Zeitung Heute : Ist der Taler nichts wert?

Flora Wisdorff

Sechs Jahre nach Einführung des Euro als Rechnungseinheit zieht der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft Bilanz. Wie hat sich das Gefühl zu der neuen Währung entwickelt?

Als der Euro vor sechs Jahren als Recheneinheit eingeführt wurde, hat das kaum einen Verbraucher interessiert. Das kam erst später, als im Januar 2002 das neue Bargeld verteilt wurde. Vor allem die Deutschen hegten hartnäckig den Verdacht, der Euro sei ein „Teuro“ und mache Brötchen, Friseurbesuch oder Restaurant unerschwinglich. Ein bisschen hatten sie Recht damit, denn manche Dienstleister hatten tatsächlich ihre Preise nach der Umstellung aufgerundet, und manche Waren, denen die Verbraucher besonders viel Wert beimessen, hatten sich verteuert – allerdings nicht immer aufgrund der neuen Währung. Die Verbraucher aber hatten ihren Sündenbock gefunden.

Ganz glücklich sind die Europäer mit dem Euro auch jetzt noch nicht. Die „gefühlte Inflation“ lag im März bei vier Prozent – die tatsächliche Preissteigerungsrate im Euroraum allerdings nur bei etwa zwei Prozent. Aber trotzdem: Das Verhältnis zum Euro hat sich schon verändert. Auf dem Höhepunkt der Euro-Abneigung Mitte 2002, fühlten die Europäer sogar eine Teuerungsrate von 5,5 Prozent – auch damals waren es aber nur etwa zwei Prozent.

Für die Annäherung der gefühlten und der realen Preissteigerungsraten in den Euro-Ländern sind vor allem die Deutschen verantwortlich – denn hier zu Lande hat die gefühlte Inflation rapide abgenommen. „Das Pendel bewegt sich inzwischen wieder in die andere Richtung“, sagt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Manche Verbraucher reagierten nun „überdrüssig“ auf die nach der Euro-Einführung geschürte „Geiz ist Geil“-Mentalität. Die Experten der Europäischen Zentralbank sehen den Abwärtstrend der gefühlten Inflation in Deutschland als normale Korrektur, nach dem „deutlichen Überschießen der Inflationswahrnehmung“ in den Jahren 2002 und 2003.

Auch in anderen Ländern haben die Verbraucher immer weniger das Gefühl, der Euro sei ein Teuro – besonders deutlich ist das in Italien, den Niederlanden und Irland. In Belgien verlief die Entwicklung allerdings genau andersherum, und auch in Griechenland, Frankreich oder Österreich blieb die gefühlte Inflation seit 2002 nahezu unverändert. Insgesamt nehmen viele Europäer den Euro also immer noch als Teuro wahr, schreibt die Bank.

Experten zufolge zu Unrecht. „Der Euro ist kein Teuro mehr“, sagt der Konjunkturexperte vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Friedrich Heinemann. In Deutschland lag die Teuerungsrate im April bei 1,5 Prozent. Heinemann glaubt, dass die Wirtschaftskrise und die stagnierenden Löhne die Wahrnehmung verzerren – obwohl selbst in der Gastronomie die Preise kaum steigen würden. Auch die EZB-Experten ziehen die Psychologie zu Rate. Viele Europäer hätten sich noch immer nicht an die neue Währung gewöhnt, und das beeinflusse die Inflationswahrnehmung. Einer Umfrage zufolge hat jeder zweite „Schwierigkeiten“ mit dem Euro, ein Viertel rechnet bei alltäglichen Geschäften nur in der jeweiligen Landeswährung.

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