Zeitung Heute : Italien, ganz unten

Marode Häuser, Arbeitslosigkeit, Mafia: das ist Palermo. Nun wählt die Stadt einen Bürgermeister. Einen alten Bekannten?

Paul Kreiner[Palermo]

Eben lagen sie noch an der Kasse. Ein ganzer Stapel, blau, Hochglanz, mit gelbem Gummi zusammengehalten. Jetzt sind sie hinter einem Blumentopf versteckt.

Es geht auf 20 Uhr zu, die Gäste strömen in die Trattoria „Graf Cagliostro“, da will man nicht aufdringlich sein mit dem Bild eines Bürgermeisterkandidaten. Diego Cammarata, 56, Anwalt, Mann der Berlusconi-Partei „Forza Italia“, Amtsinhaber seit fünf Jahren. Am Sonntag ist Wahl, Palermo hat ernsthafte Probleme.

Die Trattoria „Graf Cagliostro“ liegt mitten in Palermos Altstadt, in einem Gassengewirr. Die Touristen, die karawanenweise hier durchgeschleust werden, sind entzückt: so malerisch. Die Palermitaner haben eine andere Sicht. Im historischen Zentrum krachen Häuser zusammen. Gerippe von Dachstühlen, einst prächtige, nun vernagelte Toreinfahrten, dahinter Schutt, Gerüste stützen marode Fassaden. Knapp 300 „Palazzi“ in der Altstadt gelten als akut einsturzgefährdet, neunzig sind bewohnt. Es sind die Folgen einer massenhaften Anwohnervertreibung in den 60er Jahren. Seither verfällt in dieser Gegend alles.

Die repräsentative Piazza Marina jenseits der Hauptstraße wirkt dagegen wie ein Relikt früherer Pracht. Die Universität residiert dort. Dort arbeitet die Psychologieprofessorin Maria Grazia Scafidi Fonti und erzählt von großen Zeiten Palermos: Industrialisierung, Belle Epôque, Hauptstadt des Jugendstils. Scafidi Fonti hat allerdings auch nicht vergessen, dass in den 60er Jahren großflächig alte Bausubstanz abgerissen wurde. Und welch schwerwiegende Folgen das bis heute hat. Es begann, was Scafidi Fonti einen „sozialen Wandel ohne Beispiel“ nennt.

Ein neuer Bürgermeister trat an, der vieles neu bauen wollte. Spekulanten und schnelles Geld kamen in die Stadt, die Mafia wurde wichtigster Wirtschaftsfaktor. Der damalige Bürgermeister hing mit drin. Die Bewohner des Zentrums wurden zu Tausenden umgesiedelt, in Plattenbau-Ghettos am Stadtrand, ohne Infrastruktur. Die Folgen: Entwurzelung und Entfremdung. Menschen, die ihre Läden im Haus ihrer Wohnung hatten, waren plötzlich Wohnung und Arbeit los. Ohne Alternative. Ohne Verkehrsanbindung an die Innenstadt. Das alles, sagt die Psychologieprofessorin, wirke bis heute fort. Entsprechend verbreitet sind Arbeitslosigkeit und Kriminalität in den Plattenbausiedlungen.

Italiens führende Wirtschaftszeitung „Sole 24 Ore“ untersucht jedes Jahr die 103 Provinzhauptstädte Italiens auf ihre Lebensqualität hin. Palermo belegt zuverlässig hinterste Plätze. Lebenserwartung, Luftwerte, Abwasserreinigung: mies. Kaufkraft, Wirtschaftskraft: die Hälfte von Rom. Zahl der Arbeitsplätze: vorletzter Platz. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 19,2 Prozent, doch die nationale Statistikbehörde schätzt, dass nur ein Viertel der 686 000 Bewohner Arbeit hat.

Es gab Hoffnung. Vor Jahren. 1985, als der Verfall immer deutlicher wurde, wurde ein christdemokratischer Jura-Professor, 38, Bürgermeister: Leoluca Orlando. Heute weiß man, dass auch er nicht den wirtschaftlichen Aufschwung brachte. Dafür aber etwas, was einige nun sehr vermissen: Orlando habe „über Parteigrenzen hinweg ein Wir-Gefühl“ erzeugt, sagt Professorin Scafidi Fonti.

Vor allem gab Orlando den Vorkämpfer gegen die Mafia. Er brachte eine Bürgerschaft hinter sich, die sich terrorisiert fühlte von den Kriegen, die die Mafia in der Stadt führte. Orlando predigte Gegenwehr, stets in der Gefahr, das nächste Opfer zu sein. Nach den Attentaten auf die Mafia-Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino brach in Palermo vor 15 Jahren der erste Bürgeraufstand gegen die Mafia aus. Orlandos Widerstand hat ihn weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Gewonnen hat er nicht, aufgegeben auch nicht. Er war, zwischen 1985 und 2000, mit Unterbrechungen, drei Mal Bürgermeister. Er tritt nun an, um es zum vierten Mal zu werden.

Attilio Bartolotta war sehr jung, in den Zeiten des Aufstands. Nun gehört er der Studentengruppe „Addio Pizzo“ an, die versucht, den zwischenzeitlich erlahmten Kampf wieder aufzunehmen und Geschäftsleute davon abzubringen, Schutzgeld an die Mafia zu zahlen. Bartolotta berichtet stolz, dass 200 Geschäfte mitmachen. Und doch sind es 200 in einer großen Stadt. Und die Polizeidaten besagen, dass vier von fünf Betrieben in Palermo weiter Schutzgeld zahlen.

„Die betrachten das als ganz normale Art von Gewerbesteuer“, sagt eine Journalistin, die sich mit dem Thema bestens auskennt. In der etablierten Geschäftswelt, der Palermo-typischen Grauzone, wo sich Bürgertum, Wirtschaft, Politik und Mafia durchdringen, habe Addio Pizzo keine Chance. Auch, weil viele junge Palermitaner kaum eine Aussicht auf feste Arbeit haben, wenn sie nicht im Geschäft ihrer Eltern mitarbeiten können – oder auswandern, wie so viele. Dann lassen sie sich von der Mafia vermitteln.

Orlando hat im Wahlkampf seinen Widerstand gegen die Clans bekräftigt; Amtsinhaber Cammarata auch, deutlich verhaltener allerdings. Aber die beiden Kandidaten bekämpfen sich vorrangig auf der Ebene persönlicher Eitelkeiten. Orlando hat zu seiner Zeit das größte Opern- und Theaterhaus der Stadt nach 23 Schließungsjahren wieder eröffnet; das gilt bis heute als kultureller Durchbruch. Hat Theater und Musik in Quartiere gebracht, die als ausgestorben oder, aus Sicherheitsgründen, als unzugänglich galten. Cammarata hat Orlandos Kurs weiterverfolgt. Er bekam, mit Geschick und weil in Rom Parteifreund Berlusconi regierte, Gelder, die zuvor blockiert waren.

Letztlich konnten beide Palermo nicht aus der Krise führen. Wem die Leute am Sonntag ihr Vertrauen schenken? Kaum jemand möchte darüber sprechen. Entsprechend verwirrt sind die Meinungsforscher. Sie prognostizieren „46 bis 52 Prozent“ für den einen Kandidaten und „47 bis 53 Prozent“ für den anderen.

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