Zeitung Heute : ITALIEN

sich diplomatischer aus[inhaltlich aber]

Zum Verhältnis zwischen Deutschland und Italien gibt es eigentlich eine sehr stabile Weisheit: Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie achten sie nicht; die Italiener achten die Deutschen, aber sie lieben sie nicht. Doch die Krise fegt nun auch die Sicherheit der Redewendungen hinweg: Italia achtet Germania heute auch nicht mehr. Von den Bars an der Straßenecke bis zum Hohen Haus des Parlaments herrscht in Wut und Neid nur mehr eine Meinung vor: Die Regierung in Berlin, „Frau Merkel“ vor allem, sei schuld daran, dass die Lage immer schlechter werde. Das reiche, überhebliche Deutschland tyrannisiere die anderen, indem es nur härtestes Sparen und tiefste soziale Einschnitte verlange; da könne es mit einem Aufschwung nie etwas werden.

Nationale Egoismen seien es, die Europa kaputt machten, sagte am Mittwoch Angelino Alfano, der Chef von Berlusconis Partei PDL, im Parlament: „Und an der Spitze der Egoismen steht Deutschland.“ Parteichef Pier Luigi Bersani von der sozialdemokratischen Konkurrenz ergänzte: „Wenn Deutschland nicht endlich zu einer Verantwortung für Europa findet, ist es unsinnig, dass die Länder an der Peripherie dauernd Buße tun.“ Sie hätten zwar allen Grund dazu, aber es führe nicht weiter.

„Deutschland hat Hilfe von Europa erfahren“, sagen andere Abgeordnete, „bei seiner Wiedervereinigung und in seiner eigenen Krise 2002/03.“ Damals habe Deutschland – im Verbund mit Frankreich – eine Aufweichung der Maastricht- Kriterien verlangt und bekommen. Berlin möge sich daran erinnern.

Regierungschef Mario Monti drückte sich diplomatischer aus, inhaltlich aber genauso drastisch. Bisher sei weder in Brüssel noch in Berlin die „Krise der Euro-Zone als gemeinschaftliches Problem begriffen“ worden, sagte er am Mittwoch, als er zu Besuch bei Finanzminister Wolfgang Schäuble war.

Italienische Wirtschaftsexperten erklären, es sei gerade die wirtschaftliche Kluft zwischen Deutschland und den schwächeren Staaten, die jetzt den Euro bedrohe. Die Kluft sei seit Einführung des Euro stark gewachsen. Ohne eine gemeinsam verantwortete Schuldenpolitik, schreibt die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“, verschlimmere sich die Situation: Die Angst vor dem Domino-Effekt wächst. Paul Kreiner, Rom

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben