater so sehr wie Kameraschwenks oder unnatürliche Perspektiven.

Isabella Rossellini hat ihr Erbe schon immer verteidigt. Doch jetzt veröffentlicht das frühere Model ein Buch und einen Kurzfilm über ihren Vater Roberto, einen der wichtigsten Regisseure der Nachkriegszeit. Sie ehrt ihn als liebevollen Vater und Genießer. „Mein Vater war nicht dick“, zitiert die 53-Jährige aus ihrem Buch. „Er war kräftig.“ So kräftig, dass sie beschließt, ihn in ihrem Kurzfilm als gigantischen Bauch darzustellen. Die Tochter will – vor dem 100. Geburtstag des Vaters, der 2006 ansteht – das Interesse für seine Filme neu entfachen. In ihrem Buch „Im Namen des Vaters, der Tochter und der heiligen Geister“ fordert sie eine Digitalisierung des Zelluloid-Materials.

Isabelle Rossellini erzählt, wie sich der Vater stundenlang streiten kann. „Nur wenn er in seinen Ferrari stieg, hat er sich beruhigt.“ Er habe sich sogar für das Geräusch vorbeirasender Autos begeistert. So sehr, dass er in seinem römischen Zuhause Tonbänder mit Straßenlärm als Hintergrundmusik laufen ließ. Seine Tochter rollt mit den braunen Augen. Sie hasst die Geräuschkulisse, heute noch. Sie hat deshalb nie einen Führerschein gemacht.

Neun Jahre hält die Ehe ihrer Eltern, Isabella bleibt in Rom, wo sie mit 18 Jahren für ihren Vater als Kostümbildnerin arbeitet. Es sind Fernsehfilme; für Rossellinis realistischen Stil rücken die Filmproduzenten Anfang der 70er Jahre keine Lira mehr heraus. Die Menschen wollen Träume sehen, so wie Federico Fellini sie inszeniert – ein ehemaliger Schüler von Rossellini.

Eine große Ehrung erhält er noch. Rossellini steht im Mai 1977 der Jury auf dem Filmfestival in Cannes vor. Isabella Rossellini lebt bereits in New York, sie studiert seit 1972 Englisch und gibt Italienisch-Unterricht. Hier erfährt sie vom Tod des Vaters, zwei Monate nach Cannes. „Das Datum ist für mich eine Zeitenwende“, sagt sie.

Denn erst nach dem Tod des Vaters beginnt ihre eigene Karriere: Sie wird Fotomodell, dann Schauspielerin. Berühmt wird sie 1986 als Nachtclub-Sängerin in David Lynchs Thriller „Blue Velvet“ – und dank der Werbeverträge mit Lancome. Von 1982 bis 1995 erhält sie vier Millionen Dollar pro Jahr. Als der Vertrag nicht verlängert wird, helfen ihr imaginäre Zwiegespräche mit dem Vater. „Willst du dich beklagen, dass die Millionen ausbleiben, habe er gefragt“, erzählt sie. Roberto Rossellini hält Reichtum sein Leben lang für ein Verbrechen. Als er 1977 stirbt, hinterlässt er 200 Dollar.

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