Zeitung Heute : Ist Heuschnupfen heilbar?

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Torsten Zuberbier, 42, ist Professor für Allergieforschung an der Klinik für Dermatologie und Allergologie an der Charité, Campus Mitte, und einer der führenden Spezialisten in Deutschland.

Allergien breiten sich immer weiter aus. Jeder dritte Deutsche leidet unter Atemwegsbeschwerden wie zum Beispiel Heuschnupfen. Hat die Forschung versagt?

Da kann man der Forschung keinen Vorwurf machen. Die Neigung zu Allergien ist im Menschen genetisch festgelegt. Und dass diese immer öfter zum Ausbruch kommen, liegt hauptsächlich im westlichen Lebensstil begründet. Das genetische Erbe ist nicht nur schlecht. Allergien sind ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem funktioniert. Es gibt Hinweise, dass Allergiker weniger häufig an Krebs erkranken und oft auch überdurchschnittlich intelligent sind.

Manche sagen, wir achten zu sehr auf Sauberkeit. Und die Allergie ist nur der Ausdruck eines unterforderten Immunsystems, das sich aus Langeweile einen neuen Feind sucht.

Das besagt die sehr populäre „Hygiene-Hypothese". Danach kommen wir durch die Zivilisation zu wenig mit Bakterien in Kontakt, und das Immunsystem stürzt sich zum Beispiel auf die ungefährlichen Pollen. Und auch, wenn wir den genauen Zusammenhang noch nicht kennen, so kann man doch sagen, dass übertriebene Hygiene kein Vorteil ist. Zivilisation heißt aber auch Straßenverkehr. Japanische Studien beweisen zum Beispiel, dass mit Dieselruß belastete Pollen häufiger Allergien auslösen.

Gibt es eine Prophylaxe gegen das Entstehen von Allergien, die Eltern für ihre Kinder beachten sollten?

Studien zeigen, dass Kinder, die auf Bauernhöfen mit Viehzucht aufwachsen, seltener an Allergien erkranken. Ähnlich ist es bei später geborenen Geschwistern im Vergleich zum Erstgeborenen – auch hier spielt die Hygiene eine Rolle, kommen Geschwister doch eher mit Bakterien und Schmutz in Berührung als Einzelkinder. Ein Kind, das buchstäblich in einem Schweinestall auf dem Bauernhof aufwächst, hat theoretisch weniger Allergieprobleme – doch das ist natürlich nicht praktikabel. Aber ein wenig mehr Gelassenheit gegenüber Unsauberkeit wäre wünschenswert. Doch das Hauptrisiko für ein Kind, zum Allergiker zu werden, ist nicht die Hygiene, sondern das Passivrauchen. Beispielsweise, wenn die Mutter in der Schwangerschaft raucht oder das Kind in seinen ersten Lebensjahren den Qualm seiner Eltern in der Wohnung einatmen muss.

Ist Heuschnupfen heilbar?

Atemwegsallergien sind heutzutage exzellent behandelbar. Trotz Allergie bewahren moderne Arzneimittel – die so genannten Antihistaminika – die Lebensqualität. Und mit Hilfe der Hyposensibilisierung bestehen sogar Chancen, den Heuschnupfen zu heilen. Bei 90 Prozent der Patienten führt dies zumindest zu einer Besserung. Allerdings liegt der Anteil derjenigen, bei denen die Allergie hundertprozentig geheilt wird, bei deutlich unter der Hälfte. Noch. Denn das wird sich in absehbarer Zeit ändern.

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