Zeitung Heute : Ist das wahr?

Zum Thema Tschernobyl und Atomkraft gibt es jede Menge Unklarheiten. Sind Pilze heute gefährlich? Drohen neue Katastrophen? Kurze Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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WIE KAM ES ZUM UNFALL IM AKW TSCHERNOBYL AM 26. APRIL 1986?

Die Betriebsmannschaft beging bei einem Test schwere Fehler. Weil sie die physikalische Instabilität des Reaktorkerns nicht einschätzen konnten, verursachten die Mitarbeiter der Nachtschicht eine Explosion und verloren die Kontrolle.E mehr auf Seite 3

GEHT AUCH HEUTE NOCH GEFAHR VON DER REAKTORRUINE AUS?

Ja. Der 1986 um den Reaktor herum konstruierte „Sarkophag“ stoppte zwar zunächst den Austritt radioaktiver Substanzen. Aber der Betoneinschluss ist akut vom Einsturz bedroht. In seinem Inneren lagern 20 Tonnen radioaktiver Staub sowie 150 bis 180 Tonnen Reaktorkernmasse. Nun soll ein zweiter Einschluss um den alten Sarkophag herum gebaut werden.E Seite 8

DIE SOWJETUNION SETZTE RUND 800 000 „LIQUIDATOREN“ ZUR BEWÄLTIGUNG DER KATASTROPHE EIN. WAS BEDEUTET DIESE BEZEICHNUNG?

Als „Liquidator“ wurde jeder bezeichnet, der an der Beseitigung der Unfallfolgen beteiligt war. Dazu gehören die Feuerwehrleute, die den Brand bekämpften, Soldaten, die das verstrahlte Gelände bereinigten, Busfahrer, die die betroffenen Gebiete evakuierten, Ärzte, Krankenschwestern und viele andere. E Seite 5

WURDEN DIE VERANTWORTLICHEN FÜR DAS UNGLÜCK BESTRAFT?

1987 wurden sechs Mitarbeiter des Kernkraftwerks zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Urteile von bis zu zehn Jahren Haft, unter anderem gegen Kraftwerkschef Viktor Brjuchanow, ergingen wegen „grober Fahrlässigkeit“, weil zahlreiche Sicherheitsregeln missachtet wurden. Zur Katastrophe kam es jedoch auch wegen der schweren Konstruktionsfehler am Reaktor. Die leitenden Ingenieure beim Hersteller und die Aufseher in Moskau wussten davon, informierten aber die Betriebsmannschaften nicht. Darum sprachen Kritiker von einem Schauprozess, der die wahren Schuldigen ungestraft davon kommen ließ. E Seite 3

GAB ES SEITDEM WEITERE SCHWERE UNFÄLLE IN ATOMKRAFTWERKEN?

Keinen von vergleichbarem Ausmaß. Aber es gab mehrere schwere Störfälle, bei denen nur Glück und Zufall eine weitere Strahlenkatastrophe verhindert haben. E Seite 9

WIE VIELE MENSCHEN SIND BIS HEUTE AN DEN FOLGEN DES UNGLÜCKS GESTORBEN? MIT WIE VIELEN WEITEREN OPFERN IST ZU RECHNEN?

Knapp 50 Kraftwerksarbeiter und Feuerwehrmänner starben an der akuten Strahlenkrankheit. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen sind bis heute umstritten. Neue Studien gehen von bis zu 270 000 zusätzlichen Krebserkrankungen allein in Weißrussland, der Ukraine und Russland aus, von denen voraussichtlich 93 000 tödlich enden werden. E Seite 3

GAB ES MISSBILDUNGEN UND GENETISCHE VERÄNDERUNGEN BEI MENSCHEN UND TIEREN?

Ja, in Weißrussland steigt die Zahl der missgebildeten Kinder seit 1986 stetig an – allerdings sowohl in den verstrahlten als auch in den nicht direkt betroffenen Gebieten, vermutlich in Folge von Umsiedlung und belasteteter Nahrung. In den ersten Jahren nach der Katastrophe wurden auch Fehlbildungen und Mutationen bei Tieren und Pflanzen beobachtet. E Seite 8

WELCHE GEBIETE WURDEN AM STÄRKSTEN VERSEUCHT?

Die Wolke mit radioaktiven Partikeln zog zunächst nach Nordwesten. Neben der Ukraine, Weißrussland und Russland war vor allem Skandinavien stark betroffen. In Lappland verseuchte der Regen die Rentier-Weiden, weshalb das Fleisch dieser Tiere bis heute stark belastet ist. Eine weitere Wolke trug radioaktive Partikel nach Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, Österreich und Polen – und nach Deutschland. E Seiten 6/7

WIE HOCH WAR DIE BELASTUNG IN DEUTSCHLAND UND WIE HOCH IST SIE HEUTE NOCH?

Ganz Deutschland ist bis heute mit radioaktivem Cäsium-137 und anderen langlebigen Radionukliden belastet, die größtenteils aus der Strahlenwolke von Tschernobyl stammen. Heftige Gewitter spülten vor allem in Südbayern viele radioaktive Partikel in die Erde. Dort erreichte die Kontamination Spitzenwerte von 170 000 Becquerel pro Quadratmeter, der natürliche Wert liegt zwischen zwei und zehn Becquerel. Bis heute sind Pilze, Beeren und Wildfleisch aus der Region häufig stärker belastet, als nach EU-Recht zulässig ist. E Seiten 6/7

STIMMT ES, DASS MAN HEUTE ALS TOURIST NACH TSCHERNOBYL FAHREN KANN? Ja. Reisebüros in Kiew bieten Exkursionen an, die zum einbetonierten Reaktor und in die evakuierte Atomarbeiterstadt Pripjat führen. Je nach Stärke der Reisegruppe kosten die Touren zwischen 90 und 150 Euro pro Person – und beinhalten ein Mittagessen aus „garantiert unverstrahlten Zutaten“.E REISE Seite 2

WELCHE KONSEQUENZEN HATTE DAS UNGLÜCK FÜR POLITIK UND GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND?

Die große Mehrheit der Bürger wandte sich gegen den Ausbau der Atomkraft und erzwang ein Umdenken auch in der Politik. Den späteren Vertrag zwischen Regierung und Industrie über den Ausstieg aus der Atomenergie hätte es ohne die Katastrophe wohl nicht gegeben. Auch das Bundesumweltministerium wurde erst wegen des Atomunfalls gegründet. Weil die Verwaltung chaotisch reagiert hatte, berief Kanzler Helmut Kohl den CDU-Politiker Walter Wallmann zum ersten deutschen Umweltminister. E Seiten 4/5

WAS IST EIN GAU?

WAS IST EIN SUPER-GAU?

GAU ist die Abkürzung für „Größter anzunehmender Unfall“. Dies bezeichnet das Ereignis, für dessen Beherrschung eine Anlage gerade noch ausgelegt ist, bei deutschen Reaktoren zum Beispiel der Bruch einer Hauptkühlmittelleitung. Super-GAU wird ein Unfall genannt, der mit den Notfallsystemen nicht mehr kontrollierbar ist und anschließend zur Freisetzung großer Mengen radioaktiver Spaltstoffe in die Umgebung führt. Dazu zählt zum Beispiel das Schmelzen der Uranbrennstäbe und des Druckgefäßes bei Ausfall aller Kühlsysteme. E Seite 3

WIE UNTERSCHEIDET SICH DIE KONSTRUKTION DES TSCHERNOBYL-REAKTORS (TYP RBMK) VON DER ANDERER ATOMKRAFTWERKE?

RBMK-Reaktoren haben keinen Druckbehälter mit einer Ladung aus Uranstäben wie die meisten anderen Atomkraftwerke. Stattdessen steckt der Uranbrennstoff in 1600 Druckröhren, die durch einen sieben Meter hohen und elf mal elf Meter breiten Block aus Graphit-, also reinen Kohlenstoffbausteinen, verlaufen. Bei anderen Reaktoren sorgt das Kühlwasser für die „Moderation“, also die Bremsung der Spaltneutronen auf die Geschwindigkeit, bei der sie weitere Uranatome zur Spaltung anregen. Beim RBMK hat das Graphit diese Funktion. Weil die Graphitsteine im Betrieb 700 Grad heiß werden und ständig glühen, darf keine Luft durch den Blechmantel um den Block dringen, sonst beginnt das Graphit zu brennen. E Seite 3

WIE VIELE REAKTOREN GLEICHEN TYPS SIND NOCH IN BETRIEB UND WIE GEFÄHRLICH SIND SIE?

Russland betreibt noch elf RBMK-Anlagen. Ein weiterer Block läuft in Litauen, der bis Ende 2009 stillgelegt werden soll. Mit EU-Mitteln wurden alle zwölf Kraftwerke umgerüstet, um die wichtigsten Schwachstellen zu beseitigen. Das Kernproblem aber, der fehlende Einschluss, bleibt. Große Teile des Kühlkreislaufs stehen faktisch im Freien. E Seite 9

WARUM KAUFTEN VIELE MENSCHEN NACH DEM UNGLÜCK JOD-TABLETTEN?

Bei schweren Reaktorunfällen werden große Mengen des radioaktiven Jod-Isotops 131 freigesetzt. Wenn der Körper, vor allem die Schilddrüse, mit gewöhnlichem Jod gesättigt ist, wird nur wenig des strahlenden Jod-Isotops im Gewebe eingelagert. Darum bieten die Tabletten einen gewissen Schutz. E Seiten 6/7

DIE BEHÖRDEN GABEN DAMALS WIDERSPRÜCHLICHE EMPFEHLUNGEN ZUM UMGANG MIT VERSEUCHTER NAHRUNG. GIBT ES HEUTE KLARE RICHTLINIEN FÜR DEN FALL EINER ERNEUTEN STRAHLENKATASTROPHE?

Ja und Nein. Die Strahlenschutzverordnung sieht vor, dass im Katastrophenfall anders als damals nicht die Länder, sondern allein der Bund die nötigen Grenzwerte beschließt und Verkaufsbeschränkungen sowie Empfehlungen ausspricht. Allerdings ist für viele Stoffe bis heute kein Grenzwert definiert.E Seiten 6/7

SIND ATOMKRAFTWERKE HEUTE SICHERER ALS DAMALS?

Ja und Nein. Bei vielen Reaktoren, insbesondere denen von sowjetischer Bauart in Osteuropa, wurden Sicherheitssysteme nachgerüstet, die das Katastrophenrisiko mindern. Doch zugleich sind viele Anlagen schon sehr alt, und es mangelt an Ersatzteilen und qualifiziertem Personal. Zudem stehen viele Betreiber unter hohem wirtschaftlichem Druck. Darum gehen die Betriebsmannschaften zeitweilig extrem hohe Risiken ein.E Seite 9

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