Zeitung Heute : Ist Franzburg noch zu retten?

Der Tagesspiegel

Von Rico Czerwinski

Er ist wieder da. Der verrückte Hein ist wieder da. Am Nachmittag kam er aus seinem Haus gesprungen, und die Leute haben die Türen abgeschlossen. Hein ist der Wahnsinnige. Er ist der Spinner, der mit den schwarzen Zottelhaaren, der mit den Augen da, mit dem irren Blick. Jetzt steht er wieder am Rathaus, und was brabbelt er? Von Dreck und Personenkult? Stalin und Diktatur? Die Leute rücken die Gardinen zurecht und runzeln die Stirn.

Den sollte man fein wegschließen.

Aber Uwe Hein ist nicht so dumm, wie sie denken, Uwe hat sie durchschaut. Die wollten ihn ja schon für verrückt erklären lassen, da hat er sich zurückgehalten in letzter Zeit, hat viel in der Dachkammer gesessen, über seinen Chroniken, und die Schneckensammlung sortiert und nicht mehr gelästert über den Bürgermeister und seine Herren. Aber nun ist er schon seit Wochen so unruhig, hat so ein schlechtes Gefühl, und da kann er nicht, da will er nicht länger schweigen.

Das hat irgendwie mit der Stadt zu tun, Franzburg bei Stralsund in Vorpommern. Uwe sieht da noch nicht durch. Irgendwas stimmt nicht in Franzburg, irgendwas wird hier gespielt. Es ist fünf nach fünf, er steht am Markt, und im Rathaus gegenüber ist gerade das Licht ausgegangen. Dann sind auf einen Schlag alle Autos vom Platz verschwunden. Kein Mensch mehr zu sehen, der Markt gehört jetzt dem Wind und ein paar Edeka-Tüten. Nur bei „Annette“, der Friseurin, ist noch Licht. Die Chefin und ihre Angestellte färben sich mal wieder gegenseitig die Haare. Und schräg gegenüber stinkt’s. Das war mal das „Deutsche Haus“, eine Gaststätte, und im November haben dort ausgerissene Kinder kampiert. An die Rückseite des Hauses hat jemand Kühlschränke, Küchenabfälle und anderen Müll gekippt, wie hinter die meisten Fassaden an der Hauptstraße. Wirklich widerlich sieht das aus, aber mal angenommen, man hätte jetzt trotzdem Lust, etwas essen zu gehen. Dann könnte man das noch beim „Inder“, der eigentlich ein türkischer Dönerverkäufer ist, oder in einem leeren, düsteren Raum, in dem drei kurzhaarige Jungs um eine Kerze sitzen. Aber empfehlen würde Uwe das nicht, und außerdem war das früher der Konsum, und jetzt ist es das „Eiscafé am Markt“. Es gibt Ragout-Fin und Bockwurst.

Die ausgerissene Tür

Uwe hat durchgezählt: An der Franzburger Hauptstraße stehen von 60 Häusern 17 leer. In manchen stapeln sich die Zementsäcke seit Monaten, doch da bewegt sich nichts. Nur die Dächer sind heruntergekommen, und ein dummer Mensch hat eine Tür aus den Angeln gebrochen. Nun steht sie auf dem Bürgersteig und weint im Regen, und wenn vormittags Leute vorbeikommen, weichen sie vor der Tür auf die Straße aus. Aber auch dort, wo noch Menschen wohnen, ist kein Licht. Die Fassaden sind grau, die Rollläden heruntergelassen. Etwas stimmt nicht in Franzburg, und es wird immer schlimmer, Uwe hat Angst.

Natürlich hängt das alles mit der Arbeit zusammen, so viel ist ihm auch bewusst. Er hat gehört: Jeder Dritte in Franzburg hat keine. Früher fuhren die Leute nach Stralsund auf die Werft oder aufs Feld. Heute gibt die Bau-Genossenschaft die meiste Arbeit, 60 Plätze, gefolgt von zwei Tiefbaufirmen sowie dem Säge- und dem Kieswerk. Dabei wird hier gar nicht mehr so viel gebaut.

Klar, da sind viele abgehauen. Vor 1990 lebten mal 2800 Menschen in Franzburg. 1900 sind noch da. Oder genau 2027, je nachdem, ob man an der Uni in Greifswald oder beim Einwohnermeldeamt Franzburg fragt. Also ein Drittel bis ein Viertel weg. Nur Uwe nicht, Uwe hat Rente. Wegen der Nerven. Epilepsie, oder wie man das nennt.

Also 2000 Menschen. Und das soll eine Stadt sein? Naja, eine kleine eben. Und eine schöne, zumindest in Uwes Erinnerung. Da ist Franzburg verträumt und kuschlig, so ein richtiges Provinzstädtchen. Samstagmittag sorgt August, der Polizist, dafür, dass man die Straße fegt. Es gibt Spielzeug und Schreibwaren zu kaufen, mehrere Bäcker, mehrere Fleischer, eine Post und acht Gaststätten, die meisten an der Hauptstraße. Im „Schwarzen Hacken“ gibt’s das beste Bier und im „Deutschen Haus“ den schönsten Saal. Die Franzburger feiern Erntefest, Gartenfest, Fasching und „Ziegenball“. Sogar nach dem Krieg, da nur mit Holzlatschen. Die anderen Lokale heißen „Juhl“, „Bernstein“, „Ladwig“ und „Traube“. Das heißt, die „Traube“ gibt’s ja noch. Nur meistens ist abgeschlossen. Weil Aufmachen nicht lohnt und die Wirtsleute sich nun öfter selbst einladen. Sagt man.

Sogar am Bahnhof gab’s mal ein Restaurant. Bahnhof? Ach ja. Das ist, wo jetzt Edeka ist. Die Schienen haben die Russen geklaut, nach ’45.

Es kann nämlich gut sein, dass es in Franzburg auch früher schon Krisen gab. Uwe hat das studiert. Er ist nämlich Historiker, unter anderem. Sein Arbeitsplatz ist die Dachkammer, dort fühlt er sich, sagt er, „wie 20000 Meilen unter dem Meer“. Aus seinen Forschungen geht eindeutig hervor: Wirtschaftsprobleme und Abwanderung, das gab es schon immer in Franzburg. Aber leere Häuser an der Hauptstraße und ausgerissene Türen, das gab es noch nie. Man muss einen Experten fragen.

Uwe kennt einen. Wolfgang Weiß von der Uni Greifswald. Der wohnt drüben in Kreutzmannshagen und wollte mal Landrat werden für die PDS, aber ansonsten ist er okay. Ruft man bei Weiß an, sagt der nur tonlos: „Selektive Abwanderung, nun kommen die Folgen.“

Er warnt seit 30 Jahren. Er hat keine Lust mehr, niemand hört ihm mehr zu. Kein Bürgermeister, kein Landrat, kein Ministerpräsident. Weil für dieses Problem keiner Lösungen hat. Es sind nämlich nicht ganz verschiedene Menschen, die seit Jahrzehnten aus Gemeinden wie Franzburg verschwinden. Es waren und sind immer die gleichen. Vor allem die Jüngeren. Und die Mädchen. Und die Schlauen. Und ganz besonders nach der Wende. Deshalb gibt es in Franzburg unter den 22- bis 45-Jährigen heute 344 Männer und 319 Frauen, also mehr Männer als Frauen, was ungewöhnlich ist. Besonders viele fehlen in der Altersgruppe zwischen 34 und 45. Klar, die waren 1990 um die 22 bis 33 Jahre alt, passend für einen Neuanfang im Westen. Und in einem „demografisch aktiven Alter“, wie das so bei den Wissenschaftlern heißt: 1990 gab es in Franzburg etwa 30 Geburten. Fünf Jahre später elf. Da hatten die Frauen ihre Kinder schon anderswo geboren. Heute wohnen elf Siebenjährige in der Stadt und 16, die 77 sind. Franzburg ist vergreist. Aber das ist nicht das Schlimmste.

Es gibt da diese Studie von Wolfgang Weiß, über den „ländlichsten Raum“, eine Demografen-Kategorie. Darin geht es um die Folgen von selektiver Abwanderung, das sind teilweise heikle Themen. Neben Überalterung heißen die Vokabeln „fehlendes weibliches Korrektiv“, „kulturelle Degradation“, „Monopolstrukturen“, „Fehlen politischer Akteure“ und „außerordentliche Sozialkontrolle“. In der Studie geht es um kaputte Dörfer. Die Studie ist schon ein bisschen älter. Es ist nun auch in den Städten so weit.

Uwe hat das sozusagen instinktiv erfasst, und eigentlich braucht man sich ja auch nur vor das Seniorenheim an der Hauptstraße zu stellen und drinnen die vielen alten Frauen sehen, wie sie sich mit den Pflegerinnen an den Händen fassen und einen Reigen tanzen. Oder die drei glatzköpfigen Jungs, wie sie aus dem „Eiscafé“ wanken und in einen Golf steigen, und der Abend ist noch lang und keine Arbeit in Sicht, keine Frauen, nichts. Im November haben ein paar von ihnen mal eine Sitzung des Stadtparlaments blockiert und mit Blumenkübeln und Mülltonnen den Ausgang versperrt, sollte wohl symbolisch sein, aus Protest gegen die Jugendpolitik. Obwohl, in Franzburg gibt es ja eigentlich gar keine Jugendpolitik.

Oder man sperrt die Ohren auf und hört, was die Leute so wispern im Ort: „Jedes Jahr mehr bei den Sonderschülern.“ Franzburg hat, auch wenn es klein ist, eine Schule für geistig und körperlich behinderte Menschen. Noch immer gibt es nicht wenige, die sagen: „Wenn es gar nicht anders geht – Cousin oder Cousine geht gerade noch.“ Und dann war die Arbeit hier schon immer hart und primitiv, das hat die Menschen verbraucht, genau wie der Schnaps. Es heißt, die Traktoristen der Gegend konnten noch nie eine gerade Furche ziehen ohne „eins acht im Turm“. Und aus diesen ganzen Gründen gibt es nun eben Überfüllung in der Sonderschule und in der Grundschule zwei Förderklassen für „Minderbegabte“ und nur eine normale. Da ist einiges zusammengekommen in den letzten Jahren. Sogar der Bürgermeister sagt: „Es stimmt. Wir haben hier sehr viele, nun ja, gering qualifizierte Menschen.“

Es ist wirklich traurig in Franzburg, aber Uwe hat einen Trost. Wenn Bekannte aus Tribsees, Marlow oder Loitz zu Besuch kommen, wundern sie sich nicht über die ausgeräumten Läden und Gaststätten an der Hauptstraße. Sie lachen auch nicht über die Tür auf dem Bürgersteig. Bei ihnen zu Hause sieht es genauso aus. Drüben in Goldberg in Mecklenburg haben die Stadtväter Gardinen in verwaiste Wohnungen hängen lassen: Damit die Touristen den Leerstand nicht sehen. In Ueckermünde am Stettiner Haff gibt es fast 34 Prozent mehr Männer als Frauen im „demografisch aktiven Alter“, was Einsamkeit bedeutet oder Kinderlosigkeit für jeden dritten Mann. Die Großstadt Rostock hat seit der Wende 24000 Einwohner verloren, die Großstadt Schwerin 12000. Das heißt, Schwerin ist keine Großstadt mehr. Überall im Land müssen Wohnungen abgerissen werden, historische wie Plattenbehausungen, man schätzt jede Zehnte in Mecklenburg-Vorpommern. Die Politiker nennen es „Rückbau“ und versprechen sich davon eine „Gesundung der Städte“. Als wenn bei bösartigen Leiden Amputation das Mittel wäre.

Die Verwüstungen haben den ganzen Osten erfasst. Seit 1992 sind fast zwei Millionen Menschen ausgewandert. Nicht überall sind die Folgen so auffällig wie in Wittenberge in Brandenburg, wo sich die Einwohnerzahl in ein paar Jahren von einmal 29000 auf 17000 fast halbiert haben wird und die ganze Stadt am Zerbrechen ist. Nun war Wittenberge ja auch eine dieser aufgeblasenen Industriestädte, die nach der Wende wie Heißluftballons zusammenfielen. Hier in Franzburg in Vorpommern aber gab es nie Industrie. Hier in Franzburg gab es die ganz normalen Handwerksbetriebe, die Verwaltung und die Schulen, und deshalb sieht man mit Franzburg heute die ganz normale, kleine Stadt, die im Sterben liegt.

Und jetzt soll auch noch das Gymnasium dichtgemacht werden, per Kreistagsbeschluss. Dabei war es immer das Aushängeschild von Franzburg, dabei hat die Stadt immer von seiner Ausstrahlung profitiert. Öffentlich hat der Bürgermeister Unterstützung versichert. Doch eine Franzburger Einzelhändlerin und Mutter sagt: „Er will die Realschule verlegen. Aus dem kaputten Plattenbau ins renovierte Gymnasium.“

Ein mächtiger Vater

Es ist 2002, und seit 1990 regiert der Uhrmachermeister Johannes Rudolph die Stadt. Ein listiger Mann, ein mächtiger Vater. Rudolph weiß, was einige sagen, und er kennt auch den Hein, den kennt er gut. Was brabbelte der noch, vor einiger Zeit? Personenkult? Stalin und Diktatur? Der soll mal aufpassen, das ist ja…, ja, schon verrückt irgendwie. Rudolph kichert, immer kichert er. Er darf das, er kann sich das erlauben, er kann sich alles erlauben und hat gar nichts zu verbergen. Seine Gegenspieler im Parlament, die sind ja nicht eben beeindruckend, diese beiden Menschen von der SPD. Bis vor kurzem regierte Rudolph sogar die umliegenden Dörfer mit, als Amtsvorsteher. Außerdem sitzt er im Kirchgemeinderat, im Vorstand der Sparkasse und im Aufsichtsrat der Wohnungsbaugesellschaft. Er versteht sich prima mit Molkenthin, den sie den „schwarzen Landrat“ nennen. Die Partei der beiden, die CDU, hat acht Abgeordnete in der Stadtvertretung, und dann gibt es noch die Drei von der Freien Wählergemeinschaft, aber das Frei muss man auch in Anführungszeichen schreiben. „Die haben wir mit ins Boot genommen“, sagt der Bürgermeister. Und was ist mit der PDS? „Die brauchen wir bei uns in Franzburg nicht.“

Nach der 94er Wahl kamen die PDS-Abgeordneten einer nach dem anderen zum Bürgermeister und sagten: „Herr Rudolph, wissen Sie was, ich bin da jetzt reingewählt worden, und ich weiß gar nicht, wie das geht.“

„Kommen Sie her“, hat Rudolph gesagt, „ist doch nicht schlimm. Lassen Sie uns drüber reden.“ Bei der nächsten Wahl ist die PDS dann nicht mehr angetreten.

Er nennt’s „Umarmung“, eine „tolle Leistung“. Einerseits. Anderseits sagt er: „Wissen Sie, wenn Sie alles alleine machen müssen, wenn Sie immer an allen Ecken der Vorreiter sein müssen, dann ist das schon wahnsinnig schwer. Ich sag’s Ihnen offen: An manchen Tagen kotzt es mich an.“ Das würde Uwe gerne glauben, und der Rudolph sieht ja auch wirklich fertig aus, nur warum läuft er dann jedes Mal mit Blumensträußen in die Häuser, wenn Wahlen sind, und legt bei manchen die Parkbestimmungen großzügig aus und macht anderen das Leben schwer?

Naja, ein bisschen was hat er eben noch vor. Zum Beispiel das Altenheim, das „Zukunftsprojekt“ der Stadt. 1,8 Millionen Euro wollen er und sein Freund, der Heimleiter, da investieren, „Kapazitätssteigerung von 250 auf 500 Plätze“. Da fragt Uwe sich manchmal, was ein Altenheim eigentlich fürs Stadtleben tut. Wenn da mal Geld rauskommt, dann steckt der Bürgermeister es bestimmt gleich in den Golfplatz, seine Lieblingsidee. Oder in den Sumpf neben der Stadt, den will er fluten und mit einem „ökologischen Schutzgebiet“ die Massen anziehen. Der träumt nämlich noch von Touristen, dabei ist hier nichts als Dreck. Das Land sieht fleckig aus wie Pappe, die zu lange im Keller gelegen hat.

Aber was dann?

Schwer zu sagen. Man müsste wieder jemanden fragen. Vielleicht Schwüßelmann, das ist ein schlauer Mensch und ein guter dazu, ein Doktor, ein richtiger Volksdoktor.

Albert Schwüßelmann wohnt jetzt seit 40 Jahren in Franzburg, er kam an einem Sonntag vorbei, er weiß das noch genau, es war der 22.August 1964, und der Rotdorn blühte, und er kam aus dem Bautzener Wasserknast, wo er hingemusst hatte wegen Majestätsbeleidigung bei der NVA. Nach der Wende hat er mit Elan im Stadtparlament geackert für die SPD, und er hat es wirklich versucht. „Aber da sind Seelenverkäufer am Werk, die haben völlig den Bezug verloren. Das sind keine Roten und keine Schwarzen mehr, das sind Karierte. Die lassen keinen zu Wort kommen und treten in der Öffentlichkeit schon gar nicht mehr auf.“ Zwölf Jahre hat er auf den Wechsel gehofft, aber „der Pommer ist träge. Franzburg hat sich an seinen Uhrmacher gewöhnt.“

Albert Schwüßelmann wüsste schon, was es zu tun gäbe. Zuerst mal nicht immer alles auf „die Arbeitsplätze“ schieben. Es gibt Dinge, die ein Lokalpolitiker mehr beeinflussen kann. Zum Beispiel das Engagement der Leute. Man müsste sie ein bisschen kitzeln, zumindest, dass sie ihre Vorgärten ausmisten und ihre Fenster putzen. Die Menschen hier, das sind ja eigentlich gute Menschen. Aber verbittert und verkniffen. Schwüßelmann redet viel mit seinen Patienten, in den letzten beiden Jahren ist es wieder schlimmer geworden. 1998 hatten viele noch ihre ABM-Stellen oder was versucht als Unternehmer, übrig sind Schulden, Tränen in den Augen und Tage, die sich nicht mehr füllen lassen. Für den größten Teil ist einfach kein Licht zu sehen, die Illusionen sind weg, verbraucht. Um es mal verständlich zu sagen: Sie sitzen in ihren Kammern und saufen sich tot.

Wer wagt etwas?

Da müsste man sie rausholen, was für die Kultur tun, sie für die Gemeinschaft interessieren, auch wenn das nach DDR riecht. Vielleicht gerade deshalb. Man müsste die wenigen unterstützen, die den Ort noch ein bisschen lebenswert machen: den Sportverein, auch die Feuerwehr und besonders Frau Dieckmann, die die Behinderten zum Lachen bringt.

Aber was, wenn keiner mehr Kraft hat dazu?

Auf Schwüßelmann kann man jedenfalls nicht zählen. Schwüßelmann ist weg, hat sich abgeseilt. Er ist 67, und er hustet. Er will noch ein bisschen was sehen. War gerade in Australien, auf Bali und Singapur. Packt nun für Südafrika. Na, vielleicht wird er im Altenheim einen Lichtbildervortrag machen.

Und jetzt?

Jetzt ist niemand mehr da, der etwas wagt.

Niemand?

Uwe Hein zum Beispiel hat heute eine Menge gewagt. Er hat wieder gebrabbelt heute, und nicht wenige werden sagen, er hat Franzburg verraten. Dabei liebt er es doch. Hat doch Angst um Franzburg. Will nicht, dass Franzburg stirbt.

Es ist Mitternacht geworden in Vorpommern, er sitzt in Turnhose und Regenbogenpulli im Wohnzimmer und schielt ein bisschen vor Verzweiflung. Er hat noch bei zwei Leuten von der SPD angerufen, es sollte noch mal um die Zukunft gehen. Aber die haben aufgelegt, hatten wohl Angst, oder es war ihnen auch nur zu dumm mit ihm. So sitzt er nun allein, nur seine Mutter ist bei ihm, eine kleine, liebe Frau von 82 Jahren, aber die kann ihm auch nicht helfen, hat sowas noch nicht erlebt, kann ihm nur Fleischwurststullen machen und Tee, er ist allein. Und irgendwo kichert Johannes Rudolph, der Uhrmachermeister, „der Hein ist ein bisschen krank. Vergessen Sie das nicht.“

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