Zeitung Heute : Isle of Man: Steine, Torf und Glücksbringer

Stefanie Bisping

"Katzen ohne Schwanz, zischende Dampfloks und der Geruch nach Fisch", so umreißt ein Taxifahrer aus Liverpool seine Erinnerungen an einstige Klassenfahrten zur Isle of Man. Und in der Tat gehören die durch einen insularen Mangel an Gen-Varianten entstandende Rasse der Manx-Katzen, das über 100 Jahre alte, aus Dampfeisenbahn, Elektro-Bahn und Pferde-Tram bestehende Tranportwesen und die geräucherten "Kippers" zur Insel wie Möwengeschrei der Möwen und das Blöken der Schafe. Doch ihr Charme liegt weniger in den äußerlichen Eigenarten als in dem Schleier der Nostalgie, der sie umhüllt.

Nicht nur die Zeit, das ganze Leben scheint langsamer zu verstreichen. "Traa-dy-lioor", "Zeit genug", lautet eine stehende Redewendung echter "Manx" - eine Entsprechung des spanischen "manana", aber ohne dessen Dringlichkeit, so beschreibt eine Einheimische das Lebensgefühl.

Dazu passt das Tempo der Pferde-Bahn, die auf den 125 Jahre alten Schienen durch die geschwungene Bucht der Hauptstadt Douglas zockelt. In den 20er und 30er Jahren erlebte dieses Städtchen seine Hoch-Zeit als mondäne Ferienadresse. Die 50er Jahre brachten nach kriegsbedingtem Erliegen des Badebetriebs einen kurzen Aufschwung, bevor der allgemeine Verfall der einst glanzvollen englischen Seebäder begann. Dem insularen Wirtschaftsboom der 90er Jahre ist zu verdanken, dass die meisten der Regency-Fassaden nun restauriert sind.

Das Geschrei der Möwen ist das lauteste Geräusch, wenn nicht gerade die Street Party aus Anlass der Tourist-Trophy in den Straßen brandet, des Motorradrennens, für das Man auf der ganzen Welt bekannt ist. Dann ist auf der Insel, die auch im Hochsommer nie überlaufen ist, ebenso wie zum nicht minder beliebten Motorrad-Grand Prix im Spätsommer jedes Bett belegt. Die Insel Man führt ein Doppelleben: Außerhalb der Rennen sind so wenige Menschen auf den Küstenpfaden und in den verschwiegenen Tälern des Inselinneren unterwegs, wie man es sich an einem Sommertag in Cornwall erträumen würde.

Obwohl auf dem halben Weg zwischen Nordirland und dem Lake District gelegen, erinnern Klima, Fauna und Flora in vielem an die Landschaft im Südwesten Englands. Auch hier gedeihen dank des Golfstroms Palmen, auch hier können Küstenwanderer Seehunde und - im Sommer - Riesenhaie beobachten, jene furchterregend aussehende Meerestiere, die in Wahrheit harmlose Vegetarier sind. Und auch das mythologische Erbe verrät die gemeinsamen keltischen Wurzeln. Der Boden ist aus Stein, das Dach aus Torf, die Haustür niedrig. So niedrig, dass man unwillkürlich den Kopf einzieht vor dem Mauerwerk und einem Gebilde aus Ästen und einem Büschel Schafswolle. Das Gestrüpp ist ein Glücksbringer. Kaufen kann man so etwas nicht, erklärt Sue Hidson, eine in ein von Hand gewebtes Ensemble gehüllte Frau unbestimmbaren Alters, durch ihre beeindruckenden Zahnlücken. Dass sie über Mythen und Magie Bescheid weiß, glaubt man ihr sofort. Sie wohnt im Nachbardorf und arbeitet im Sprengel Cregneash, der bis in die 30er Jahre die Heimat von Fischern und Bauern war und heute als Freiluft-Museum und Filmkulisse sein Gnadenbrot verdient - zuletzt in der Komödie "Waking Ned". Da wurde er als Irland gecastet. Weil die geduckten Häuschen vor schafgesprenkelten Hügeln irischer noch aussehen als die Nachbarinsel im Westen.

Die Zweige für den Good-Luck-Charm, den Glücksbringer, müssen ohne Zuhilfenahme metallener Gegenstände direkt vom Baum gepflückt werden, erklärt Sue. Aber nicht einfach so: Erst will der Baum gefragt sein. Und: Das Schafsfell darf weder geschoren noch vom Stacheldrahtzaun gezupft werden - wiederum wegen der entzaubernden Wirkung von Metall. Am besten hilft es frisch von einer Brombeerhecke. Dann traut sich keiner der "kleinen Leute" mehr ins Haus.

Alte Cottages wie dieses in Cregneash haben heute eher Seltenheitswert und sind kaum mehr zu bezahlen, seit sich die Isle of Man, die als Schutzgebiet der englischen Krone weder zum Vereinigten Königreich noch zur EU gehört, als Steuerparadies in der Irischen See etabliert hat. Doch die Legenden werden weitererzählt, und noch immer murmeln Einheimische "laa mie", wenn sie die Fairy Bridge passieren, eine Brücke an der Straße von Douglas zum Flughafen. Damit grüßen sie die Feen, die sie diskret die "kleinen Leute" oder "die selbigen" nennen. Vorsicht ist nämlich geboten, falls Feen zuhören. Wer weiß, vielleicht reagieren sie unwillig. Hält man sie dagegen bei Laune, machen sie sich auch schon mal nützlich, wie im Falle des alten Mannes, der einst hier lebte. Zu seinen Verpflichtungen als Mieter eines kleinen Cottages gehörte es, für die Instandhaltung der Steinbrücke zu sorgen. Als ihm das nicht mehr gelang, drohte sein Landlord mit Rauswurf. Auch untersagte er ihm, sich von freundlichen Mitbürgern helfen zu lassen. Eine verzweifelte Situation. Das fanden auch die Kleinen Leute, die die Brücke eines Nachts rasch wieder aufbauten.

Die Isle of Man glaubt an Magie und wirkt magisch - auf Bewohner und Besucher. Zugleich ist sie ein kleines Universum, das sich bewusst von den größeren Nachbarn, von Irland, Schottland und vor allem von England, unterscheidet. Die Römer drangen nie hierher vor; als die Wikinger die Insel eroberten, vermischten sie sich mit den hiesigen Kelten zu den "Manx". Ihr Parlament tagt seit über 1000 Jahren und ist somit die älteste ununterbrochen tätige Einrichtung dieser Art. Seit die Wikinger um das Jahr 979 ihre Staatsform hier einführten, kommen alle Bewohner jedes Jahr am 5. Juli, dem einstigen Datum des Mittsommerfestes, auf dem uralten Zeremonienhügel Tynwald im Herzen Mans zusammen, wo Gesetze verkündet werden und Bürger Beschwerden loswerden können.

Während diese Veranstaltung heute eher symbolischen Charakter hat, treffen sich die gewählten Volksvertreter während des restlichen Jahres zum politischen Alltagsgeschäft. Ihre inneren Angelegenheiten bestimmt die Isle of Man seit 1866 selbst - von den niedrigen Steuersätzen über die Zollhoheit bis zur Willensbekundung, die Bindung an die Krone zunehmend zu lösen. Das Vereinigte Königreich ist für Außenpolitik und den Verteidigungsfall zuständig und wird durch einen Gouverneur vertreten, den nicht wenige Manx für überflüssig halten. Denn auch ohne ihn ist alles wohl geordnet auf der Isle of Man. Sogar für Pferde gibt es ein Altersheim. Das Gefängnis ist das vollste Europas, rechnet man die Zahl der Häftlinge um auf die knapp 75 000 Insulaner. Eine erstaunliche Leistung angesichts der Tatsache, dass es kaum Kriminalität gibt. Miss Marple, die so gut in diese Landschaft passen würde, fände hier wenig Beschäftigung. Es wird straff durchgegriffen, die Durchsetzung der Gesetze zählt zu den zentralen Verfassungszielen. Schon eine Regelwidrigkeit im Straßenverkehr kann zu einer Haftstrafe führen.

Noch im 19. Jahrhundert sprachen viele Insulaner ausschließlich die keltische Sprache Manx Gälisch. Ihr Gebrauch wurde wie der ihrer Verwandten auf den benachbarten Inseln von England unterdrückt, bis von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Waliser, Schotten, Iren und eben auch die "Manx" Anstrengungen unternahmen, ihren alten Sprachen neues Leben einzuhauchen. Während noch vor 100 Jahren Eltern mit ihren Kindern kein Manx sprachen, um ihre Chancen nicht zu schmälern, ist die eigenwillige Sprache heute Schulfach. Die Insel hat ihre eigene Währung, die nur hier Gültigkeit besitzt, obwohl das Bild der jungen Elizabeth II. Scheine und Münzen ziert. Gleiches gilt für die Briefmarken, begehrte Sammelobjekte von Philatelisten in aller Welt.

Auf ihnen finden Kuriositäten und Fußnoten Platz, um die die Insel die Geschichte bereichert hat. Zum Beispiel "Lady Isabella", das nach einer Gouverneurs-Gattin benannte, mit einem Durchmesser von 22 Metern angeblich größte Wasserrad Europas. Oder Christian Fletcher, der in Port Erin zur Welt und später als Meuterer auf der Bounty zu Ruhm kam.

Bis ins 19. Jahrhundert war Castletown Hauptstadt und Castle Rushen, die mittelalterliche Burg, die über dem Städtchen wacht, Sitz der Könige von Man. Rushen ist eines der besterhaltenen Schlösser auf den britischen Inseln. Seit der Restaurierung der Burg vor einigen Jahren wird hier das höfische Leben des späten Mittelalters heraufbeschworen.

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