Zeitung Heute : IT-Academy – die digitale Revolution

Die Gesamtschule Bellevue in Saarbrücken will Maßstäbe setzen: mit maßgeschneiderten Homepages für Schüler, Zertifikaten für Fitness am Computer – und Software für Problemschüler

Stefan Jacobs

Im Erdgeschoss findet die Kicker-WM statt und unterm Dach die digitale Revolution. Zuerst zur WM, ganz kurz nur: Die Eröffnungsspiele in der großen Pause waren spektakulär. Deutschland gegen Costa Rica 11:0, Polen – Ecuador 9:2, und England hat Paraguay mit 12:2 geschlagen. Gewonnen haben aber alle: Wer andere zwischen zwei Stunden im Tischfußball schlägt, schlägt sie sonst nicht, sagt der Leiter des Schülertreffs, Schulseelsorger und Religionslehrer Detlef Born. Denn Kickern beschere auch denen Erfolg, die sich sonst schwer mit den Schlauen und Schönen messen können.

Eine wertvolle Erkenntnis für die Gesamtschule Bellevue in Saarbrücken. Die Eigenheime auf dem Hügel rings um den dreistöckigen Betonkasten verdecken kaum den Blick auf mehrere soziale Brennpunkte, aus denen viele der 650 Schüler kommen. In diesem Umfeld setzt die Schule Maßstäbe. Womit wir bei der digitalen Revolution wären: Treppe hoch, Raum 209.

Das Klassenzimmer hat drei Türen. Durch eine kommt man rein. Durch die anderen beiden gelangt man jeweils in ein Computerkabinett mit Software, wie sie selbst die schnellsten Hacker noch nicht gesehen haben. Nur die Klasse 5a. „Das sind jetzt noch Zwerge“, sagt Klassenlehrer Günter Hoffmann. „Aber was sie machen, ist außergewöhnlich.“ Einige hören Co-Klassenlehrerin Elke Mayer zu, andere hocken leise klickend vor ihren Rechnern, in die sie sich mit eigenem Passwort eingeloggt haben. Auf ihren von den Lehrern maßgeschneiderten Homepages sehen sie anstehende Aufgaben samt Fälligkeitstermin, interessanten Links und per Mail geschickten Hinweisen. Die elfjährige Jeanette rauscht gerade routiniert durch ihre Kopfrechenaufgaben, verbindet die Aufgaben links auf dem Bildschirm mit dem jeweils richtigen Ergebnis in der Auswahl rechts. Nach zwei Minuten ist sie durch, klickt die nächste Seite an: schriftliche Multiplikation, mit Ziffern zum selber Eintippen. Sie findet sich blind auf der Tastatur zurecht. Die bearbeiteten Aufgaben wird ihr Lehrer online kontrollieren.

Die Bellevue-Schule ist IT-Academy. Sie war eine der ersten überhaupt. Weil der inzwischen pensionierte Schulleiter schon vor fünf Jahren erkannt hatte, dass die in fast jeder Stellenausschreibung geforderten Kenntnisse der Microsoft-Office-Anwendungen sich mit den üblichen Bescheinigungen über die Teilnahme an einem Computerkurs nicht überzeugend nachweisen ließen. Gemeinsam mit einem Strategen der Arbeitsagentur reiste Informatiklehrer Hoffmann zu Microsoft nach München. Das Unternehmen war aufgeschlossen – und vereinbarte mit der Schule eine Partnerschaft. Nun können die Schüler zwei Gütesiegel erwerben: „Microsoft Office Specialist“ (MOS) und „Computing Core Certification“ (IC3). Die Schüler erhalten die Zertifikate nach online absolvierter und bestandener Prüfung direkt von Microsoft. Bei den ersten Prüfungen im vergangenen Jahr haben von 60 Realschul-Abgängern mehr als 30 den MOS-Abschluss bekommen, erzählt Hoffmann. Jene, die weitermachen bis zum Abitur, werden ihn ohnehin erreichen. Er erwartet, dass sich MOS als Standard etabliert – als der Beleg für Fitness am Computer. Und bei Microsoft heißt es: „Die Bellevue ist eine unserer aktivsten Schulen.“

Für die „Zwerge“ aus der 5a ist es das erste Jahr auf der Bellevue. Wenn Jeanette und die anderen zwölf sind, werden sie Word-Dokumente maßschneidern, Tabellenkalkulationen erstellen, Dateien verwalten, später Ergebnisse als Grafiken darstellen und Referate in Powerpoint-Vorführungen präsentieren. Im Internet recherchieren können sie längst, wie an der Wand hängende Ausdrucke beweisen. „Tiere“ hieß das Projekt, das sie in Informatik ebenso beschäftigt hat wie in Biologie, Deutsch und Gesellschaftswissenschaften. Natürlich können Fünftklässler mit eigenem Internetzugang Blödsinn anstellen. „Das Risiko gehen wir ein“, sagt Hoffmann und schwärmt: „Wir sind direkt mit Microsoft vernetzt. Niemand sonst ist bei der Software auf so aktuellem Stand wie wir.“ Diese Chance soll mit der 5a mehr denn je genutzt werden: „Ich bin gespannt, was wir aus denen machen können.“

Doch wer eine so gemischte Schülerschaft hat wie die Bellevue, darf über die Elite nicht die anderen vergessen. Deshalb sollen ab nächstem Jahr auch jene ein Zertifikat bekommen können, die die Bellevue mit Hauptschulabschluss verlassen. Rechner gibt es im ganzen Haus genug; beim Gang über die hellen, sauberen Schulflure hat man den Eindruck, dass hinter jeder dritten Tür ein Computerkabinett steckt. Viele hat der Stadtverband als Schulträger finanziert, andere sind von Unternehmen gesponsert, weitere aus dem Schrott gerettet worden.

So viel Technik ermöglicht auch Experimente: Die Pädagogen Ulrike Hochscheid und Raphael Wünsch haben Programme für Problemschüler entwickelt, das E-Learntagebuch beispielsweise. Es sieht aus wie ein Organizer und hilft, das Aktuelle aus der Schule zu rekapitulieren. Ziel war, auch Wackelkandidaten den Hauptschulabschluss zu ermöglichen. Dass die Programme gerade an der Bellevue praktisch getestet werden, erklärt Ulrike Hochscheid so: „Ich kannte die Schule und die Lehrer – und wusste, dass das hier klappen wird.“

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