Zeitung Heute : ist am Telefon? Wer

Helmut Dietl ist 60. Hellmuth Karasek ist 70. Zwei Geburtstagskinder, ein Ferngespräch

Hellmuth Karasek

Gespräch zwischen dem (noch) 59-jährigen Helmut D, Filmemacher, und dem 70-jährigen Hellmuth K, Jubilar. Der eine schreibt sich mit einem „l“ und einem „t“, der andere mit Doppel-„l“ und „th“. Trotzdem meldet sich der eine, jedenfalls mündlich, beim anderen mit der Annonce: „Ja Hellmuth, hier ist der andere Helmut.“ Oder nur: „Hellmuth?! Ja, hier ist der andere!“

Es klingelt bei Hellmuth K. Hellmuth K nimmt ab. Es ist sein siebzigster Geburtstag.

Helmut D : Ja, Hellmuth, bist du’s? Hier ist der andere.

Hellmuth K : Ja, Helmut, das ist aber schön, dass du dich mal wieder meldest.

Helmut D : Ja, selbstverständlich. Ich wollte dir zum Geburtstag gratulieren. Zum Siebzigsten.

Hellmuth K : Geh, hör auf! Da freu’ ich mich aber…

Helmut D : Geht’s dir gut?

Hellmuth K : Na ja! Und dir?

Helmut D : Na ja, eigentlich sehr gut. Du, das erzähl ich dir, wenn wir uns treffen.

Hellmuth K : Hoffentlich bald!

Helmut D : Ja, hoffentlich. Du, ich werde ja jetzt, in diesem Jahr, auch noch sechzig, und dann musst du mir erzählen, wie das ist, wenn man sechzig wird. Das hast du ja schon, sozusagen, erlebt. Du warst ja schon mal sechzig.

Hellmuth K : Das kann man sagen. Also, es ist ziemlich furchtbar.

Helmut D : Das hab’ ich befürchtet. Aber das erzählst du mir später, wenn wir uns sehen, genauer. Und wie ist das so, äh, mit siebzig?

Hellmuth K : Das wirst du schon noch sehen. Jetzt werde erst einmal sechzig. Wenn du sechzig bist, erzähl ich dir, wie es ist, wenn man siebzig wird.

Helmut D : Das ist schon viel, also viel ist das schon. Obwohl: Man merkt es bei dir nicht so.

Hellmuth K : Geh, hör auf! Ich bin nur froh, dass du das alles noch vor dir hast! Denn eigentlich, also wenn ich es richtig überlege, war der sechzigste doch nicht so furchtbar.

Helmut D : Das musst du mir erzählen. Wenn wir uns sehen.

Hellmuth K : Ich sage nur so viel: Der fünfzigste Geburtstag war der schlimmste.

Helmut D : Findest du?

Hellmuth K : Ja. Weil man da noch Hoffnung hat.

Helmut D : Findest du? (Pause) Ach geh, hör auf, das klingt ja wie Beckett.

Hellmuth K : Nicht mal das! Du, grüß’ deine Frau und dein Kind und… Hast du dir eigentlich das Rauchen abgewöhnt?

Helmut D : Ja also, eigentlich weitgehend, aber ich…

Hellmuth K : Tröste dich, es gibt viele Leute, die sich das Rauchen abgewöhnt haben und trotzdem oder deshalb beschissene Filme machen. Werd’ erst mal sechzig!

Helmut D: (mit einem schwermütigen, stummen, dennoch am Telefon hörbaren Seufzer) Wem sagst du das!

Hellmuth K: Dir! Nur dir! (Pause) War das nicht schön, dass das Leben immer so beschissen war? Jedenfalls meistens!

Helmut D: Aber echt!

Beide Hellmuths, der mit „th“ und Doppel-„l“ und der andere, also der ohne „th“ und mit einfachem „l“ legen auf. Der eine wie der andere.

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