Islandpferde : Schwingt die Hufe!

Islandpferde sind unverwüstlich – und streiken selbst bei Reitanfängern nicht. Der Erlebnisbauernhof Groß Briesen nimmt Wiedereinsteigern die Scheu vorm Tier.

Anna Corves

Tobende Kinder, Sturmböen oder unsichere Reiter – Islandpferde haben damit kein Problem, das sind wahrhaft tolerante Tiere. „Das Einzige, was sie echt nicht mögen, ist kühles Nieselwetter“, sagt Hofbesitzer Klaus Wieben. Das ist doch schon mal was. Zwischen lauter braunen, schwarzen und gescheckten Isländerpferden steht meine Begleitung für die nächsten Stunden: Bjarmi, ein Wallach, fuchsfarben mit breiter Blesse, und er guckt gleichermaßen freundlich wie begeisterungsfrei, als ich ihm das Halfter überziehe.

„Reiten ohne Angst und Drill – Mit dem Pferd die Natur erleben“ – mit diesem Motto lockt der Reiter- und Erlebnisbauernhof Groß Briesen in Belzig. Der Hof ist auf die kleinen Isländerpferde spezialisiert, bietet unter vielem anderem Wiedereinsteigerkurse. Das ist was für mich, ein ehemaliges Pferdemädchen, das durch Ortswechsel den Draht zum Landleben zwischenzeitlich verloren hatte. Da Islandpferde für ihr besonders friedliches Wesen bekannt sind, fiel die Wahl für den Neustart auf den Islandpferdehof Groß Briesen bei Belzig, eine Autostunde südwestlich von Berlin.

Durch einen Torbogen, von einem Holzpferd mit Westernsattel begrüßt, gelangt man auf den gepflasterten Vierseitenhof, dessen Geschichte vor über 200 Jahren begann. Die roten Klinkerbauten mit den blau lackierten Fenstern und Türen machen schon mal gute Laune. Klaus Wieben kommt gerade vom Schlachter zurück. Vor einer Woche hatte er einen der Jungbullen hingebracht, nun das Fleisch abgeholt: Baby-Beef – echt Bio – gehört zu seinem Verkaufsprogramm. Der hoch gewachsene hagere 50-Jährige hat den Hof 1996 zusammen mit seiner Frau Sabine, einer Pferdewirtschaftsmeisterin, gekauft und Stück für Stück ausgebaut. Nach einigen Jahren in Frankfurt am Main lockte den gebürtigen Niedersachsen wieder das platte Land. Aus dem kleinen Gut ist ein ausgewachsenes Unternehmen geworden. Zum Hof gehören 120 Hektar Land – viel Platz für die Offenstallhaltung der 160 Pferde und 40 Kühe.

Punkt 13.30 Uhr bimmelt auf dem Hof eine Glocke: Pferdevergabe. Mein verwegener Plan, gleich den dreistündigen Naturparkausritt mitzumachen, wird von Reitlehrerin Nicole verworfen und in einen Schrittausflug umgewandelt. Im Gänsemarsch zuckeln wir los: Die sechsjährige Lisa samt Mutter Elke, Carsten und Nicole aus Bremen und ich.

Der Hof liegt im Naturpark Hoher Fläming, einem 827 Quadratkilometer großen Schutzgebiet, das für Wanderritte schier unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Nach ein paar Minuten schon reiten wir in ein Kiefernwäldchen ein. Wunderbar ruhig und einsam ist es darin, das Nadelholz duftet. Entspannung setzt ein, im gleichförmigen Schritttempo der Pferde schweifen die Gedanken ab. Zumindest meine. Carsten, der noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hat und geführt wird, wirkt etwas angespannt. Seine Freundin Nicole lacht: „Entweder Tanzstunden oder Reitkurs, er musste sich entscheiden. Ob er Reiten immer noch für das kleinere Übel hält?“, fragt sie sich lächelnd.

Auch wenn sich die Sitzhöcker schon am Allerwertesten bemerkbar machen: Die Stunde geht zu schnell vorbei. Der Hof empfängt uns wieder mit dem vertrauten Geruch von Pferdeäpfeln und Stroh, ein Traktor brummt. An lange Holzbalken gebunden, werden nun zunächst die „Isis“, wie Fans die Isländer nennen, von Sattel und Trense befreit. Eine Möhre für Bjarmi soll ihn mit mir und dem durchwachsenen Wetter versöhnen, dann darf er wieder in die Freiheit. Im rustikalen Essraum gibt’s nun Kuchen für den frischluft-beflügelten Magen – und dann möchte man es eigentlich halten wie Luzi und Meikel: Die beiden grauen Hängebauchschweine schlafen in einem Schuppen im Stroh, zwei gleichmäßig schnaufende unförmige Fleischberge, ein Bild absoluten ruhigen Glücks für die unentspannte Städterseele. Der Reiz des Ponyhofs, er lockt wieder.

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