Zeitung Heute : IT-Berufe: "IT ist ein Synonym für Weiterbildung"

Lothar Lappe

Die Informations- und Telekommunikationstechnologie durchdringt als Hard- und Software - anders als alles je da gewesene - fast alle Produktions- und Dienstleistungsbereiche. Innerhalb kurzer Zeit ist mit der IT / TK-Industrie eine Branche entstanden, die vom Beschäftigungsumfang her die Automobilindustrie bereits überholt hat. Die Entwicklungsgeschwindigkeit von Hard- und Software allerdings stellt unseren Arbeitsmarkt beziehungsweise unser Bildungssystem vor ein quantitatives und qualitatives Dauerproblem. In der primären Software-Branche, den Software-Herstellern, herrscht in quantitativer Hinsicht bereits großer Fachkräftebedarf, der in den sekundären Software-Branchen, den so genannten Anwendern, in Zukunft noch weit größere Dimensionen annehmen wird.

Zu den sekundären Branchen zählen Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau, Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, die einen besonders hohen Anteil an Softwareentwicklung und -anwendung aufzuweisen haben. Noch Anfang der neunziger Jahre war die Nachfrage nach Computerspezialisten gering, 1993 wurden nicht einmal 8000 Personen gesucht. Der Beruf des Informatikers galt keineswegs als Zukunftsberuf. Zur Zeit gibt es je nach Quelle 75 000 bis 100 000 offene akademische Stellen. Auch der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften unterhalb der akademischen Ebene steigt explosionsartig. Der Verband der Softwareindustrie (VSI) schätzt, dass 400 000 IT-Experten fehlen, wenn nicht nur die freien Stellen bei den Software-Herstellern und Dienstleistern, sondern auch die der Anwenderunternehmen in die Bilanz einbezogen werden.

Der VSI empfiehlt den Unternehmen, nicht mehr nur auf fertige Informatiker zu warten, sondern die Investitionen in die Weiterbildung zu verstärken. Jede zweite im letzten Jahr eingestellte IT-Fachkraft war Absolvent von Weiterbildungsprogrammen: Es handelte sich um zuvor arbeitslos gemeldete Bewerber oder um Quereinsteiger.

Praktizierte Selbsthilfe

Auch in qualitativer Hinsicht beschert uns die Software-"Revolution" ein Bildungsproblem, das kaum lösbar erscheint. Entgegen der gängigen Meinung wurde die Entwicklung in den IT-Branchen von der Politik, den Bildungsinstitutionen und anderen nicht verschlafen, sondern die Umwälzung der Produktionsprozesse läuft allen davon. Da die primären und sekundären Bildungseinrichtungen den wachsenden Qualifikationsbedarf an den Arbeitsplätzen kurz- und mittelfristig nicht decken können, sind die Betriebe längst zur Selbsthilfe übergegangen: Während beispielsweise IBM die eigenen, aber auch Arbeitnehmer von außerhalb im Umgang mit den üblichen Officepaketen ausbildet, engagiert sich Cisco Systems massiv in den hessischen Schulen, um den immensen Bedarf an Netzwerkern zu decken. Oder Start-Up-Betriebe richten Jugendcamps ein, um Nachwuchskräften im Schulalter die Gelegenheit zu geben, an IT-Projekten mitzuarbeiten; Unternehmen wie Siemens und Lufthansa erhöhen die Zahl ihrer Ausbildungsplätze im IuK-Bereich; die Deutsche Telekom, der ZVEI, die IG-Metall und die Deutsche Postgewerkschaft wollen ein branchenweit anerkanntes Fortbildungssystem auf der Basis der Berufsbilder "Web-Master", "IT-Consultant" oder "IT-Systems Engineer" schaffen; die Industrie- und Handelskammern haben zusammen mit Weiterbildungsträgern - etwa mit dem "Net-Scout-Programm" - eine Qualifizierungsoffensive gestartet. Eine Aufzählung, die beliebig fortgesetzt werden könnte. Fazit: Die Informationstechnologie ist geradezu das Synonym für Weiterbildung.

Auch die mit der Greencard-Initiative verbundenen Probleme machen deutlich, dass wir verstärkt auf die eigenen Weiterbildungsressourcen zurückgreifen müssen. Hatte man zunächst befürchtet, dass die Green Card bei den ausländischen IT-Profis schlecht ankommt, stehen bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) mittlerweile 12 000 Gesuchen von Bewerbern 800 Stellenangebote von Firmen gegenüber.

Die Ursache der mangelnden Vermittelbarkeit liegt in der spezifischen kommunikativen Struktur der IT-Tätigkeiten: Die Firmen halten sich zurück, da die ausländischen Bewerber oft nicht gut genug Deutsch sprechen, um mit späteren Kunden verhandeln zu können.

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