Zeitung Heute : ITALIEN

Es gibt etliche Nicht-Italiener, die in Italien Kriminalromane schreiben – dort aber kaum gelesen werden. Das ist im Fall der Amerikanerin Donna Leon ebenso wie bei dem Briten Michael Dibdin. Besonders bei ihm ist es ein Jammer, denn er verbindet kritische Landeskunde mit einem originellen Serienmodell und Spannungshandwerk auf höchstem Niveau.

In einem knappen Dutzend Romanen jagt Dibdin seinen Kommissar Aurelio Zen über den Appenin: Von Perugia lässt er ihn nach Sardinien, Rom und Venedig versetzen. Es folgen Neapel, das Piemont, Sizilien, die Toskana, Südtirol, Bologna und zuletzt ein kalabresisches Dorf. Die Romane profitieren von den enormen kulturellen Unterschieden zwischen den italienischen Regionen – ihren Mentalitäten, Traditionen, Dialekten und Verbrechensformen. Die Schauplätze fungieren allerdings nicht nur als pittoreske Kulissen, sondern geben den Delikten ihre spezifische Gestalt. In „Schwarzer Trüffel“ muss Zen schnellstmöglich einen Mordfall lösen, damit die Ernte des teuren piemontesischen Weins Barbaresco eingebracht werden kann. Seinem eigenen Ende entgeht er in „Sizilianisches Finale“ nur knapp, als er in Umverteilungskämpfe zwischen abgehalfterten und aufstrebenden Mafia-Clans gerät. Dibdin erzählt von den Konflikten zwischen traditionellen Werten und modernisierter italienischer Gesellschaft, etwa der Umwandlung vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland. Hochbrisante Stoffe liefern aber auch die linken und rechten Terrorszenarien der siebziger und achtziger Jahre oder der Aufstieg Berlusconis. Was ihn interessiert, ist die verschwimmende Grenze zwischen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung, ein durch politisch gewollte Vertuschung entstandenes Aufklärungsdefizit.

Aurelio Zen ist ein ambitionsloser Polizist mit Moralvorstellungen, die sich karrierehemmend auswirken. Wegen seiner Versetzungen ist er überall ein Fremder, scheint sich an jedem Ort neu zu entwerfen und ist somit unberechenbar. Vor allem aber hat Zen erkannt, dass er weniger Akteur als Spielball höherer Instanzen ist. Mal findet er keine Lösung, mal eine falsche. Das italienische Amalgam aus organisiertem Verbrechen, korrupter Politik und Justiz sowie einer Kultur des Schweigens scheint undurchdringlich. Vielleicht spiegelt sich in Zens Illusionslosigkeit und zunehmender Müdigkeit aber auch die seines Autors. Michael Dibdin ist im vergangenen Jahr im Alter von nur 60 Jahren gestorben.

STEFFEN RICHTER

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