Zeitung Heute : Islam in Deutschland: Warum ist Mustafa Fundamentalist geworden?

Nicol Ljubic

Die letzte Begegnung mit Mustafa Güngör liegt sechs Jahre zurück. Damals war er 17, und er bezeichnete sich selbst als Fundamentalisten. Er sagte, er sei ein Fundamentalist, wie jeder Muslim, der an den Koran glaube, einer sei. Denn der Koran sei das Fundament für seinen Glauben. Und dass er sich bewusst so bezeichne, um zu zeigen, dass nicht jeder Fundamentalist ein Terrorist sei.

Damals, in dem Gespräch, ging es um die Erfahrungen, die er als junger Muslim in Deutschland gemacht hatte; mit 17 hatte er sich längst entschieden, nach dem Koran zu leben, und schon damals musste er sich dafür verteidigen, in langen Diskussionen in Gemeinschaftskunde oder wenn er auf das Rauchen und Trinken verzichtete, während sich seine Schulfreunde auf Feten betranken, wenn er die drei Tage zum Ende des Ramadan feiern wollte und statt dessen zur Schule musste. Er ärgerte sich über einen Lehrer, der sich über die Hadschi lustig machte, diejenigen, die nach Mekka pilgern, wie es der Islam von jedem Muslim fordert. Hatschi!, sagte der Lehrer. Auf die Frage, ob es schwierig sei, als gläubiger Muslim in Deutschland zu leben, sagte Mustafa: "Was mir das Leben schwer macht, sind die Vorurteile."

Es ist nicht schwer, Mustafa nach sechs Jahren zu finden. Er wohnt noch in derselben Wohnung in Bremen, immer noch bei seinen Eltern. Er hat dasselbe kleine Zimmer mit Auszieh-Sofa, und auch er selbst hat sich kaum verändert; ein wenig dicker ist er geworden, sein Gesicht etwas runder, die schwarzen Haare sind mit Gel gescheitelt, und gekleidet ist er in Hemd und Sakko. Er ist 23, studiert Politik im achten Semester und hat eine Halbtagsstelle bei der Bremer SPD. Anfangs ist er unsicher, ob er, nach dem, was am 11. September geschehen ist, über sich und seinen Glauben reden sollte, schließlich kann man derzeit vieles falsch verstehen. Nach den Anschlägen in den USA ist das Misstrauen gewachsen zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen.

Neue Brisanz

Zum Wiedersehen bringt Mustafa einen Kollegen mit, Helmut Hafner, dem er vertraut, und der dem Bremer Bürgermeister als Berater in religiösen Angelegenheiten zur Seite steht. Er spricht Mustafa eine wichtige Rolle zu, sagt, er sei eine von fünf Personen, auf denen das dünne Fundament der Zusammenarbeit mit den muslimischen Gemeinden in Bremen stehe. Das Thema "Muslime in Deutschland" habe eine neue Brisanz, sagt er, und dass der politische Druck zugenommen habe. Auch deshalb tourt Bürgermeister Henning Scherf zurzeit durch die muslimischen Moscheen, um den Dialog zu fördern.

An diesem Nachmittag fährt Mustafa mit dem Bürgermeister zur Kuba-Moschee, in der Mustafa groß wurde und in der sein Vater auch mal Vorsitzender war. Sie gehört zu Milli Görüs, einer islamischen Gemeinschaft, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Er wirft Milli Görüs vor, auf die Anschläge in den USA nach außen mit Betroffenheit zu reagieren, im inneren Zirkel aber unverhohlen Freude zu zeigen.

Die beiden, Mustafa und Scherf, kennen sich mittlerweile. "Der Henning", sagt Mustafa, wenn er vom Bürgermeister redet. Ein wenig Stolz glaubt man zu erkennen, in der Art, wie er sein großes Filofax unterm Arm trägt, zwischendurch telefoniert und dem Bürgermeister mit kleinen Gesten den Weg weist. Mustafa fühlt sich zu politischem Engagement berufen. Und dass er sich dafür die SPD ausgesucht hat, liege daran, dass deren Ziele - Freiheit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit - seinen Idealen entsprächen. Und im ersten Moment denkt man: Dass gerade Freiheit nicht zu einem Fundamentalisten passt, der doch die Freiheit, wie es scheint, seinem Gott opfert.

Auf der Fahrt zur Moschee sagt Henning Scherf: Mustafa sei ein Glücksfall, man brauche junge Menschen wie ihn. Gebildet, in Deutschland geboren, seien sie die Hoffnung auf ein Miteinander. Einer wie Mustafa könnte den Zugang zu religiösen Muslimen ermöglichen, den man bislang nicht hatte. Aber nach dem 11. September kann selbst das Zweifel wecken: Dass jemand gebildet ist. Schließlich weiß man von Mohamed Atta, einem der mutmaßlichen Terroristen, dass auch er studiert und jahrelang in der hiesigen Gesellschaft gelebt hat.

In die Kuba-Moschee sind nur Männer gekommen, alte, mit Kopfbedeckung, für die Mustafa das Gesagte ins Türkische übersetzen muss, junge Männer und Kinder, die ihre Stühle räumen, wenn ein Älterer in den Raum kommt. Tee wird serviert, und manche verrühren den vielen Zucker in ihren Gläsern, während sie zuhören. Einer erzählt, er sei nach dem 11. September beim Arzt gewesen. Der habe ihn gefragt, ob er Muslim sei und dann: "Warum habt ihr das getan?". "Wo soll das hinführen", fragt der Mann aus der Moschee, "wenn selbst Ärzte so denken?"

Mustafa kennt dieses Misstrauen, es schlägt ihm seit seiner Schulzeit entgegen, und nach den Attentaten in den USA mehr denn je. Vielleicht lässt sich mit dieser Erfahrung auch erklären, warum er religiöser Muslim geworden ist. Dieses Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen für den Glauben führt bei den einen zu Resignation, bei den anderen zu Identifikation. Je mehr Mustafa mit Auseinandersetzungen konfrontiert war, desto mehr las er über den Islam, er ließ sich von Hodschas, von Geistlichen, unterrichten und wurde sich seines Glaubens immer sicherer. Was dieser Glauben für ihn bedeutet? "Dass ich mir immer wieder die Frage stelle: Was kann ich für die Gemeinschaft tun? Und dass ich etwas tue, ohne eine Gegenleistung zu erwarten." Es ist diese Frage, die er sich auch beim Beten immer wieder stellt.

Beten. Er weiß noch genau, wie er Kind war und ihn sein Vater in die Moschee mitnahm. Oder als er mit 14 Jahren zum ersten Mal den Vorbeter machte. Diese Aufregung vorher, wie bei einem Theaterauftritt, die dann beim ersten Gebet verschwunden war. Als hätte ihn jemand beruhigt. Jemand, den man nicht sehen, nur spüren kann. Oder heute noch beim Frühmorgen-Gebet, wenn es draußen dunkel ist und eine vollkommene Ruhe herrscht. "Solche Momente", sagt Mustafa, "binden stark."

Mustafa sitzt neben dem Bürgermeister und übersetzt. Ohne ihn liefe nichts, Mustafa ist die Schnittstelle. Und ihm gefällt diese Rolle, das merkt man daran, wie gewissenhaft er übersetzt, sich Notizen macht und mit klarer Stimme vor diesen vielen Menschen redet, von denen die meisten wesentlich älter sind als er selbst. Sie alle kennen Mustafa. Es ist diese Gemeinde, die sein Leben mitbestimmt hat, und man ist stolz auf ihn: ihr Mustafa an der Seite des Bürgermeisters.

Vor sechs Jahren war Mustafa in der Kuba-Moschee noch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Der "Spiegel" schrieb damals, Milli Görüs rekrutiere junge Türken und treibe sie in die Fänge der türkischen Wohlfahrtspartei Refah, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Staates in der Türkei nach der Scharia gewesen sei, weswegen sie später verboten wurde. In Deutschland, so schrieb der "Spiegel", lebten die Milli-Görüs-Anhänger in einer Parallelgesellschaft, in der sie ihre eigenen Läden hielten, eigene Sportvereine, Teestuben. Eine Gesellschaft, in der sie lebten, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.

Mustafa aber sprach schon als kleines Kind Deutsch und führte auch ein Leben außerhalb der türkischen Gemeinde, mit deutschen Freunden, in einer deutschen Schule und im deutschen Sportverein. Nebenbei half Mustafa bei Milli Görüs beim Organisieren von Jugendveranstaltungenund Fußballturnieren, die, wie er sagte, im Rahmen der islamischen Regeln stattfanden. Was man sich darunter vorstellen müsste? Treffen, die dazu dienten, junge Muslime zu rekrutieren? Es seien ganz normale Veranstaltungen, sagte Mustafa. Der Unterschied sei, dass Fußballspiele unterbrochen würden, um zu beten. Dass es Ansprachen gebe, in denen aufgefordert werde, fair zu spielen - im Geiste des Islam.

"Ich komme hierher", sagt Henning Scherf zu den Gläubigen in der Kuba-Moschee, "weil ich hier gute Freunde habe." Und: "Es soll jeder sehen, dass ich hier bin." Und dass er die Ansicht des Orientexperten Udo Steinbach teile, dass bei Milli Görüs zunehmend die Jungen das Sagen hätten, Menschen, die in Deutschland geboren und die sich von den Ursprüngen der ehemaligen türkischen Wohlfahrtspartei lösten.

Mustafa Güngör gehört zur dieser zweiten Generation, mit der man, wie Bürgermeister Scherf sagt, fair umgehen müsse. Mustafa ist in Bremen geboren und hat dort Abitur gemacht. Sein Vater kam 1970 aus Ankara nach Bremen, als einer von vielen Gastarbeitern. Er hat als Schweißer gearbeitet, bis ihm vor kurzem gekündigt wurde. Mustafa ist der Jüngste von vier Geschwistern und der Einzige, der in Deutschland geblieben ist. Weil es für ihn selbstverständlich war, dass er bleibt. Die drei anderen leben in der Türkei. Mustafa sagt, dass die Beobachtungen des Verfassungsschutzes vielleicht auf die erste Generation der Milli-Görüs-Anhänger zuträfen, aber nicht auf seine. Die, mit denen er zu tun habe, seien klug und aufgeschlossen. Und statt sie zu beobachten, sollte man lieber das Gespräch mit ihnen suchen.

Aber was ist mit den Vorwürfen, dass es antisemitische und kämpferische Predigten gebe? Dass viele einen islamischen Staat wollen? Es gebe Ausreißer, sagt Mustafa Güngör, wie überall auf der Welt.

Einige in der SPD wird das nicht überzeugen. Es gibt türkische Sozialdemokraten, die sich seit 20 Jahren politisch engagieren. Viele von ihnen sind Atheisten, Aleviten - eine eigene, in der Türkei beheimatete Glaubensrichtung - oder politische Linke, die eine Trennung von Staat und Religion fordern und in jungen Leuten wie Mustafa eine Gefahr sehen, auch wenn sie es so offen nicht sagen. Emir Senal, Vorsitzender des Arbeitskreises der türkischen Sozialdemokraten in Bremen, ist zurückhaltend. Seit dem 11. September werde viel diskutiert über Islam und Terrorismus, sagt er. Ob es Mitglieder in der SPD gebe, die Islamisten sind, wisse er nicht, das werde sich jetzt zeigen. Es klingt besorgt. Vielleicht sieht er sich aber auch innerparteilich in Konkurrenz zu Mustafa. Denn Milli Görüs ist laut Verfassungsschutz die "stärkste islamistische Organisation" in Deutschland: mit rund 27 000 Mitgliedern und über 100 000 Anhängern. 20 Prozent der zwei Millionen Türken in Deutschland, so schätzte der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir, sympathisieren mit Milli Görüs. Ihnen stehen Menschen wie Mustafa näher als viele der türkischen Sozialdemokraten, denen ein strenggläubiger Muslim eher suspekt ist.

Fünfmal am Tag muss Mustafa beten, dafür braucht er einen Raum und Ruhe, muss sich vorher einer Waschung unterziehen: Gesicht, Hände, Füße, Arme und den Mund ausspülen. An Tagen wie dem heutigen, an denen er unterwegs ist, holt er die versäumten Gebetszeiten abends nach. Er ist Vegetarier geworden, weil er sich nie ganz sicher sein kann, dass in der Rindswurst nicht doch Schwein verarbeitet ist. Und natürlich der Alkohol, auf den er verzichtet, wie auf jegliche Form von Rauschmitteln. Erst gestern hatte ihm jemand eine Schokolade mit Rum angeboten. Er hat sie nicht angerührt.

Mit der Spaßgesellschaft hat er seine Erfahrungen gemacht, früher, in der Schule, als sich die anderen auf die Freitagabende freuten, um in die Disco zu gehen. "Nur Spaß haben", sagt Mustafa, "das kann doch nicht alles sein." Dass den Menschen, die nur für Konsum und Karriere lebten, die positive Lebenseinstellung fehle. Die sollten sich lieber öfter fragen: Warum bin ich da? Was ist mein Beitrag für die Gemeinschaft? Er selbst findet zwar Gefallen an technischen Neuerungen wie Handy oder Notebook, aber der Konsum, sagt er, dürfe nicht das Leben bestimmen. Als Mustafa vor Jahren zur Bank ging und statt eines Sparbuchs lieber ein Girokonto wollte, weil einem Moslem die Zinsen verwehrt sind, hätten die nur "doof geguckt", sagt er. Und wenn er ins Schwimmbad geht, dann trägt er Badeshorts, die seinen Körper von den Knien bis zum Bauchnabel verdecken. Aber er sei schon lange nicht mehr schwimmen gewesen, sagt er. Zur Schulzeit das letzte Mal, da hatte er auch noch Leistungssport betrieben: Taekwondo. Nach dem 11. September macht sogar das misstrauisch: Wieso Kampfsport? Und man vermutet einen Hintergedanken, wenn ein Muslim Kampfsport lernt. So weit ist es gekommen.

Zufriedenheit durch den Glauben

Man fragt sich, wieso ein junger Mann solche Entbehrungen in Kauf nimmt: Kein Alkohol, kein Hasch, kein Sex vor der Ehe. Wieso verzichtet er für seinen Glauben auf alles, was man mit Spaß in Verbindung bringt? "Ich sehe es nicht als Spaß an, mich zu besaufen", sagt Mustafa. Und dass die Ehe irgendetwas Besonderes behalten müsse, das man sich nicht schon vorher nehmen sollte. Und er sieht auch keinen Reiz darin, mehrere Frauen zu heiraten. Er sei froh, sagt er, wenn er mit einer zurechtkäme. "Ich liebe meine Religion", sagt er. Sie gebe ihm Wärme, innere Ruhe und Frieden. Für Juden ist der Sabbat der Ruhetag. Und er, er habe jeden Tag fünf kurze Sabbats, sagt er. Wie soll man in Worte fassen, warum jemand an Gott glaubt? Die Antwort ist meist: die Kraft, die er durch den Glauben erhält. Mustafa sagt: Zufriedenheit. Vielleicht Ausgeglichenheit. Und das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Gemeinschaft beim Freitags-Gebet. Die rituelle Handlung: das Aufstehen, Niederknien, Schulter an Schulter. Das seien Momente, sagt er, in denen man die Unterschiede vergesse. In denen Gerechtigkeit herrsche, weil alle gleich seien. Und vielleicht ist es auch der Ort, an dem er verstanden wird und sich nicht erklären muss. Oder das Gefühl hat, sich erklären zu müssen. Besonders nach dem 11. September.

An jenem Tag saß Mustafa im Büro, ein Freund eilte in sein Zimmer und sagte, zwei Flugzeuge seien in das World Trade Center gestürzt. Als er abends im Fernsehen die Bilder sah, erinnerte er sich sofort an seine schlimmste Nacht. Der 17. August 1999 in Istanbul, drei Uhr morgens, als er zu Besuch bei seiner Schwester war, im fünften Stock, mit seinem Neffen im Doppelbett lag, plötzlich die Wände bebten und der Neffe rief: "Onkel, Onkel, was ist das?" Und die Familie aus dem Häuserblock stürzte. Diese Stille draußen, an die er sich erinnert, Tausende von Menschen, viele im Pyjama, der Weltuntergang, der sich später als schweres Erdbeben herausstellte mit Tausenden von Toten. Auf diese Art, sagt er, konnte er für sich nachempfinden, was in New York geschehen war. Und nach dem ersten Schreck dann der Gedanke: Es waren Muslime - du bist Muslim. Aber eigentlich hat sich nicht viel verändert; er habe sich längst an das Gefühl gewöhnt, sagt er, sich für seinen Glauben entschuldigen zu müssen. Früher dafür, dass Frauen keine Rechte hätten. Heute auch noch für die Attentäter. Warum muss er sich eigentlich entschuldigen? Frauen, die Kopftuch trügen, respektiere er. Natürlich. Aber auch diejenigen, die sich dagegen entschieden. Die Attentäter verabscheut er. Nie und nimmer legitimiere der Koran eine solche Tat, sagt er. Und dass Osama bin Laden nicht für den Islam sprechen könne.

Mustafa hat bin Ladens Rede im Fernsehen verfolgt, am Abend, an dem die Militärschläge auf Afghanistan begannen, zusammen mit seinen Eltern. Und gesprochen haben sie darüber, aber was genau, daran erinnert er sich nicht mehr. Über Flüchtlinge hätten sie geredet, dass es den Menschen in Afghanistan schlecht gehe, und er fügt hinzu: wie an so vielen anderen Plätzen der Welt auch. Als habe er das Gefühl, man könne ihm einen Vorwurf machen. Weil er sich um die Menschen in Afghanistan sorgt und damit eine Kritik an den Militärschlägen äußern könnte. Es fällt auf, dass Mustafa immer versucht zu relativieren. Dass er Sätze sagt wie: Es gibt Ausreißer, wie überall auf der Welt. Und man fragt sich, ob er in der Politik gelernt hat, so zu reden, stets abwägend, kaum angreifbar, als habe er Angst zu provozieren. Vielleicht ist es aber auch die Folge seiner Erfahrungen, die er gemacht hat, die viel auf Misstrauen beruhen. Und dass er niemandem einen Grund liefern will, misstrauisch zu werden. Von einem in Deutschland geborenen Muslim erwarten viele gerade jetzt, dass er hinter der amerikanischen Politik steht, und zwar uneingeschränkt. Er soll beweisen, dass er nichts zu tun hat mit den Attentätern, dass er nicht mit ihnen sympathisiert. Er, so scheint es, muss andere von seiner Unschuld überzeugen. Und so will man von ihm wissen, ob er sich einmischen würde, wenn er mitbekommt, dass sich andere über die Attentate freuen. "Natürlich würde ich mich einmischen", sagt Mustafa, "und ganz klar in Frage stellen, was die sagen. Ich würde nicht sofort empört protestieren, sondern mit ihnen diskutieren." Nur so könne man überzeugen.

Ein frommer Mensch

Durch den Anschlag hat sich das Bild vom Terroristen geändert. Statt bärtiger Turban-Träger sind es auf einmal Studenten, deren einzige Auffälligkeit ihre Unauffälligkeit war. Wie sollen sich Menschen wie Mustafa nun verhalten? Er studiert, spricht fließend Deutsch und engagiert sich politisch, im Sinne des Grundgesetzes. Zu hören bekommt er: Er mache das, um die Partei zu infiltrieren, er sei ein Islamist, der an die Schaltstellen der Macht gelangen wolle. Um hier in Deutschland einen islamischen Staat zu gründen? "Menschen, die so etwas behaupten", sagt er, "kann ich nicht ernst nehmen. Das ist doch total verrückt. Absurd." Was soll er noch tun, um zu beweisen, dass er vielleicht fundamentalistisch ist in seinem Glauben, aber dennoch kein Terrorist? Er ist zurückhaltender geworden als vor sechs Jahren. Heute würde er für sich den Begriff Fundamentalist nicht mehr benutzen. Vielleicht, sagt er, sollte man ihn einfach als frommen Menschen bezeichnen. Um Missverständnissen vorzubeugen. Er kennt das und fragt, halb im Scherz, ob denn in der Zeitung sein Bild neben dem bin Ladens stehen werde.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar