Islandpferde : Ein Freund, ein guter Freund

Islandponys sind kleiner als andere Pferderassen. Aber sie wachsen oft über sich hinaus. Das wissen die Reiter vom „Hardarból“-Hof – und laden jetzt zum Frühjahrsritt

Annette Kögel

SONDERTHEMA FREIZEIT: REITEN IN BERLIN UND BRANDENBURG

Wahre Freundschaft gibt es nur unter Männern. Michael legt „Gladur“ den Sattel auf und tätschelt ihn am Hals. Der Isländer bedankt sich mit Kopfschütteln und verpasst dem zweibeinigen Freund beinahe einen Pferdekuss. „Komm, wir gehen jetzt die Schuhe einlaufen“, sagt der Computerfachmann aus Charlottenburg – neue Hufeisen.

In Paaren/Glien ist die Reiterwelt in Ordnung. „Hardarból“ heißt der Hof 35 Kilometer nordwestlich von Berlin. Er lädt jetzt anlässlich des Saisonstarts zum Frühjahrsritt (s. unten). „Der Treffpunkt für Islandpferde“ steht auf dem Schild, und damit will Reiterhof-Chefin Marion Kounafa ausdrücken, dass sich hier nicht nur Reiter wohlfühlen. Rund 40 Tiere sind in Stall und Freigelände zu Hause. „ Ich war die erste, die Islandpferde vor zehn Jahren mit dem Flugzeug nach Berlin geholt hat“, sagt die 45-jährige Chefin der Reitanlage und einer Cateringfirma. Die meisten ihrer Reiter kommen aus Berlin. Und nennen sich beim Vornamen.

Wie Michael. Eigentlich stapft er ja seiner Frau zuliebe durch die spätwinterliche Kälte. Die ist Ärztin und hat Wallach „Gladur“ aus einer Herde übernommen, mit der er sich nicht vertrug. Bei der Rasse handelt es sich nämlich um „selbstbewusste Tiere“, die „von Geburt an mit schwierigstem Gelände fertig werden müssen“, weiß der bundesdeutsche Islandpferde-Reiter- und Züchterverband. 50 000 der wetterresistenten, einstigen Arbeits- und Packpferde, die die Wikinger mit nach Island nahmen, werden in Deutschland gehalten. Die Tiere sind kleiner als andere Pferderassen – aber „man sollte sie nicht unterschätzen“, sagt „Hardarból“-Chefin Marion Kounafa. „Die gehen ganz schön ab“, sagt eine Pferdefreundin aus Wilmersdorf.

Islandponys verfügen nicht nur über die drei üblichen Gangarten Schritt, Trab und Galopp. Sondern auch über den Tölt – einen „Viertakt ohne Schwebephase“, so beschreiben das die Fachleute. Selbst Großstädter mit Rückenproblemen können sich auf diese Weise recht erschütterungsfrei durch die Natur transportieren lassen, weil es nur wenig holpert. Und dann gibt es da noch die „Königsgangart“, den Rennpass. Am „Hardarból“-Hof gibt es dafür extra eine Rennstrecke. Den Weltrekord hält der Islander Reynir Adalsteinsson: 250 Meter in 21,10 Sekunden. Die Paarener üben schon mal. Die Tiere drehen sich, dass Mähnen und Schweife nur so fliegen, sie puffen und stupsen sich. Das müssen glückliche Pferde sein.

Das sind glückliche Pferde, sagt Marion, 52-jährige Heimleiterin aus Kreuzberg. Schließlich „überwintern wir hier“, fügt sie hinzu, und meint damit ihr Großpferd Wadai, das in einer offenen Box untergebracht ist. Drei, vier Mal die Woche bringt die Berlinerin dem Hannoveraner ein Leinsamengemisch, „Leckerchen und eine Spritze mit Vitamin E“. Wadai leidet an einer Stauballergie, „und hier draußen ist das Klima besser als in der Stadt“, sagt Marion. Jegliches Futter werde angefeuchtet, damit das Tier nicht husten muss. „Bei Ställen brauche ich keinen roten Teppich und keinen Marmor“, eher legt Marion Wert auf Menschen wie „Hardarból“-Pferdebetreuer Heinz. Er füttere nicht, „wie man das auf anderen Höfen schon gesehen hat, der Kosten wegen sogar noch angeschimmeltes Heu“.

So etwas würde auch Michael seinem „Gladur“ niemals zumuten. Derzeit gönnt sich der Reiter selbst was und schlürft einen Tee in der rustikalen Hofbaude mit Holzofen. An der Pinnwand hängen Zettel über Kurse im Reiki-Handauflegen in Island, Kinderferienlager, Trainings. Aber für Reitkurse und Qualifikationen ist der Netzwerkadministrator nicht zu haben. Schließlich schätzt er am Reiten mit seinem Isländer auch dessen sechsten Gang: den Spaziergang.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0Kommentare

Neuester Kommentar