Zeitung Heute : Ist doch so viel Wissen hier

Charlottenburg soll attraktiver werden: Daran arbeiten Designer, Unternehmer und Künstler.

Tatyana Synkova Linda Waitz
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Neue Ideen erproben. Ein Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen bei der Arbeit im Labor für Virtual Product...

Sie schwärmen immer noch davon: vom Lebensgefühl und der Freiheit der siebziger Jahre. Die heute 50- bis 60-Jährigen, die in dieser Zeit in West-Berlin studierten, sehen Charlottenburg mit anderen Augen als die Studenten von heute. Damals pulsierte das Szene-Leben um den Stuttgarter Platz, und das Flair der Flaniermeile Kurfürstendamm und am Tauentzien war unvergleichlich.

Heute sieht es in Charlottenburg anders aus, bürgerlicher, etwas gesetzter und an manchen Ecken sogar ein wenig trostlos. Aber der Bezirk kommt wieder - und zwar als Leuchtturm für Wissenschaft, Technik und Gestaltung. Dafür sorgt das Projekt „NAVI BC“. Hinter diesem Titel verbirgt sich die „nachhaltige Vitalisierung des kreativen Quartiers rund um den Campus Charlottenburg“. Vom Bezirk in Auftrag gegeben, sind die Projektverantwortlichen die UdK Berlin, die Technische Universität (TU) Berlin und die Adlershof Projekt GmbH. Ihre Aufgabe ist es, ein Konzept zur Wiederbelebung des Stadtgebietes zu erarbeiten. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines gemeinsamen Campus für die ansässigen Universitäten TU und UdK als „Wissens-Ort“ Charlottenburg. Hier gibt es rund 32 000 Studierende, und in unmittelbarer Nähe haben sich allein vier Fraunhofer-Institute angesiedelt.

Marc Piesbergen von der UdK und Junior-Projektleiter von NAVI BC sieht darin eine einmalige Chance: „Hier ist so viel Wissen angesiedelt – wenn man die Akteure aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Kunst klug miteinander vernetzt, dann wird ein enormes kreatives Potential frei gesetzt.“ Vom Spreebogen über den Tiergarten bis zur Kantstraße sollen Wirtschaft, Forschung und Kultur so verknüpft werden, dass ein riesiges Ideenlabor entsteht, in dem alle Disziplinen zusammen arbeiten können.

Auf Marc Piesbergens Schreibtisch liegt eine Karte, auf der großzügig eine dicke rote Linie um das Quartier gezogen ist: „Eine Schwierigkeit stellen die vielen städtebaulichen Barrieren im Gebiet zwischen Einsteinufer und Spreebogen dar“, erklärt Piesbergen. „Sie wirken sich negativ auf die Kommunikation zwischen den Instituten am Standort Charlottenburg aus. Die urbane Struktur ist unterbrochen und muss erst wieder durch Passagen zwischen den abgeteilten Grundstücken aufgebaut werden.“

Das soll sich schnell ändern. Schon innerhalb der nächsten anderthalb Jahre sollen Teile dieses groß angelegten und aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanzierten Projektes umgesetzt werden. Seit Dezember 2008 führte das NAVI-Team Interviews mit Vertretern ansässiger Unternehmen, Kultureinrichtungen, Immobilienfirmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Das Ergebnis: Informationstechnologie, Ingenieurwissenschaft und Design sind nicht nur sehr gut vertreten, sondern ergänzen sich hervorragend für technische und gestalterische Entwicklungen.

Inzwischen steht das Konzept, das vorsieht, wie Universitäten, Unternehmen, Forschung und Kultur miteinander verbunden werden. Unter anderem soll ein Gründungs- und Kooperationszentrum für Absolventen der UdK, TU und Partner in der Wirtschaft entstehen. Aber nicht nur Büros, sondern auch Werkstätten werden gebraucht. Denn die Jungunternehmer sollen eine Starthilfe und Platz zum Wachsen erhalten.

Außerdem hat sich NAVI BC ein so genanntes Hybrid-Programm auf die Fahne geschrieben. Darin sollen Studierende verschiedener Fachrichtungen der UdK und der TU zusammen arbeiten. Vorbild ist der „Designreaktor“ von Axel Kufus, Professor am UdK-Institut für Produkt- und Prozessgestaltung. Design-Studenten besuchten über 50 Berliner Unternehmen und entwickelten gemeinsam mit ihnen reale Produkte, die für den Markt entwickelt werden.

Solche Projekte sollen künftig für die UdK und TU zur Regel werden. Beide Universitäten planen, ihre Lehrpläne dahingehend zu überprüfen, dass Studenten disziplinübergreifend bis zu zwei Semester zusammen arbeiten können. Ein Beispiel dafür ist das „Schwarmprojekt“, bei dem Industriedesigner, T-Labs und TU-Bioniker zusammenarbeiten. Sie untersuchen das Phänomen der Intelligenz von Schärmen, die nicht nur im Tierreich, beispielsweise bei Bienen, sondern auch in Internet-Communities wie Facebook oder Myspace zu beobachten ist.

Und auch die Wirtschaft soll auf den Campus Charlottenburg aufmerksam werden. Hierfür entwickeln UdK-Studenten der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (GWK) im Rahmen ihres Diplomprojektes zur Zeit die Marke „Campus Charlottenburg“. Ziel ist es, der Öffentlichkeit, den Instituten und Unternehmen den Campus Charlottenburg schmackhaft zu machen.

Am liebsten sähe das NAVI-Team es, wenn nach zwei Jahren Planungsphase Charlottenburg in der öffentlichen Wahrnehmung mit den Begriffen Technologie und Gestaltung verknüpft würde. NAVI BC soll dann auf eigenen Beinen stehen so dass es von Hochschullehrern, Studenten und Unternehmern allein weiter getragen wird. So kehrt am Ende vielleicht sogar mehr als ein studentisches Lebensgefühl in den Bezirk zurück.

Während des Rundgangs präsentiert sich das „Schwarmlabor“ im Glaspavillon der TU Berlin, Straße des 17. Juni, gegenüber dem Hauptgebäude der Technischen Universität.

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