Israel : Nötiger als das tägliche Brot

Stephan-Andreas Casdorff

Schimon Peres weiß es noch genau, ganz so, als sei es gestern gewesen. Er stand neben David Ben Gurion, als der sagte: „Heute tanzen wir, morgen werden wir kämpfen.“ So kam es. Israel war gegründet, und am nächsten Morgen brach der Unabhängigkeitskrieg aus. Der erste. Heute, nach sechs Kriegen und zwei Intifadas, wird Israel 60 Jahre. Peres, der Friedensnobelpreisträger, ist 85 und Präsident. Der Friede ist noch nicht gewonnen.

Israel heute ist ein lebenswertes Land. Eines, in dem Menschen aus 100 verschiedenen Ländern eine Heimat gefunden haben, mit unterschiedlichen kulturellen Einflüssen. Daraus hat sich eine eigene Mentalität, ja Identität gebildet; über das Hebräische, die alles verbindende Sprache. Das kann man schon Reichtum nennen. Auch die Zahl der Milliardäre hat in den vergangenen zehn Jahren noch einmal zugenommen. Israel ist ein fortschrittliches Land, mit aufstrebender Wirtschaft und moderner Wissenschaft. Da ist viel Zukunft. Die Israelis, sagen Statistiken von Unesco, Weltbank und Weltgesundheitsbehörde aus, leben besser als die in vielen anderen Ländern der Welt, der Staat wird stets unter den ersten 15 geführt.

So ist Israel – und gleichzeitig ist es ein Land mit andauernden, komplexen, perplexen Herausforderungen. Es ist im Ausnahmezustand, auch für die Seele. Der Holocaust, das Grauen der Vergangenheit, ist immer noch gegenwärtig, die Erinnerung daran Teil der Identität. Israel ist hoch gerüstet, auch atomar, und stets zur Abwehr wie zum Angriff bereit. Denn das gehört zum Alltag: Bomben explodieren, oder Raketen schlagen ein. Dass alle staatlichen Nachbarn das Existenzrecht Israels anerkennen würden, kann keiner sagen. Der iranische Präsident leugnet den Holocaust und will den Staat auslöschen. Die Bedrohung ist jede Stunde zu spüren, körperlich zu greifen. Es kann den Nachbarn im Cafe treffen.

Bis heute hat Israel keine definierten Grenzen. Das gilt buchstäblich. „Für mich ist Israel ein Experiment, das noch nicht gelungen und noch nicht gescheitert ist“, sagt Tom Segev, der Historiker und Publizist. Zwischen Gelingen und Scheitern ist die Entscheidung einfach. Israel ist kein Experiment, das abgebrochen werden darf. Denn es ist: ein Zuhause, für Millionen. Es ist ein Land, das wächst, und eines im Übergang. Eines, das nicht nur Reichtum kennt. Das jungen Menschen Zukunft bieten muss, und Hoffnung. Alle Jungen wollen den Frieden, glauben aber in ihrer Mehrheit nicht an ihn.

Was andernorts eine immerwährende Aufregung verursachte, ist in Israel Normalität. Das darf es nicht bleiben, weil es keine ist. Dieser Zustand ist auf Dauer inakzeptabel, denn er hemmt Entspannung und Entwicklung im Land wie in der Region und der Welt. „Wir brauchen den Frieden nötiger als das tägliche Brot. Aber ich fürchte sehr, zu viele gönnen uns diesen Frieden nicht“, sagte Ben Gurion. Vor diesem Hintergrund gilt an Israels 60. Geburtstag: Der Globalisierung muss Rechnung getragen werden, für eine gemeinsame gute Zukunft. Das schließt alle ein. Der Export religiös motivierten Wahns darf keinem Gewinn bringen. Und das schließt aus, wer Israel zum Feind erklärt.

Israel ist bereit, einen Preis für den Frieden zu zahlen, den mit den Nachbarn und besonders mit den Palästinensern in einem eigenen Staat. Es diskutiert darüber offen, schmerzhaft, sagt Segev. Schmerzen lindern zu helfen, ist Aufgabe eines Freundes. Seien wir Freunde.

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