Zeitung Heute : Israel: Die Angst vorm Urlaub im Heiligen Land

Ulrich Sahm

Israel sorgt sich, weil die Besucher ausbleiben. Die Bilder von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern beherrschen seit Monaten die Schlagzeilen der Weltpresse. Drastische Einbrüche bei den Besucherzahlen sind die Folge. Mehr als zwanzig Hotels mussten schon geschlossen werden. Tausende Reiseführer, Busfahrer, Köche, Bedienungspersonal und Hotelangestellte haben ihre Jobs verloren. Sie werden nicht mehr gebraucht.

Aber nicht nur die Tourismusbranche in Israel selbst ist betroffen; die Krise wirft ihre Schatten bis nach Deutschland. Derzeit besuchen eine Delegation des Bundestags-Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus und Vertreter der deutschen Tourismusindustrie das Heilige Land. Unter Vorsitz des CSU-Abgeordneten Ernst Hinsken will man sich selbst ein Bild von der aktuellen Lage machen. Bei einem Abendessen mit dem israelischen Tourismusminister Rehabeam Zeevi betonte Hinsken, die deutsche Tourismusindustrie sei der größte deutsche Erwerbszweig, gemessen an Umsatz und Zahl der Beschäftigten.

Michael Doll, stellvertretender Geschäftsführer des Stuttgarter Unternehmens "Biblische Reisen", spricht von einem 90-prozentigen Einbruch bei seinem auf das Heilige Land spezialisierten Unternehmen. 300 Gruppen hätten schon vor einem Jahr gebucht, doch seit Ausbruch der Unruhen habe man alle Hände voll zu tun, die täglich einlaufenden Stornierungen zu bearbeiten. Weniger als zehn Prozent der Gruppen träten die Reise tatsächlich an, der große Rest sage ab, so Doll.

Die deutschen Gäste sowie die israelischen Gesprächspartner machen die intensive Medienberichterstattung über den Terror und die Kämpfe im Heiligen Land als Hauptgrund für die Angst der Deutschen verantwortlich. Für Zeevi ist dies nicht ganz verständlich. Er frage sich, wieso weiterhin 58 Millionen Touristen nach Spanien reisten und kaum jemand zögere, London zu besuchen - trotz der Autobomben der baskischen ETA und des Terrors der nordirischen IRA. Doll kritisierte die Reisehinweise des deutschen Auswärtigen Amtes (AA). Für Israel und die Palästinenser-Gebiete seien sie besonders scharf formuliert, teilweise "ungerechtfertigt". Doll weiter: "Wenn das Auswärtige Amt ein Reiseverbot in die palästinensischen Gebiete ausspricht, können wir aus versicherungstechnischen Gründen dort keine Gruppen hinschicken." Das Besuchsverbot des AA habe sich zeitweilig sogar auf die bei Touristen so beliebte Altstadt von Jerusalem erstreckt.

Unannehmbar sind für die deutschen Tourismusunternehmer aber auch die Einschränkungen im Heiligen Land. Pilgerfahrten würden keinen Sinn mehr machen, wenn etwa das Josefsgrab in Nablus Kampfstätte sei, Jericho mit einem Panzergraben umgeben und Bethlehem kaum zugänglich sei. Von "völlig übertriebenen" Sicherheitsmaßnahmen der israelischen Polizei wurde gesprochen. Dies habe etwa am vergangenen Osterfest dazu geführt, dass Tausende von weither angereisten Christen, darunter auch deutsche Gruppen, nicht an Ostergottesdiensten in der Grabeskirche teilnehmen konnten.

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