Zeitung Heute : „Israels Vorgehen ist kurzsichtig“

Konfliktexperte Shlaim über Anschläge und Vergeltung

-

AVI SHLAIM (58)

ist Professor für

internationale

Beziehungen in Oxford. Sein Schwerpunkt sind die

arabisch-israelischen

Beziehungen.

Foto: R/D

Herr Shlaim, Sie haben bahnbrechende Forschungen gemacht über die Geschichte der arabisch-israelischen Beziehungen. In welchem Stadium befinden sich die Beziehungen nach der Ermordung von Scheich Jassin?

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist dabei, in einer sehr gefährlichen Weise zu eskalieren. Israel erklärt den Krieg gegen Hamas und Hamas erklärt den Krieg gegen Israel. Die Ermordung von Scheich Jassin wird zu noch mehr Vergeltung und Rache führen. Die Hamas hat bereits angekündigt, sie würde nun die Tore zur Hölle öffnen.

Welche Rolle spielte Scheich Jassin im Gaza- Streifen. War er an Anschlägen beteiligt?

Scheich Jassin war der Gründer und spirituelle Führer von Hamas. Er hat stets jede persönliche Beteiligung bei der Planung von Selbstmordanschlägen abgestritten. Er hat immer betont, es gebe keine Rechtfertigung für die Tötung von unschuldigen Zivilisten. Und es erfülle ihn jedes Mal mit Schmerz, wenn ein Unschuldiger getötet werde.

Wie hat er dann die Attentate gerechtfertigt?

Er hat gesagt, die Selbstmordanschläge seien in dem Konflikt mit Israel die einzigen Waffen, über die die palästinensische Seite überhaupt verfüge. Jassin war der Meinung, nur wenn Israel mit der Besatzung, der Ermordung von palästinensischen Führern und Zivilpersonen aufhört, dann gebe es eine Chance für einen Waffenstillstand. In seinen Augen war die israelische Seite allein für die Gewalt verantwortlich.

Wie erklären Sie das hohe Ansehen dieses alten, gelähmten Mannes im Rollstuhl?

Er hatte eine große moralische und religiöse Autorität. Er repräsentierte den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Besetzung. Immer mehr junge Palästinenser sind überzeugt, dass Israel seine Besetzung niemals aufgeben wolle. Für sie war Jassin Vorbild und Idol. Arafat dagegen stellt für viele junge Leute keine Autorität mehr dar, weil er mit seiner Strategie des Friedensprozesses und der Verhandlungen nichts erreicht hat.

Wie groß ist die Anhängerschaft von Hamas?

Hamas hat schätzungsweise 30 Prozent der Bevölkerung hinter sich. Das ist auch ein Ergebnis der Schwächung der säkularen PLO.

Was aber ist die israelische Logik für diesen Mordangriff?

Die Israelis glauben, Scheich Jassin habe persönlich Terrorangriffe geplant und befohlen. Dafür hat er aus ihrer Sicht jetzt den Preis bezahlt. Auch wollten sie mit dieser Aktion eine Botschaft an alle militanten palästinensischen Führer schicken: Wenn ihr euch auf Terrorismus einlasst, wird es euch genauso ergehen.

Halten Sie diese Botschaft mit Raketen für ein taugliches Rezept, den Terrorismus zu bekämpfen?

Das hat niemals funktioniert und wird niemals funktionieren. Das israelische Vorgehen ist extrem kurzsichtig. Es gibt keine militärische Lösung des Konflikts, nur eine politische. Doch seit drei Jahren gibt es keine Verhandlungen mehr. Und Ministerpräsident Scharon weigert sich, irgendwelche ernsthaften politischen Vorschläge zu machen.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!