Zeitung Heute : Ist ein Schachcomputer schlauer als Garri Kasparov?

Helmut Merschmann

Dribbelnde Bits und Bytes, die bei Fußball-WM für Roboter teilnehmen. Spracherkennungssysteme und Optical Character Recognition. Software-Agenten, die bei Lernvorgängen assistieren, und Neuronale Netze - die Liste der modernen Anwendungen, die auf Künstlicher Intelligenz (KI) beruhen, ist lang. Nicht nur im Spielebereich tun die Algorithmen so, als wären sie gescheit. Auch seriöse Anwendungen, mit denen Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer Institut oder das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz beschäftigt sind, machen in KI.

Künstliche Intelligenz hat viele Gesichter. Es verbinden sich mit ihr mindestens ebenso viele Vorstellungen und Hoffnungen wie Ängste. Während ihre technischen Anwendungen, beispielsweise in der Robotik, dem Menschen bei bestimmten Arbeitsroutinen unter die Arme greifen, haftet ihr bei allen kognitiven Prozessen schnell der Ruch des Übermenschlichen an. Wann hat die KI den Menschen an Intelligenz und Geschick übertroffen, wann ist sie klüger als er? Was aber ist eigentlich Intelligenz und wie funktioniert sie? Ist ein Schachcomputer wie "Deep Blue" ( www.research.ibm.com/deepblue ), der den Weltmeister Garri Kasparow in die Knie zwang, intelligenter als er? Oder ist es ein automatischer Sportkommentator, wie er gegenwärtig vom DFKI entwickelt wird? Der soll bald den Fernsehmoderator ersetzen und selbstständig aus einem Fundus an Floskeln und mittels der Analyse des Ablaufs zu einer treffsicheren Spielbeschreibung gelangen. Was vielleicht fantastisch klingt, beruht lediglich auf einer komplexen, linearen Situationsanalyse: Wenn der Ball ins Abseits rollt, stehen dem Kommentator nur entsprechende Redewendungen zur Verfügung. Von eigenständigem Denken und intelligentem Assoziieren ist er aber meilenweit entfernt.

Seit 1956 der Begriff "Künstliche Intelligenz" unter Wissenschaftlern zum ersten Mal die Runde machte, versucht man die Formen und Strukturen menschlicher Intelligenz zu beschreiben und am Computer zu simulieren. Sonderlich weit ist man nicht gekommen, das ganze Gebiet gilt als extrem umstritten, vor allem die Annahme, der menschliche Geist würde wie ein Computer operieren. Selbst bei der Frage, was denn Intelligenz ausmacht, war das Ergebnis überraschend: Intelligent ist, was als solches bezeichnet wird. Dabei existieren unterschiedliche, miteinander nicht vergleichbare Formen von Intelligenz - kognitives, emotionales, kreatives Geschick. Sicherlich: Bei den kognitiven Fertigkeiten, den flinken Speicher- und Rechenprozessen, sind Maschinen uns voraus.

Bereits 1950 hatte der Mathematiker Alan Turing Computern Intelligenz bescheinigt. Der sich daraus entwickelnden KI-Euphorie verpasste Joseph Weizenbaum, ehemaliger Computerwissenschaftler am Bostoner MIT, mit seinem auf dem Turing-Test basierenden "Eliza"-Programm einen Dämpfer. "Eliza" simuliert eine therapeutische Situation so realistisch, dass die via Computer befragten Patienten sich in einer psychoanalytischen Sitzung wähnten. Als auch noch Therapeuten begannen, sich für das Programm zu interessieren, wandelte sich Weizenbaum zum Computerkritiker. Indessen hatte der Versuchsablauf mit echter Intelligenz wenig zu tun. Um dem assoziationserprobten Gedächtnis des Menschen Paroli zu bieten, müssten Maschinen zwischen den verschiedensten Wissengebieten wechseln können und daraus eigene, sinnvolle Aussagen und Erkenntnisse ableiten. Dazu benötigen sie neben Weltwissen auch die Fähigkeit zum Lernen. Ein in den USA angesiedelte Projekt des KI-Forschers Douglas B. Lenat hat sich dieser Aufgabe verschrieben: "CYC" ( www.cyc.com ) will herausfinden, welche Menge an Wissen nötig ist, bevor ein KI-System selbstständig zu schlussfolgern und damit zu lernen beginnt.

Sei es im Bereich der Mustererkennung, bei Sprach- oder Informationssystemen oder sei es auf dem Gebiet der Suchassistenten, die anhand eines vom Benutzer angelegten Profils beispielsweise Zeitungen selbsttätig nach entsprechenden Nachrichten durchforsten und immer mehr dem Geschmack des Benutzers auf die Schliche kommen können - mit künstlicher Intelligenz haben solche Anwendungen auf jeden Fall zu tun. Es wird aber noch Zeit vergehen, bis ein Computer kluge Ratschläge erteilt, wie "Hal" im Kubrick-Film "2001 - Odysee im Weltall": "Computer der Reihe 9000 haben sich noch nie geirrt."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben