Zeitung Heute : Isergebirge: Am böhmischen Polarkreis

André Micklitza

Der Sturm rüttelt an Türen und Fenstern, als wolle er das gesamte Haus forttragen. "Das Misthaus steht nachweislich seit 1769. Ein solcher Schaden ist bisher nicht überliefert", beruhigt Gastgeber Gustav Ginzel schmunzelnd die Gemüter. Die Zweifel noch nicht ganz ausgeräumt, kriechen die Besucher in ihre Schlafsäcke. Das muss hier eine ganz besonders warme Tüte sein, denn im ungeheizten Dachboden können die Temperaturen schon mal bis auf minus 20 Grad Celsius fallen. Frühmorgens dann der Blick nach draußen: Straße und Autos sind unter einer dicken Schneedecke begraben. "Bis der Schneepflug durchkommt, können Tage vergehen", meint Gustav. Die Skiläufer jedoch frohlocken angesichts der weißen Pracht. An diesem klirrend kalten, glasklaren Wintertag werden gleich die Bretter angeschnallt.

Das Isergebirge, dem bekannteren Riesengebirge westlich vorgelagert, ist für seine Schneesicherheit bekannt. Langsam, fast im Schritttempo zuckelte tags zuvor die Regionalbahn von Liberec (Reichenberg) über Tanvald (Tannwald) und durch zahlreiche Tunnel nach Korenov (Wurzelsdorf) hinauf. Weiter nach Jizerka (Klein-Iser), dem höchstgelegenen Wohnplatz im Isergebirge, kommen Bahnreisende nur zu Fuß oder per Ski. Die kleinen Strapazen des Aufstiegs mit Gepäck auf dem Rücken sind für die meisten Leute heute schon zu viel: Man fährt mit dem Auto.

Die Isermagistrale auf dem böhmischen Hauptkamm wird auf etwa 35 Kilometern Länge gespurt. Nach knapp zehn Kilometern Loipe lässt sich der spitzförmige Buchberg (Bukovec) sehen. Der ehemalige Vulkan aus dem Tertiär ist heute ein bedeutsames Naturschutzgebiet, dank seiner reichen Flora auch als "Garten des Isergebirges" bekannt. Wenn der Schnee alles zudeckt, ist davon freilich nichts zu sehen. Von der "Gürtellinie" des Buchberges ist bereits die Streusiedlung Klein-Iser auszumachen. Noch eine langgestreckte Abfahrt, dann ist das Nachtquartier erreicht. Der Schnee türmt sich beiderseits der Straße auf. Das Klima, etwa 800 Meter über dem Meeresspiegel, ist hart und durchaus mit den Verhältnissen jenseits des Polarkreises zu vergleichen. Nur sechs ständige Einwohner leben hier.

Die ausgedehnten Hochflächen erinnern an Nordskandinavien. Der Vorteil am "böhmischen Polarkreis": Gemütliche Bergbauden existieren oft im Stundenabstand an der Strecke. Und wem der eisige Wind zu heftig in die Nase kneift, der ist nach einer Abfahrt schnell wieder im Tal. Klein-Iser hat eine interessante Vergangenheit: Im 15. Jahrhundert betrieben Vogelsteller ihr Handwerk und lieferten die Beute zumeist in der Friedländer Schlossküche ab. Später kamen Glücksritter aus ganz Europa, um Gold- und Edelsteine zu suchen. Man fand damals einige Goldplättchen, aber vor allem die schon legendären blauen Saphire und schwarzen Iserine. Die blauen Saphire waren klein, maßen kaum einen Zentimeter. Doch der Eindruck, ein Stückchen blauen Himmels zu besitzen, verhalf den Steinen zu Berühmtheit.

Heute kommt man her, um Gustav Ginzel und sein Misthaus kennen zu lernen. Der weltbekannte Globetrotter erzählt: "Im November 1963 fuhr ich nach Klein-Iser. Gleich das erste Haus Nummer 8 gefiel mir. Am Fußboden lag ein Meter hoch Kuhmist. Das Haus war nicht besonders schön, aber es versprach billig zu werden. Später wurde der Mist als Dünger verkauft und brachte mehr ein, als das Haus gekostet hatte." Das betagte Gebäude ist im August 1995 abgebrannt und mit ihm eine Sammlung von Mitbringseln und Kuriositäten aus aller Welt. Viele Freunde und Aufbauhelfer trugen dazu bei, dass im Sommer 1996 ein neues Misthaus nach altem Vorbild entstand. In der warmen Stube werden wieder Neuigkeiten aus aller Welt ausgetauscht ...

Es geht zügig voran, die Doppelloipe ist gut präpariert. Am Wochenende sind auch viele Einheimische unterwegs, oft mit der ganzen Familie. Die Strecke ist populär. Alljährlich Mitte Februar findet hier der 50 Kilometer-Skimarathon "Jizerská padesátka" statt. Er ist dem Gedenken an die im Mai 1970 bei einem Erdbeben in Peru verunglückten 16 tschechoslowakischen Bergsteiger gewidmet. Auch Gustav erzählte davon: "Ich wollte damals mit dabei sein, bekam aber kein Visum. Diesem Umstand verdanke ich wahrscheinlich mein Leben". Die Toten wurden nie gefunden. Im Wittighaus (Smedava) herrscht Hochbetrieb. Die Baude, auf einem Bergsattel gelegen, ist auch mit dem Auto zu erreichen. Viele Einkehrer verlangen nach einem Eisbecher, statt einem kühlen Pils vom Fass. Schließlich ist die Baude für ihre riesigen Sahneeisbecher bekannt, manche Ausflügler kommen deswegen extra aus dem Sächsischen in die Berge. Abseits der Bergbauden bleibt es still. Der Schnee dämpft alle Geräusche. Erst nach Stunden treffen sich Skiläufer aus allen Himmelsrichtungen in einer ungewöhnlichen Gaststube wieder. Die befindet sich in einem Schloss in Nová Louka (Neuwiese): Es ist das einzige Umgebindeschloss der Welt. Diese geniale Konstruktion verbindet die Vorteile von Fachwerk- und Blockhausbau miteinander. Tschechische Politiker nutzten das Gebäude in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als Urlaubsdomizil. Heute dient es wieder dem Wohl der Touristen und Ausflügler. Abwechselnd auf verschneiten Waldwegen und Forststraßen ist auch die nächste Siedlung Bedrichov (Friedrichswald) schnell erreicht. Hier gilt der Aussichtsturm auf der Königshöhe (Královka) mit Baude als beliebter Ausflugsort. Um die Jahrhundertwende entstanden im Raum Reichenberg insgesamt 26 Aussichtstürme, bis heute haben elf überdauert. Diese Turmdichte auf solch engem Raum ist auch im europäischen Maßstab ohne Konkurrenz.

Die wärmende Mittagssonne hat am Schnee geleckt, die Nachtkälte ihn wieder gefrieren lassen. Trotz aller Vorsicht rutscht es sich schneller als gewünscht ins Tal.

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