Zeitung Heute : Ist mediale Gewalt eine reale Bedrohung für Kinder? Wenn man es nur wüsste.

Mechthild Zschau

Sie sind wirklich nicht zu beneiden, die Medienpädagogen und Medienwissenschaftler. Kaum ersticht ein Schüler seine Lehrerin, kaum erschießt ein junger Mann wildfremde Menschen, kaum planen drei Schüler die Ermordung der Schulleiterin, ist ist wieder mal das Fernsehen schuld, und mit ihm stehen Pädagogen und Wirkungsforscher am Pranger. Und die Eltern und die Politiker. Denn eines müsste doch klar sein: Wenn Tag für Tag Mord und Totschlag in aller Detailtreue aus unserem geliebten Fernseher dringen, muss das ebensolche Gewalt im Alltag zur Folge haben. Vor allem Jugendliche beziehen doch bekanntlich ihre gewalttätigen Identifikationsmuster aus dem Medium. Oder? Sind die unsere Welt verseuchenden Bilder wirklich an allem schuld, wie Kinderärzte und eine Psychoanalytikerin bei der Tagung "Mediale Gewalt - eine reale Bedrohung für Kinder?" der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur" in Berlin so wortreich beklagten? Schuld an Magersucht der Mädchen, an frühkindlichen Störungen, an Angst und Aggression in den Schulen, auf den Straßen und Sportplätzen? Müssen nicht endlich die Kinder geschützt, die Medien zu Maß und Vernunft verdonnert, wirksame Präventionsmaßnahmen eingerichtet werden?

Vorsichtig winkt erst einmal die Politikerin ab. Familienministerin Christine Bergmann erklärt, warum es neben dem, wie sie zugibt, nicht sonderlich wirksamen Jugendschutz nur Selbstkontroll-Einrichtungen der (elektronischen) Medien gibt: die Erfahrung mit Zensur in den Diktaturen hat uns im Grunde empfindlich gemacht gegen staatliche Eingriffe. Dennoch muss - gerade angesichts eines Internets, das bald alle Sender der Welt empfangen läßt - über Regeln nachgedacht werden. Bis dahin helfen nur Appelle an die Vernunft der Programmverantwortlichen, die schlimmsten Gewaltdarstellungen in die Nacht zu verbannen.

Die Medienforscher wiegen noch bedenklicher den Kopf. So einfach sind die Zusammenhänge nicht. Für den direkten Einfluss der grausamen Bilder auf das reale Verhalten fehlt schlicht jeglicher Beweis. Zwar korrelieren die Kurven zwischen Fernsehkonsum und Gewaltbereitschaft erstaunlich: hoch bei den Jugendlichen, niedrig im mittleren Alter, steiler Anstieg wieder ab 50, wie Jürgen Grimm von der Universität Augsburg darlegt. Aber was ist Henne, was Ei? Isoliert Aggressivität, so dass das Fernsehen die soziale Leere füllen muss? Schafft das Fernsehen jene Aggressivität? Schulterzucken.

Wir erinnnern uns schaudernd an den scheinbar ordentlichen, den klinischen Krieg am Golf. Dass fiktive und nachrichtliche Bilder von Gewalttätigkeit nichts grundsätzlich Verschiedenes sind (wohl aber genauestens unterschieden werden können von den Nutzern), belegt der Soziologe Lothar Mikos. Jedes Bild im Fernsehen ist inszeniert, jedes gestaltet, mal steht der Action-Effekt im Vordergrund, mal der sozialkritische Inhalt. Immer besteht ein erzählerischer Sinnzusammenhang. Und nicht nur dadurch unterscheiden sich diese Bilder von real erlebter Gewalt: das Medium schiebt sich zwischen Tat und Zuschauer, er kann nicht involviert werden. Und so könnte es durchaus möglich sein, dass Gewaltdarstellungen nicht nur nicht schädlich sind, sondern gar dem "Gefühls-Management" dienen. Oder dem Erlernen der Unterscheidung von legitimer und illegitimer Gewalt, von Gut und Böse.

Warum aber sehen so viele Jugendliche mit solcher Faszination Filme oder Computer-Spiele, die vor Blut und Zerstörung nur so strotzen? Schon vor hundert Jahren klagten die Erwachsenen über die Schundliteratur und ihren üblen Einfluss auf die zarten Seelen der Jungen - und rannten gleichzeitig zu den Hinrichtungen.

Horrorfilme etwa, sagt der Familientherapeut Jan-Uwe Rogge, dienen der Abschottung von der ordentlichen, gebote-triefenden Welt der Erwachsenen, der Erkundung verbotener Welten und der eigenen Grenzen. Mutproben also, Nervenkitzel, Angstlust. Was nur funktioniert, wenn sich die Pubertierenden freiwillig dem aussetzen, das Spiel mit dem Als-ob ernstnehmen, das Ende gut ist. Wenn eines dieser drei Elemente fehlt, siegt die Angst.

So ersetzen unter Umständen Gewaltdarstellungen in den Medien den Mangel an jenen Ritualen in unserer Gesellschaft, die Aggression ist nicht nur böse, sondern auch ein kreativer Antrieb. Sind also die Bilder der Gewalt gar nicht so schrecklich schlimm? Haben sie gar sublimierende Wirkung? Dienen sie als Fluchtpunkt vor der angstmachenden Unsicherheit in den familiären und sozialen Strukturen? Ist ihre derzeitige Häufung gar ein Ausdruck einer Gesellschaft im Umbruch, die mit ihrer Krise und den Krisen Einzelner nicht fertig wird? Nichts Genaues weiß man nicht. Nur eines ist klar: Das vorurteilsfreie Nachdenken über Gewalt, Angst und Aggressivität ist wichtiger denn je.

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